Von A. Nowakowski

Solch gutes Publikum haben wir nur in den besten Friedenszeiten gehabt", versicherte ein befrackter Kellner des Schloß-Hotels vor der Aufführung von "Figaros Hochzeit", mit der das Städte-Bund-Theater Rendsburg die Darbietungen einer Theaterwoche in dem freundlichen Städtchen Eutin einleitete. Die beachtliche Aufführung der Mozart-Oper paßte gut zu dieser Anmerkung über die Besucher, die nun: Gelegenheit hatten, festzustellen, was die zehn Schleswig-Holsteinischen Privattheater planen und leisten. (Auch der Ministerpräsident des Landes, Lüdemann, der Landesminister für Volksbildung, Kuklinski, der Landesminister für Justiz, Dr. Katz, und einige Vertreter der Militärregierung waren gekommen, offizielles Kunstinteresse zu bezeugen.)

Die zehn Privattheater im meerumschlungenen Schleswig-Holstein haben während ihres etwa zweieinhalbjährigen Bestehens bis zum Dezember 1947 in den kleinen. Städten und in den Dörfern des Landes 6389 Darbietungen vor 2 415 560 Besuchern und dem Finanzamt 1265 896 RM Steuergelder "gebracht". Konjunkturbedingte Erfolge? Unterhaltungsbedürfnis der Landbevölkerung? Der Zuzug von Flüchtlingen und Evakuierten hat in kultureller Hinsicht vielfach anregend gewirkt. Kein Zweifel: Kunst ist heute "gefragt" auf dem flachen Lande. Kommen da die "Wanderbühnen" nicht einem allgemeinen Anliegen entgegen? Und wirken sie nicht jener Hanswurst-Renaissance entgegen, die sich einst in den KdF-Darbietungen anzukündigen schien? Nicht etwa der Schwank und die Operette sind in diesen Orten am meisten begehrt; man wünscht mehr als Unterhaltung und Ablenkung; das Bildungsbedürfnis verlangt das klassische Schauspiel, das neue und das neueste Drama, erstrebt einen bleibenden geistigen Gewinn.

Dies also sind die .Voraussetzungen, die das Privattheater auf dem Lande vorfindet. Von keiner amtlichen Stelle bei ihren vielfachen Schwierigkeiten materiell unterstützt, entwickelten sich diese Theater in Schleswig-Holstein zu Einrichtungen, die auch in einer währungsfesten Zukunft Bestand haben dürften. Ein solcher Blankowechsel auf die Zukunft wäre allerdings unsicher, würde er nicht durch die Zusicherung gedeckt; die Landesminister Kuklinski in seiner Eröffnungsansprache den Privattheatern machte: daß sein Ministerium ihnen mit allen ihm möglichen Mitteln helfen werde. Und wenn auch die Ernährungsämter ihnen eine’solche Hilfe geben würden? Das Ernährungsamt, in Stuttgart hat kürzlich einen Antrag auf Zulage für Schauspieler mit dem Bemerken abgelehnt, daß die Berufstätigkeit des Schauspielers nur in "leichtem Hinundhergehen" bestehe...

Doch solche Fragen standen nur am Rande der Veranstaltung, Die im allgemeinen überdurchschnittlichen Darbietungen schienen jenes Wort als Leitgedanken übernommen zu haben, das Gustaf Gründgens bei der Delegiertentagung des Deutschen Bühnenvereins, vor einigen Wochen in Cannstatt aussprach: "Lieber weniger glänzend und dafür richtig, als faszinierend und falsch inszenieren", und wo er anriet, aus der Not eine. Tugend, aber keinen Stil zu machen. Aus einer Not jedoch, an der die Schauspieler besonders leiden, läßt sich beim besten Willen keine Tugend machen: dem Hunger. Die auf Veranlassung der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger durch das Max-Planck-Institut in Dortmund vorgenommenen Reihenuntersuchungen erbrachten den Nachweis eines besonders hohen Kalorienverbrauchs der Bühnenkünstler, eines Gewichtsverlustes von 16 bis 27 v. H. und! jener mannigfachen organischen Erkrankungen, die als Folgen von Unterernährung bekannt sind. Unter solch schwierigen Bedingungen reisen die Privattheater mit nur geringen Unterbrechungen durch die Provinz, mit Spielplänen, in denen die großen-Namen der Klassiker neben denen Hauptmanns, Halbes, Ibsens, Shaws sowie Anouilhs, Priestleys, Havards, Hamiltons und Wilders stehen, und bemühen sich, ihre Nöte hinter ihren darstellerischen Tugenden zu verbergen. Und dafür ererschien ein Beispiel besonders bemerkenswert, das eine abseitig und auf eigenen Wegen wandelnde, aber sehr zielstrebige Gruppe lieferte: "Der Morgenstern". Es geht dieser "Kunst-, lerischen Volksbühne" nicht um das Theater in dem uns heute geläufigen Sinne, und man könnte von ihr geradezu sagen, daß sie eigentlich theaterfeindlich sei, obwohl ihr Leiter Dr. Netolitzky als ehemaliger Reinhardt-Schüler – wie man meinen sollte – dem "modernen" Theater nahestehen müßte. Aber dieser Regisseur und Bühnenbildner verfolgt ein sehr eigenes Ziel: dort anzuknüpfen, wo das "Guckkasten"-Theater das antike verlassen hat. Das in dieser Truppe einer ehrwürdigen Überlieferung entsprechend bewahrte "Paradeisspiel" aus Oberufer, in der Eutiner Stadtkirche dargebracht, fügte sich merkwürdig klar und ohne Dissonanz in den gotischen Raum. In einigem Abstand von dem Ernst und der Eigenart dieses "Spieles vom Sündenfall" zeigten andere Bühnen manchmal bei sparsamen szenischen Mitteln gute und gereifte Ensembleleistungen. Aber auch die eine und andere getroffene Typisierung einer Rolle – wie etwa die des Thomas Diafoirus (durch Siegfried Münz) in Molières ein wenig zu grob entstäubten "Eingebildeten Kranken" (Die Komödie, Lübeck), oder des Jürn Lamp (durch Karl Wedemeyer) in Hans Ehrkes sehr realistischen "Haas un Swinegel-Spill" (Niederdeutsche Bühne, Kiel) blieb, einprägsam. Es gab, in der -Tat, nicht nur "glänzen" wollende und einige "richtige" Inszenierungen zu sehen. Und eines noch stand im Mittelpunkt des Interesses: die das Thema der Theaterwoche kontrapunktisch begleitende Theater-Ausstellung. Sie veranschaulichte, von Dr. Alfred Domes und Frau Dr. Pohlandt-Weber aus Beständen der Theatermuseen Kiel, München, Köln, .Hamburg, Berlin und Hannover sorgfältig zusammengestellt, eine nahezu lückenlose Entwicklungsgeschichte des Theaters.