Von Karl N. Nicolaus

Hin und wieder findet man glückliche Menschen, und ich muß mich fragen: Wie machen sie es? Gibt es vielleicht, bestimmte Rezepte? Sozusagen Gebrauchsanweisungen für den Umgang mit den Zeitumständen? Ich staune unermeßlich und frage und frage; ich schaue – wie sagte Luther? – ich schaue den glücklichen Leuten "aufs Maul".

Da war ein älterer glücklicher Mann; der sagte: "Ich glaube jeden Blödsinn, den ich höre! Das amüsiert mich so ... Ich lege nie die Sonde des Zweifels an. Ach, Sie meinen, daß ich, indem ich alles glaube, dauernd das Hemd meiner Gesinnung wechseln müßte? Sie irren sieht Meine Erkenntnis ist, daß es nur Gradunterschiede sind, die den einen Blödsinn von dem anderen unterscheiden. Wie, ich sei ein Existentialist des Unfugs? Sie können es nennen, wie Sie wollen! Auf jeden Fall rate ich Ihnen: Glauben Sie konsequent jeden Unfug, den Sie hören, und Sie gehen absolut unbeschwert einher. Weil nämlich ein Unfug den anderen Unfug in beachtlichem Tempo ablöst! Spielball des Unfugs wird man erst, wenn man sich – ein Raubtier der Vernunft – an ihm festbeißt. Die Menschen haben den Ereignissen gegenüber zuviel von einem Schulmeister. Sie wollen die Dinge nicht gelten lassen, wie sie sind. Das reibt auf! Glauben Sie aber alles, was Sie hören, so werden Sie sehen," daß Sie, abgesehen vom Amüsement, zu einer gewissen Stetigkeit kommen! Es gibt natürlich nichts Stetigeres als den Unfug. Ein langes Leben hat mich gelehrt, daß, was die Menschen betrifft, nichts unmöglich ist. Es ist immer Grund, sich zu amüsieren ..."

Dann lernte ich einen anderen kennen: der fiel mir dadurch auf, daß er eine Visitenkarte Hatte, auf der unter seinem Namen folgende Worte prangten: "Mitglied sämtlicher Parteien und Organisationen." Auch ihm hab’ ich aufs Maul geschaut, und er sagte: "Womit attackieren einen die Leute immer, knapp, daß sie einem guten Tag gesagt haben? Mit Politik! Die Leute beginnen dabei sofort zu schimpfen. Alle wissen ganz genau, wogegen sie sind. Wofür sie sind, das wissen sie schon weniger. Ich aber, ich bin ein Feind übler Nachrede. Und bin ich auch nicht Freund der Unterdrückten – denn wo gäbe es so etwas noch irgendwo in der gegenwärtigen ,offiziellen‘ Welt? –, so bin ich doch ein Freund der Abwesenden. Ich verteidige die jeweils Abwesenden dagegen, daß ihnen die Ehre abgeschnitten wird. Das aber kann ich nur vollbringen, wenn ich vielseitig bin. Fängt jemand mit mir ein politisches Gespräch an, so zücke ich eine Visitenkarte, überreiche sie ihm und sage: ‚Damit Sie. wissen, wen Sie vor sich haben Schon der Drucker der Visitenkarten hat sehr gelacht. Mag sein, daß sie mich nicht für voll nehmen. Auf jeden Fall reden sie von anderen Dingen. Um wie viele unangenehme Gespräche komme ich seitdem herum! Sie ahnen nicht, wie dürftig die Gesprächsthemen sind, die übrigbleiben, wenn Männer nicht auf die anderen Parteien schimpfen können."

Da habe ich nun einen Mann getroffen, einen alten, glücklichen Ofensetzer; der ist gebürtiger Berliner und hat in der Fremde, in der er seit Jahrzehnten arbeitet, den Originalberliner Dialekt nicht verlernt. Es fand da, was den Dialekt betrifft, nicht eine Spur von Angleichung statt. Übrigens: er war glücklich, denn er glaubte nichts davon, was heuer als Kriegsgerücht umgeht: "Wat, Krieg? Nee, gloobe ick nich! Die ham ja alle beede nischt uff de Füße druff zu ziehen! Det is allet bloß wejen die Pollitiker; die haben nischt zu tun. Mit de Frauen, det is se über, nu machen se so ’ne Mordsgeschichten! De Völker aber, die wollen nich –!"

So sagte der Mann und trommelte vergnügt auf dem Ofenrohr, das ihm über der Schulter hing. Das Wort "Politiker" betonte er auf der zweitletzten Silbe unter großer Dehnung des Vokals. "Mit de Frauen, det is se über!" – diese Sentenz dokumentiert sozusagen das erotische Element, das ja nach manchen modernen Theorien der Urgrund allen menschlichen Tuns sein soll. Diesem Mann also stellte sich die Politik als eine "Fort-von-der-Liebe-Bewegung" dar. Und er war vergnügt dabei. Wer weiß? Vielleicht hat er so unrecht nicht, besonders wenn man die Liebe über den erotischen Begriff hinaus im Sinne des klassischen Postulats nimmt: Nicht mitzuhassen, sondern mitzulieben bin ich da! Ich glaube nicht, daß die deutschen Papierfabriken innerhalb der nächsten zehn Jahre in der Lage sein werden, genügend Papier "zeugen, das – in bedrucktem Zustand – in Mann von der Wichtigkeit der Politik Erzeugen könnte. Ach, er war glücklich, denn dachte sich seinen Teil.

Beinahe hätte ich es vergessen: Außer dem Papier gehört ja auch noch etwas anderes dazu! Der Geist, der es bezeugt und beweist.