Politik sollte die Kunst des Möglichen sein. Am 11. März unterbreitete in Hannover Ministerpräsident Kopf dem Landtag und dem britischen-Zivilgouverneur den Rücktritt seines Kabinetts. "Eine längst brüchige Koalition ist an dem Prüfstein der Bodenreform gescheitert", schrieb triumphierend ein sozialdemokratischer Minister. Doch da die Parteien sich bisher als unfähig erwiesen haben, ein neues Kabinett zu bilden, so führt Seit mehr als zwei Monaten eine Regierung die Geschäfte weiter, die nicht das Vertrauen des Landtags besitzt, regiert eine "brüchige Koalition" und aus der Kunst des Möglichen ist eine Kunst des Nötigsten geworden.

Mit dem Rücktritt des zweiten Kabinetts Kopf trat eine Regierung ab, in der alle demokratischen Parteien des Landes, vertreten waren bis zum Februar 1948 sogar die Kommunisten. Das "enfant terrible", das nun der Bildung einer neuen Regierung im Wege steht; ist die Deutsche Partei. Die stärkste Fraktion, die SPD, lehnt es kategorisch ab, mit ihr erneut eine Koalition einzugehen. Auf der anderen Seite kann sich die CDU, die an sich bereit wäre mit der SPD zusammenzuarbeiten, nicht entschließen, die DP fallen zu lassen. Denn dann, würde nicht nur der bürgerliche Block in Niedersachsen (CDU, DP, FDP und Zentrum), der für gewöhnlich den Linksblock mit drei Stimmen Mehrheit überstimmte, zersplittern, sondern darüber hinaus die CDU auch im Frankfurter Wirtschaftsrat die Stimmen der DP einbüßen. Dieser Preis ist Dr. Adenauer in Köln und Dr. Holzapfel in Frankfurt zu hoch.

So ist man in Hannover reichlich ratlos. Daher hat in der vergangenen Woche Gouverneur Lingham den Landtagspräsidenten beauftragt,, ihm einen Mann vorzuschlagen, der ein Kabinett aus Männern bilden könnte, die dem Landtag genehm aber nicht unbedingt von den Parteien abhängig seien. Sicher kein schlechter Vorschlag, doch für das einzelne Fraktionsmitglied eines deutschen Parlaments existieren heute – schon wieder oder noch – überhaupt keine Männer, die ihm genehm sein dürften, ohne daß sie ihre Befehle aus einem Partei-Hauptquartier empfingen. Vermutlich wird dies auch den Wählern nicht lange verborgen bleiben, und wenn bereits aus den Wahlen im vorigen April in Niedersachsen die Nichtwähler als "stärkste Partei" hervorgingen, so dürfte sich dies Ergebnis durch solche politischen Manöver, wie sie in Hannover durchexerziert werden, in Zukunft nicht gerade zugunsten der Parteien ändern. C. J.