Aufgescheucht wie ein Hühnerhof, über dem der Habicht kreist, waren die europäischen Kabinette, als der Kreml mit bewußter Indiskretion Memoranden veröffentlichte, die zwischen dem amerikanischen Botschafter in Moskau und Außenminister Molotow ausgetauscht worden waren. In London war man überrascht und verärgert, in Paris ließ die französische Regierung erklären, daß eine direkte Beteiligung Frankreichs an den Verhandlungen notwendige sei, wenn sie Erfolg haben sollten, in Ankara fragte man besorgt, ob Interessen der Türkei von den Amerikanern geopfert werden würden, um bessere Beziehungen mit den Russen dafür einzuhandeln, ungefähr so, wie man 1938 in München um des Friedens willen die Tschechoslowakei gezwungen hatte, das Sudetenland an Deutschland abzugeben. Dieses Mißtrauen, das so schnell aufflammte, spricht gewiß nicht für das Ansehen, das die Stetigkeit der amerikanischen Außenpolitik genießt; es war eigentlich ein sehr deutlicher Zweifel an der Bündnistreue der Vereinigten Staaten. Um so größer war bei den europäischen Kabinetten die Erleichterung, als Truman und Marshall von den Moskauer Veröffentlichungen abrückten und die Möglichkeit baldiger Verhandlungen dementierten.

Diese Reaktion der europäischen Kabinette ist, dies darf nicht übersehen werden,-ein bedenkliches Zeichen für die Schwäche der Politik, die sie vertreten. Ihr Ziel sollte, so müßte man aus den bisherigen Erklärungen annehmen, die Bewahrung der westlichen Ideale von Freiheit, Recht und Demokratie sein. Um des gleichen Zieles willen war der Krieg gegen Hitler geführt worden, und so könnte man hier von einer sonst nach gewonnenen Kriegen nicht immer zu bemerkenden Konsequenz der Politik sprechen. In welcher Weise aber, wäre diese Politik gefährdet worden, wenn die USA Verhandlungen mit der Sowjetunion aufgenommen hätten, um die vorhandenen Streitfragen zu klären und vielleicht sogar zu schlichten? Zugegeben, daß die Palästina-Politik von Präsident Truman sehr widerspruchsvoll und unentschlossen war und mehrfach zwischen dem arabischen und dem jüdischen – Standpunkt hin und her schwankte, jedoch ein Hinüberwechseln Amerikas auf die Seite Sowjetrußlands zum Nachteil der europäischen Nationen ist so undenkbar; daß kein Staatsmann es ernsthaft in Erwägung ziehen könnte. Nun gibt es Zwischenstufen, gewiß, die Vereinigten Staaten könnten sich etwa stärker von den europäischen Fragen distanzieren, so unwahrscheinlich dies angesichts der Besatzung in Deutschland und der bereits genehmigten Kredite des Marshall-Plans auch klingen mag. Doch selbst wenn eine solche Wendung eintreten sollte, könnte sie doch kein Grund sein, so zu erschrecken, wie man offenbar in Paris, London und in anderen HauptstädtenEuropas erschrocken ist, denn auf keinen Fall hätte ja eine Schwenkung der amerikanischen Politik die europäischen Mächte zwingen können, die Grundsätze ihrer eigenen Politik aufzugeben, etwa damit aufzuhören, Freiheit, Recht, und Demokratie zu verteidigen. Weshalb also diese Erregung, die fast einer Panik gleichkam?

