Die "Barmer Artikel" zählen zu den Textilzweigen der hohen Verfeinerung. Diese Bänder, Kordeln, Litzen, Klöppelspitzen und verwandten Erzeugnisse, die – zu 80 bis 90 v. H. in Wuppertal beheimatet – dem alten Stadtteil Barmen ihren weltbekannten Namen verdanken, sind Kinder einer typischen Veredelungsindustrie mit geringem Rohstoffanteil und als solche für die Ausfuhr geradezu bestimmt; ihr hoher Veredelungsgehalt ist ihre Devisenquelle oder sollte es wenigstens sein. Sie sind charakteristisch für die Mannigfaltigkeit und Wendigkeit einer überwiegenden Mittel- und Kleinindustrie, in der die persönliche Leistung noch etwas bedeutet, vorzüglich bei den Mode- und Geschmackserzeugnissen mit ihrer Wandelbarkeit je nach Klima, Jahreszeit, Land und Volk. Rund 500 Betriebe (von 600 der britischen Zone) setzen in Wuppertal die ehrwürdige Überlieferung von Jahrhunderten fort. Einst war es – man möchte sagen – eine einzige geschäftige "Musterstube", in der Bänder, Litzen, Tressen und Schnüre, gummielastische Web- und Flechtartikel, gewebte und geflochtene Gurte, maschinengeklöppelte Spitzen, Häkelartikel, Hutbänder, Hutstoffe und andere für die Bekleidung oder für technische Zwecke bestimmte Erzeugnisse im vielfältigen Wechsel erstanden. Im Tal und auf den Höhen klapperten die Bandstühle oder rauschten die Flechtmaschinen, und fast die gesamte Wuppertaler Wirtschaft war unmittelbar oder mittelbar mit der "Barmer-Artikel"-Industrie verknüpft. Mancher Hausbandwirkermeister aber, der mit Liefersack, Knotenstock und schwarzseidener Ballonmütze vom einsamen Kotten zu Tale schritt, um der Fabrik die im Lohn gefertigte Ware für England oder Amerika abzuliefern, fühlte sich samt seinem "Getau" (Bandstuhl) mit der großen Welt verbunden. –

Die Hoch-Zeit der "Barmer Artikel" mit weiter Geltung über Grenzen und Meere hinaus lag vor dem ersten Weltkrieg. Der ausländische Wettbewerb war noch gering, entsprechend die Einfuhrzölle auf bedeutenden Märkten. Aber auch die Hochkonjunkturjahre zwischen den beiden Weltkriegen brachten trotz der wachsenden Absatzerschwerungen noch einmal Spitzenexporte. Ein sprechendes Beispiel war das Jahr 1929: von 191 Mill. RM Gesamtumsatz an Band- und Flechterzeugnissen waren 53 Mill. RM oder fast 30 v. H. für das Ausland bestimmt. Dieser erhebliche Durchschnittsanteil wurde jedoch in den Schatten gestellt von einzelnen stark ausfuhrbetonten Spezialzweigen, die bis zu 75 v. H. ins Ausland schickten. Die Exporte, ein Querschnitt durch fast die gesamte Erzeugung, gingen hauptsächlich nach West- und Nordeuropa, in der Gesamtstreuung aber, durch Wiederexport großer ausländischer Abnehmer, in alle Länder der Erde. Mit dem Ausbruch der sogenannten Weltwirtschaftskrise und mit den um sich greifenden Autarkiebestrebungen nahmen West und Anteil der Ausfuhr ständig ab. 1938 sank der Export an "Barmer Artikeln" auf nur noch 12 Mill. RM oder rund 10 v. H. des Gesamtumsatzes von 110 Mill. RM. Die absoluten Zahlen mögen durch Preis Veränderungen gegenüber 1929 beeinflußt sein; der weit überdurchschnittlich gesunkene Anteil ist jedoch eine "Frucht" der mit wirtschaftlicher Abwehr einhergehenden politischen Spannungen, die sich im nächsten Jahre entluden.

