Von Hubert Doerrschuck

Was da zuvor’pausenlos geschrien hatte, war also ein Esel gewesen. Der Schrei klang unheimlich wie ein Urlaut, und nun kommt ein Esel dabei heraus, der zutraulich seinen schweren Kopf aus den Stäben des Geheges streckt, daß man ihn liebkosen soll. An den Gitterstäben liest man übrigens auf einem kleinen Schildchen: Wapiti – Heimat Nordamerika. Nebenan steht zu lesen: Edelhirsch. Aber es ist nur ein schwerer Apfelschimmel, der den Boden nach Grashalmen absucht. Nun ist es natürlich nicht so, daß man dem Publikum ein X für ein U oder einen Esel für einen Wapiti vormachen will, sondern der Tiergarten verdient seinen Namen noch nicht, das heißt: er ist vorläufig nur für die Esel und die Pferde da und nicht für das Publikum.

Als man das letztemal hierherumspazierte, hatte es mit der Beschriftung noch seine Richtigkeit. Ein Wapiti war ein Wapiti, ein Löwe ein Löwe, und wegen eines Esels brauchte man nicht unbedingt in den Karlsruher Stadtgarten zu gehen. (Heute übrigens auch nicht!) Nun aber hängt im Bärenzwinger Kinderwäsche zum Trocknen, das Vogelhaus ist stumm und leer, und die Sprengschäden in der Felsszenerie des Pinguinenteiches offenbaren, daß die Felsen gar keine richtigen Felsen waren, sondern nur Attrappen einer Bühnendekoration: der Pinguinen-Bühne.

Warum erschrickt das Herz nach drei Jahren Trümmerstraßen in der Stadt? Dieser heruntergekommene Garten, dem die Menschen – davongelaufen waren, weil sie keine Zeit mehr hatten, sich zu freuen, sondern Krieg machen mußten, überfällt einen mit der gleichen Brutalität, wie uns die Erkenntnis 1945 überfallen hat. Man könnte wahrhaftig glauben, sie würden draußen, jenseits der Mauer immer noch hinter den Maschinengewehren liegen oder an den Geschützrohren stehen, wüßte man nicht genau, daß sie vom Wiederaufbau reden, sich über die Währungsreform Gedanken machen und derweilen im Bürokratismus ersticken. Und der Garten liegt weiter so da, wie ihn der Krieg hat liegen lassen.

Höchstens, daß die Flakstellungen auf dem Lauterberg verschwunden sind. Keine Verbotstafeln wehren einen gemächlichen Spaziergang im Blätterschatten bergan über die Dächer der Stadt hinaus. Aber auf dem Gipfel stellt sich dann heraus, daß die künstliche Burgruine zu einer tatsächlichen geworden ist; die Enkel sind realistisch, wo die Großväter noch romantisch waren. Jene haben diesen Berg im Stadtbereich künstlich errichtet – diese aber könnten heute aus dem Schutt der Straßenfronten einen gewaltigeren Turm zu Babel zwischen dem Rhein und den Hügeln des Hegau bauen. Aber die Stadtväter sind – es sei ihnen gedankt – nicht fürs Bergebauen. Sie schütten mit den Trümmern lieber die Niederungen am Rheinhafen auf und hoffen auf Zuzug der großen Industrier Denn Karlsruhe ist im Doppelstaat Württemberg-Baden kein politisches Zentrum mehr. Es muß als Industriestadt neues Gewicht bekommen, wennes als Beamtenstadt ohne Ämter nicht sterben will. Die großzügigen Rheinhafenanlagen, die letzten am Oberrhein, seitdem Kehl französisch geworden ist, sind seine Hoffnung;

So qualmt und rattert denn Tag um Tag seit Anfang 1946 die Schuttbahn quer durch die Stadt von Osten nach Westen, nimmt hier die Trümmer weg und schafft dort neues Baugelände. Mehr als eine Million Kubikmeter Schutt sind so aus dem Straßenbild verschwunden und damit hält Karlsruhe den Trümmerbeseitigungs-Rekord aller Städte der amerikanischen Zone; Man hat die schnelle Radikallösung allem zögernden Experimentieren mit neuen Trümmerverwertungsmaschinen vorgezogen. Und die Karlsruher sind – vielleicht zum erstenmal – zufrieden mit ihren Stadtvätern im Ersatzrathaus der evangelischen Kirchenverwaltung. Und viele sind sogar stolz- auf die Ehrenkarte, die der Oberbürgermeister alljährlich für freiwillige Schipparbeit verleiht. Jedenfalls ist man stolz, daß die Kaiserstraße, die langgestreckte Ost-West-Achse der Stadt, die nach dem Nachtangriff im September 1944 in ihrer ganzen Ausdehnung in Flammen stand, sich so sauber darbietet wie einst. Freilich nicht mehr so schön, denn dort, wo die Karlsruherinnen ehedem ihre geliebte Schaufenster-Parade abnahmen, ist jetzt alles "Gegend" geworden und die Bäume des nördlichen Schloßplatzes scheinen plötzlich ein gut Stück näher gerückt. Ein ganzes Stadtviertel dazwischen ist verschwunden.

Dank dieser radikalen Zwangslösung hat das städtische Aufbauamt wieder einmal den alten Plan Friedrich Weinbrenners von den Arkadengängen der Kaiserstraße aus dem Archiv geholt, von dem alle Stadtbaumeister seit hundert Jahren träumen. Vom klassizistischen Weinbrenner und damit vom "badischen Potsdam" ist nicht viel mehr geblieben als der Bau der Münze. Um so leidenschaftlicher werben die Architekturästheten um die Weinbrennersche Arkaden-Kaiserstraße. Aber der nüchterne Bürgerverstand hat. wenig Sinn für das Klassische und schon gar keinen für Arkadengänge, in denen es keine werbekräftigen Schaufenster gibt. Wobei man annimmt, daß nach der Währungsreform Schaufenster wieder wichtig wären, klassizistische Säulenarkaden aber ein Luxus, der im künftigen Lebensstandard nicht vorgesehen sei. Man sieht: beim Wiederaufbauplan ist vom guten Geist der vereinten Trümmerbeseitigung nichts mehr zu spüren. Vom tatsächlichen Wiederaufbau übrigens auch nicht – wenn man nicht die vereinzelt zwischen den Ruinen aufleuchtenden neuen Ziegeldächer dafür nehmen will. Es gibt. schließlich – doch immer einige, denen es trotz Behörde und Ämtern gelingt, etwas auf die feine zu stellen, ein Kino etwa oder eine Metzgerei, Hier im Stadtgarten ist es allerdings nur ein Kaspertheater, das sich in den Trümmern des Schwarzwaldhauses mit ein paar Backsteinen eingenistet hat und für Sonntagnachmittage pausenlose Vorstellungen ankündet. Das ist aber auch die einzige Attraktion. Höchstens, daß für den Augenblick vor den leeren Raubtierkäfigen, die über den Schwanensee gähnen, zwei hübsche Amerikanerinnen in der Sonne sitzen, jung, farbenfroh, optimistisch. Der unbekümmert prahlende Inhalt eines Picknickkoffers läßt keinen Zweifel, daß es Amerikanerinnen sind. Der Schwanensee ist aber kein Schwanensee mehr. Ein See, nichts weiter. Ob es in seinen Gründen, aus denen einmal eben dieser Lauterberg entstanden ist, noch die dicken alten Karpfen gibt? Dies festzustellen – müßte man Brotstückchen ins Wasser werfen. Und kein Mensch hat sich früher dabei etwas gedacht...