Man müsse die Karten offen auf den Tisch legen, sagte Außenminister Bevin, bevor dies nicht geschehe, sei es auch nicht möglich, eine Konferenz einzuberufen, um mit möglich, die strittigen Fragen; zu lösen. Nun, Molotow hat seine Karten, so dünkt uns, recht offen auf den Tisch geworfen, doch was daraufhin von der anderen Seite an Karten aufgedeckt worden ist, war leider nicht sehr stark. Vielleicht muß man in einer so entgötterten Welt leben wie wir Deutsche, um dies richtig erkennen zu können. Besiegte, das weiß man aus der Geschichte, sehen manches klarer als ihre Besieger, doch darum handelt es sich in unserem Fall nicht, mit so eindeutigen Fronten wurde der letzte Krieg nicht geführt, und auch unter den besiegten Deutschen’ gibt es Sieger, diejenigen nämlich, die unerschüttert gegen Hitler gestanden haben. Diese Deutschen sind es, für die die Welt entgöttert ist, und deshalb gehören sie in einer ganz besonderen Weise zu den Besiegten, zu denen, die wirklich den Krieg der letzten fünfzehn Jahre verloren haben und die deshalb heute empfindlich und hellsichtig reagieren.

Es gibt für Deutschland keinen Frieden, es kann ihn nicht geben, so versichert man uns, weil die Sowjetunion alle Verhandlungen sabotieren Wir wollen durchaus unterstellen, daß dies so ist, aber warum, wenn es sich darum handelt, Recht, Freiheit und Demokratie auch bei uns wieder einzuführen, ist es so schwer, sich über unser Schicksal zu einigen, auch wenn die Sowjetunion, wie jetzt in London, an den Verhandlungen nicht beteiligt ist? Warum werden nicht Deutsche gefragt, warum dürfen sie an den Konferenzen nicht teilnehmen, in denen ihr Schicksal beschlossen wird?

Wir müssen uns wieder daran erinnern, daß die europäischen Kabinette erschraken, als der Moskauer Rundfunk von einem amerikanischen Versuch berichtete, mit dem Kreml zu verhandeln. Nun ist es bezeichnend, daß als einziger der italienische Außenminister Graf Sforza ruhig und besonnen reagierte. Mit der Bemerkung, es sei besser in Zeiten diplomatischer Spannungen zu reden, als zu schweigen, schob er den ganzen Fall beiseite. Italien hat jetzt gerade bei seinen Wahlen den Kampf für die europäischen Ideale gegen die Bestrebungen östlicher Diktatur gewonnen. Es hat sich dabei der uneingeschränkten Unterstützung der Westmächte erfreut. Gesiegt jedoch hat aüch ohnedies seine alte christlich-humanistische Tradition, gesiegt hat vor allem eine Politik, die klar und kompromißlos ihre Ideale nicht nur formuliert, sondern sich auch durch die Tat für sie einsetzt.

Was also kann es sein, das die Kabinette der anderen westlichen Länder Europas so unsicher gemacht hat,-wenn nicht dieses, daß ihre Politik und ihre Ideale sich nicht decken? Ein solcher Satz, klingt, wenn ihn ein Deutscher ausspricht, heute in der Welt immer noch – unzulässig und unbescheiden, leider – denn die Welt kann, sich noch nicht davon entwöhne, kollektivistisch und nationalistisch zu denken, so wie Hitler es tat. Es wird jetzt viel von einem Europa geredet, das es zu retten gelte, doch was dies eigentlich sei, wo seine Grenzen und welches seine Freiheiten sind, darüber sind offenbar die Ansichten noch nicht geklärt.

Drei große Mächte verhandeln in London über Deutschland. Unter ihnen ist Frankreich dasjenige Land; das seiner Tradition nach am meisten die europäischen Ideale hochhalten müßte. Man kennt den Kampf, der dort für Freiheit und Recht gefochten worden ist, und es ist eine Reihe strahlender Namen von Voltaire bis zu Zola, an die sich diese Erinnerung knüpft. Doch wenn man dem treuen darf, was von den Verhandlungen berichtet wird, die hinter verschlossenen Türen in London geführt werden, so ist es gerade Frankreich, das sich allem widersetzt, was Deutschland gegenüber einer Politik entsprechen würde, die, um europäisch zu sein, allerdings für Recht, Freiheit und Demokratie eintreten müßte.