Seit dem Zusammenbruch kann von einem Export der "Barmer Artikel" im hergebrachten Sinne noch keine Rede sein. Was einst (vor dem ersten Weltkrieg) organisch gewachsen war, was sich zwischen gleichberechtigten Partnern beinahe spielend abzuwickeln pflegte (mustergetreu und termingerecht), wobei der Begriff "Engpaß" weder für Roh- noch Hilfsstoffe bekannt war, das erschien in den letzten Jahren als ein fragwürdiges Spiel des Zufalls, ohne Sicherheit und ohne Zusammenhang, voller Störungen und Eingriffe, von einem wirklichkeitsfremden Reglement beherrscht, das den Lieferanten wie den Abnehmer abschrecken mußte. Das gilt mehr oder minder für die gesamte Textilindustrie. Für die Industrie der "Barmer Artikel" kommt etwas Besonderes hinzu: Eine Industrie, die im Innern als Belanglosigkeit behandelt, ja, deren Erzeugung zum sehr großen Teil als "Luxus" betrachtet wird (man denke besonders an die seit rund einem Jahrzehnt praktisch ausgeschalteten Klöppelspitzen, an die mehrspuligen Bänder, an die Hutgeflechte), eine Industrie, die mangels Rohstoffen den dringendsten Tagesbedarf des geplagten "Normalverbrauchers" für Ersatz- und Reparaturzwecke bisher nur zu einem Bruchteil decken durfte (Schnürsenkel, Gummilitzen, Wäscheband, Wäschezeichen, Hutband u. a. m.) und außer zum Bergbauprogramm höchstens zum wirtschaftstechnischen und orthopädischen Bedarf (Wickelbänder, Isolierschläuche, Gurtbänder für Bandagen usw.) halbwegs herangezogen wurde: eine solche Industrie entbehrt der sicheren Grundlage auch für den Export. Man kann es nicht oft genug unterstrichen: Ohne breiten Inlandsmarkt als Kostenfundament, mit ausreichender Musterung und gehöriger Vorlauferzeugung, die einen schnellen Anschluß an kurze saison- und modebedingte Liefertermine ausländischer Abnehmer gestattet, ist ein aussichtsreicher Export undenkbar. Binnen- und Außenmarkt hängen insofern auf das engste zusammen..

Wieviel vergebliche Mühe ist seit "Öffnung" der Grenzen von der Barmer Industrie aufgewendet worden, um mit alten Abnehmern wieder ins Geschäft zu kommen! Das Ergebnis war zumeist eine Fülle von Enttäuschungen; bestenfalls war es ein bescheidener Anfang, der nicht entfernt dem Aufwand entsprach. Selbst feste Abschlüsse, ob unmittelbar zwischen Herstellern und Kunden oder mittelbar über den Exportgroßhandel, scheiterten an engen Verfahrensvorschriften, besonders an der Dollarklausel. Die Länder mit "weicher" Währung (und das sind gerade die Abnehmerstaaten mit den meisten Interessenten) versagten wegen des Dollarmangels bei über 90 v. H. der sonst möglichen Exporte die Einfuhrlizenzen. Selbst, bei Verrechnungsabkommen erweist sich die Dollarklausel als eine – wenn auch gelockerte – Fessel, solange der Ausgleich des Saldos vierteljährlich statt jährlich erfolgen muß. Das zeigen besonders die Erfahrungen im Verkehr mit Schweden, dessen Exporte wegen der Klimaverhältnisse nun einmal stark saisonbedingt sind (vor allem Holz und Erze). Aus Dänemark angetragene Kompensationsgeschäfte (Lebensmittel gegen "Barmer Artikel") sind vom deutschen Lieferanten her nicht realisierbar. Auf solche Weise gehen ansehnliche Aufträge verloren. Aber man ersieht daraus das rege Interesse ausländischer Abnehmer

