In der Konjunktur der Kunst- und Kulturwochen ist eine Flaute eingetreten. Lörrach am Rhein aber erfand vor drei Jahren den Hebeltag und hat ihn bis heute beibehalten. Nun, um es gleich vorwegzunehmen, das Geheimnis seines Erfolges liegt nicht allein bei Johann Peter Hebel. Es liegt schon eher bei jener Straßenbahn, die zwischen zwei Stationen über eine Grenze fährt als wäre das gar nichts.

"Ist das da drüben wirklich das Land, wo es Schokolade zu kaufen gibt?" so fragte das Kind am Schlagbaum. "Es sieht doch genau so aus wie hier." "Warum denn nicht", lächelte die Mutter, "die Grenzen machen doch die Menschen." Am Hebel tag morgens um acht öffneten sich diese Grenzen. 22 000 Schweizer kamen und wurden von 33 000 deutschen Gästen, 20 000 Lörrachern und Deutschlands einzigem Staatspräsidenten erwartet. "Es ist das größte Fest Deutschlands", meinte stolz ein einheimischer Journalist. Und die Achtjährige, die auf den Stufen der französischen Kommandantur die erste Banane ihres Lebens aß, mochte ähnliches denken. In der Stadt konnte die berühmte Stecknadel nicht zu Boden fallen. Verwandte, die 500 Meter voneinander entfernt, aber durch eine Grenze getrennt lebten, lachten genau so froh wie jene, die von der Nordsee kamen, um sich nach Jahren mit Freunden vom Lago Maggiore zu treffen. "Dank an Hebel", das hätte zumindest die Devise des Tages sein müssen, doch weil Undank der Welt Lohn ist, so haben nur wenige dem Lörracher Monument im Stadtpark überhaupt einen Blick gegönnt. Ihm aber wird es auch genug gewesen sein, 122 Jahre nach seinem Tode glückliche, wenn schon nicht ehrfürchtige Menschen zu seinen steinernen Füßen zu sehen. Sind doch die einen so selten geworden, wie die anderen:

Und auch der letzte Partner des "internationalen" Hebeltages soll, wie man sich erzählte, zufrieden gewesen sein. Auf den Straßen der Stadt sah man nicht nur Apfelsinenschalen und Zigarettenstummel liegen, sondern auch kleine Zettel, auf denen zu lesen stand, daß die französische Besatzungsmacht berechtigt sei, von jedem Schweizer bei Grenzübertritt zwei Franken zu kassieren. Sie war nicht nur berechtigt – sie tat es auch. Die "Grande-Nation" erhob Entree! Das waren die Devisen des Hebeltages, zum Unterschied von seiner Devise. Die Menschen waren zu glücklich, um sich hieran und an den in Schweizer Währung zu entrichtenden Fahrpreisen auf Straßen- und Eisenbahn zu stören. Das französische Schatzkästlein füllte sich am Tage Hebels, der das "Schatzkästlein" geschrieben hat. -i.