Nachbemerkung zur Droste-Feier

Während auf der Meersburg die Mitglieder der Droste-Gesellschaft zur Gedächtnisfeier Anettes versammelt waren, lohnte es sich, das Rüschhaus unweit Münster zu besuchen. Will sagen: Der Besuch war die Enttäuschung wert, die er hervorrief. Das Geburtshaus der Dichterin ist in einem schlimmen, verwahrlosten Zustand, an dem der Krieg freilich nicht die Schuld trägt, wenigstens nicht unmittelbar.

Das nicht nur in biographischem, sondern auch In kulturhistorischem Sinn bedeutsame Rüschhaus. – so wertvoll seine Pflege dem Landeskonservator und der in Münster einflußreichen Droste-Gesellschaft sein sollte – ist sichtlich im Verfall. Nichts gegen die Hausbewohner, die – ein Friseur und ein Elektrotechniker – in Anettes Geburtszimmer und in den Räumen hausen, in denen die Dichterin lange Zeit gelebt und gearbeitet hat. Es wohnt auch ein Droste-Forscher im Rüschhaus, aber auch er hat offenbar der Vernachlässigung nicht Einhalt bieten können. Ist es nicht typisch für Unsere Zeit, in der fast überall zwischen Wort und Werk ein Mißvtrhältnis besteht, ja häufig eine breite Lücke klafft: Die Münsteraner Droste-Freunde scheuen die weite Reise und die Kosten nicht, das Andenken ihrer vor hundert Jahren gestorbenen Dichterin am Bodensee zu ehren. Und vor den Toren ihrer zerstörten Stadt das unzerbombte Rüschhaus liegt, ach, liegt so weit, daß niemand sich darum kümmert. M.