Zu jenen äußeren Schwierigkeiten kommen die inneren. Der Export an "Barmer Artikeln" war entsprechend der Musterfülle und Vielseitigkeit einer hochwertigen Produktion von jeher eine Summe von kleineren Abschlüssen. Durch die Einräumung eines gewissen Mustervorschusses an erfahrene Exportbetriebe wurde ein drückender Mangel halbwegs behoben. Aber man stelle sich andererseits die Unproduktivität und Langwierigkeit des Papierkrieges in einem exportfreudigen Unternehmen dieses Industriezweiges vor! Daran kann der schönste Exporteifer zuschanden werden. Es ist zu hoffen, daß die Rahmenausfuhrlizenzen mit ihren "Globalgenehmigungen" eine spürbare Erleichterung schaffen. Etwas Ähnliches gilt für die in Aussicht gestellte Wiederaufnahme des Postpaketverkehrs mit dem Ausland, der bisher sehr entbehrt worden ist. Daß die Verpackungs- und Aufmachungsfrage zu den schweren Sorgen des Alltages zählt, versteht sich beinahe von selbst. Man traut der Intelligenz der Exporteure allzuviel zu; sagen wir es klar und deutlich: Ohne Kompensation keine Verpackungs- und Aufmachungsmittel und ohne Verpackung und Aufmachung kein Export! Wann wird endlich mit der Vogel-Strauß-Politik Schluß gemacht?

Die bisherigen Ausfuhren an "Barmer Artikeln" waren infolge der gehäuften Schwierigkeiten noch ohne Bedeutung für die Gesamtproduktion, die vor kurzem nicht wesentlich über 10 v. H. der durch Kriegsausfälle um rund ein Fünftel gesunkenen Kapazität beanspruchte. Die Lieferungen gingen in der Hauptsache nach England, besonders in gummielastischen Artikeln, und waren zum großen Teil für die Wiederausfuhr bestimmt, im geringen Grade nach den Vereinigten Staaten. Im großen und ganzen wurden in fast allen exportfähigen Gattungen Ausfuhrgeschäfte meist bescheidenen Umfanges getätigt. Aus sämtlichen alten Abnehmerländern, zumal aus West- und Nordeuropa, meldet sich dauernd eine rege Nachfrage, vorzüglich in gummielastischen Erzeugnissen. Die Industrie könnte auf Grund des vorhandenen Bedarfs bei Valutierung in der Landeswährung der Bestimmungsländer ihren Export im ganz erheblichen Grade steigern. Auch die von Paris lancierte "lange Mode" bildet eine gute Voraussetzung für eine Industrie der modischen Zutaten mit ihren Besätzen, Litzen, Bändern, Spitzen usw. Freilich, zur Qualitätsware, die das Ausland verlangt, gehören auch Qualitätsrohstoffe; Baumwolle minderen Grades läßt sich schlechterdings nicht in Spitzenerzeugnisse und ebensowenig in gute Dollars umwandeln. Auch der Wettbewerb auf dem Weltmarkt, der in einzelnen Artikeln (besonders Hutgeflechten) schon früher sehr spürbar war, will immer beachtet sein; er wird sich mit wachsendem Export wieder mehr und mehr steigern. Dann aber kann es von entscheidendem Gewicht werden, ob der Kurs der Mark den deutschen Produktionsverhältnissen entspricht. In der Barmer Industrie herrscht die Befürchtung, daß eine Bewertung mit 30 Dollar-Cents einem Großteil der Ausfuhrhoffnungen das Lebenslicht ausblasen würde. Es wäre zu wünschen, man sähe zu schwarz. Die "Barmer Artikel" wären bisher eine Industrie des gehemmten Exports. Wird die aus dem europäischen Hilfsprogramm erwartete Belebung der Auslandsmärkte alle hemmenden äußeren Kräfte allmählich aufwiegen können? H. A. Niemeyer