Wir veröffentlichen im folgenden eine ausführliche Entgegnung von Prof. Dr. K. Schiller (Universität Hamburg) zu den in Nr. 18 der "Zeit" an gleicher Stelle erschienenen kritischen Bemerkungen über einige grundsätzliche Fragen wirtschaftspolitischer Art, wie sie sich für die Zeit nach der Geldneuordnung ergeben. Weiter Unten wird eine abschließenderedaktionelle Stellungnahme zur Antikritik. Schillers veröffentlicht.

In dem Aufsatz "Hie Erhard – hie Schiller" hat Dr. Erwin Topf zu meinem am 16. April im Hamburger Rathaus gehaltenen Vortag über das Thema "Vollbeschäftigung nach der Geldreform" Stellung genommen. Dies veranlagt mich zu folgender Antwort:

1. Ich muß feststellen, daß Topf mit der Kritik an meinem Vortrag eine Wiedergabe desselben verbindet, der nun in der Tat nach seinen Worten "etwas gespenstisch Unwirkliches anhaftet", wenn man sie nämlich mit meiner eigenen vollständigen Beweisführung vergleicht. Wenn mit und infolge einer Geldreform Betriebe zusammenbrechen, wenn gleichzeitig eine Umstellungskrise als unumgänglich anzusehen ist, dann muß nicht nur die Umlenkung der Erzeugung und Verteilung erleichtert werden, sonders dann gilt es auch zu verhindern, daß ausbrechende Arbeitslosigkeit sich zu einer massenhaften anwächst. Ich habe versucht zu zeigen, welche Kräfte wirken, wenn wir die Dinge sich selbst überlassen. Ichhabe das Gewicht dieser Tendenzen (ausdrücklich: es sind nur "Tendenzen – und nicht Tatsachen", die sich prophezeien lassen) abgeschätzt und dabei wörtlich unter jenen Voraussetzungen und unter der Annahme ausländischer Zuschüsse die Chance, "eines marktwirtschaftlichen Gleichgewichts bei Unterbeschäftigung" ins Auge gefaßt. Topf läßt diese Grundfragestellung meines Vortrages und noch manches andere fort. Übrig bleibt für ihn eine Art von Über-Keynes.

Jedoch: Gerade bei der Begründung der Investitionen in der Wohnungs- und Verkehrswirtschaft betonte ich ausdrücklich: "Wir befinden uns heute wahrlich nicht in der ‚säkularen Stagnation‘, die Keynes 1935 in England einen solchen Albdruck verschaffte, jener Situation, wo es schließlich an marktwirtschaftlichen Investitionsgelegenheiten mangelt und selbst das Graben von Löchern in den Erdboden sinnvoll erscheint." Auch faßte ich zusammen, daß die bekannte Lehre von der Vollbeschäftigungspolitik "nur mit besonderen Korrekturen, nach einem höchst individuellen Zuschnitt, uns auf den Leib paßt". Schließlich bezichtigt mich sogar Topf selbst eines für mich ebenso lobenswerten wie seltsamen Ringkampfes mit Keynes. Auch meine ausführliche Prüfung der Gefahren der von mir befürworteten Aufschwungspolitik, alles das hätte Topf veranlassen sollen, ein so einseitiges und eindeutiges Konterfei des Leichtsinns zu vermeiden.

2. Auch bei dem Keynesschen Begriff der "Liquiditätsvorliebe" hätte Topf ein näheres Zusehen vor voreiliger Verallgemeinerung bewahrt. Ich führe sie erst als vierten (subjektiven) Grund (nach den drei objektiv gegebenen Starrheiten des Außenhandels usw.) für eine Hemmung des Aufschwungs an. Darüber hinaus nehme ich eine hohe Liquiditätsvorliebe auch, als mögliche Folge einer Politik des billigen Geldes in meine Beweisführung hinein. Weiter leite ich ab, daß nach der Geldreform unter marktwirtschaftlichen Bedingungen "das tatsächliche Beschäftigungsniveau durch die starren Daten und die Engpässe bestimmt" wird, greife in diesem Falle also noch nicht einmal auf die ominöse Liquiditätsvorliebe zurück. Daß im übrigen die Überliquidität eine Rolle spielt und spielen wird, wenn (wegen der besonderen, in Deutschland gegebenen Hemmnisse) nicht oder nicht richtig investiert w:rden kann, das läßt sich nicht einfach abtun mit jenem Optimismus, die deutschen Unternehmer würden schon nicht so zaghaft sein. Und auch die Befürworter hoher Zinssätze wollen doch bewußt oder unbewußt die Liquiditätsneigung, die ja eine international allgemeine Nachkriegstendenz ist, zügeln. Zwischen der tatsächlichen Behandlung des "Hortungsdranges" – in meinem Referate und der Stellung, die Topf ihm zuweist, besteht ein himmelweiter Unterschied.

3. Was liegt für eine Volkswirtschaft, die so zertrümmert ist wie die unsere, näher als die Forderung nach Beschäftigung aller Arbeitskräfte? Wäre nicht gerade unfreiwillige Arbeitslosigkeit für den gesunden Menschenverstand in einem Lande, das nach Aufbau schreit, unfaßbar? Also müßte doch eine Politik, die sich die Vollbeschäftigung zum Ziel setzt, gerade dem common sense entsprechen? Darüber schweigt Topf sich aus.

4. Ich habe nacheinander – die verschiedenen Methoden einer solchen Vollbeschäftigungspolitik erörtert, bis hin in dem Weg der Exportausweitung – was alles Topf sich bei mir als wohl unter "weniger wichtig" fallend spart. Was Topf im Hauptteil seiner Kritik an mir tadelt, das sind die empfohlenen Investitionen mit Hilfe der Kreditausweitung. Vielleicht helfe ich dem Kritiker, wenn ich einen für ihn. sicherlich unverdächtigeren Autor zitiere, nämlich Otto Veit:"Die Kreditpolitik kann vor allem dafür eingespannt werden, eine sinnvolle Verteilung des Sozialprodukts auf Verbrauch und Investition herbeizuführen. Nicht nur als Grundlage einer verbesserten Konsumgüterproduktion, sondern auch zur Beschäftigung aller Arbeitskräfte ist eine erhebliche Investitionsquote erforderlich. Da Ersparnisse kaum zur Verfügung stehen, muß die Finanzierung im wesentlichen mit Bankkrediten erfolgen." ("Wirtschaftszeitung" vom 27. Febr.) Im übrigen verweise ich auf meine Analyse der Funktionen des Kredits bei jedem industriellen Wachstumsvorgang.