Von G. Fock

Es ist Zeit, die Unwissenschaftlichkeit und dem literarischen Leichtsinn anzuprangern, die fast so viel wie ein Symptom für eine gewisse Sorte von Buch- und Broschürenproduktion in unseren Tagen zu sein scheint. Unlängst hat die "Zeit" der Klage eines Studenten über diesen Mißstand Raum gegeben. Eine in der Ostzone groß angekündigte Literaturgeschichte, die einen Mann namens Lüth zum Verfasser hat, machte im gleichen üblen Sinne von sich redend In folgendem Beitrag geht es um Klarstellung eines neuerdings aus purem Leichtsinn verfälschten Kapitels der Bach-Forschung: ein Beispiel, das für viele steht.

Bachs Aufenthalt in Lüneburg ist das vornehmste Kapitel der Musikgeschichte dieser Stadt, ja, eins der wichtigsten Abschnitte der Musikgeschichte Niederdeutschlands überhaupt. Um so bedauerlicher ist es, wenn eine so bedeutsame Vergangenheit entstellt wird. – Dr. E. W. Böhme hat eine Broschüre "Joh. Seb. Bach in Lüneburg" verfaßt, die von Unrichtigkeiten strotzt und es verdient Punkt für Punkt widerlegt zu werden, wie einst Lessing in seinem "Vademecum für den Pastor Samuel Gotthold Lange in Laublingen" es mit dessen sehr anfechtbarer Übersetzung der Horaz-Oden getan hat. Doch halten wir uns nur an das Gröbste!

Dr. Böhme, um zu erklären, warum der junge, Bach Ohrdruf verlassen hatte, schreibt: "Es war auch damals schon üblich, daß die jungen, Menschen nach der Konfirmation hinaus in die Welt gingen, um sich ihr Brot selbst zu verdienen und sich in ihrem Beruf zu vervollkommnen". O nein! Es lagen bei dem begabten, von starkem Wissensdrang beseelten Schüler Joh. Seb. Bach, der schon mit 14 1/2 Jahren in der Prima saß, andere Gründe vor, seinen Bildungsgang abzubrechen. Immerhin trug sein Rektor in Ohrdruf, als er sich von ihm verabschiedete, in das noch erhaltene Schulalbum ein: "Luneburgum ob defectum hospitiorum se contulit die 15. Martii 1700". Also nicht, "weil es üblich war", verließ Bach Ohrdruf, sondern weil für ihn, einen armen Waisenknaben, keine Freistelle zur Verfügung stand. Solche gab es aber, wie in Thüringen und Sachsen allgemein bekannt war, am reichen Michaeliskloster in Lüneburg. Eine alte Lüneburger Akte besagt, daß die Bewerber um Freistellen "armer Leute Kinder sein müssen, so sonst nichts zu leben, aber gute Stimmen zum Diskant haben, damit sie der Kirche dienlich sind". Bezüglich Bach könnte man also kurz sagen: In Ohrdruf die Not in Lüneburg das Brot. Nach Böhmes Darstellung sieht es jedoch so aus, als sei der junge Bach fröhlich auf eigene Faust in die Welt hinausgewandert und habe sich auf Anraten seiner Lehrer und seiner früheren Mitschüler Lüneburg zugewandt. Böhme läßt flott seiner Fantasie freien Lauf und spielt mit immer neuen Vermutungen, aber die durch viele Dokumente gestützte Wahrscheinlichkeit, daß Bach durch seinen Ohrdrufer Kantor Herda nach Lüneburg empfohlen worden ist, der selbst vor nicht langer Zeit etwa sechs Jahre lang Freischüler an St. Michaelis gewesen war und den dortigen Kantor Braun gut kannte, übersieht er. Dies hat jedoch schon Philipp Spitta in seiner grundlegenden Bach-Biographie vom Jahr 1873 angenommen, die Böhme seltsamerweise selbst als Quelle zitiert. Zunächst vermutet Böhme, daß der junge Bach von dem Lüneburger Nicolaiorganisten Low – er schreibt jedoch Löwe – angezogen worden sei. Dieser 72jährige Mann, einst Schüler von Heinrich Schütz, war von seiner früheren Höhe als fürstlicher Opernkapellmeister so weit abgesunken, daß er sich mit einer schlecht besoldeten Organistenstelle begnügen mußte. Und sollte er auf den frischen 15 jährigen Bach faszinierend gewirkt haben können? Übrigens sind Löws beide Opern, die nach Böhme "noch heute von der Musikwissenschaft als beachtenswerte Beispiele der frühdeutschen Oper gewürdigt werden", in Wirklich-– keit überhaupt nicht erhalten! Ferner soll, wie Böhme meint, Bach durch einen schon verstorbenen lüneburgischen Kleinmeister, nämlichChristian Flor – der Autor schreibt Flohr – bewogen worden sein, nach Lüneburg zu kommen, daer schon als 14jähriger Knabe in seiner thüringischen Heimat von Flor gehört habe – "wie seine Biographen nachweisen". Doch sucht man in jeder Bach-Biographie diesen Nachweis vergebens!

Natürlich hat Böhme ein für diese Art von "Wissenschaftlichkeit" typisches Pech: Beim Abschreiben aus dem Programm des Lüneburger Johanneums von 1870 übernimmt er unbesehen den derben Fehler der Behauptung, daß von Flor Anno 1662 Melodien zu Johann Ristens "Hausandachten" erschienen und "uns in schönen Drucken der Lüneburger Sterndruckerei erhalten" seien.. Wo denn in Lüneburg? Auch in dieses niemals erschienene Buch knüpft er die Vermutung, daß "es den jungen Bach nach Lüneburg gezogen hat". Sollen Flors vierzig. Jahre zurückliegende, durch Taktwechsel und Chromatik verzerrte Lieder zu Ristens "Seelenparadies" oder seine höchst durchschnittlichen Orgel werte Bachs besonderes Interesse erweckt oder gar "stark auf ihn eingewirkt haben"? Böhme war in Gefahr, einen sympathischen Kleinmeister und jede an sich erfreuliche Lokalgröße über Gebühr in den Himmel zu heben, nur um sie mit einem ganz Großen in Beziehung zu bringen Er ist dieser Gefahr, erlegen.

"An der Gymnasialschule zu St. Michaelis, die aus der alten Klosterschule hervorgegangen war", soll Bach "den Unterricht in den musikalischen Fächern durch den Organisten Christoph Morhard erhalten haben". Dies schreibt er, obwohl man längst weiß, daß Morhard als nur rein praktisch ausgebildeter Organist gar nicht befugt war, an einer Gelehrtenschule zu unterrichten. Das war Aufgabe des nicht nur praktisch, sondernauch theoretisch, wissenschaftlich und kompositorisch (auf einer Universität) ausgebildeten Kantors August Braun. Ferner ist aus der alten Klosterschule nicht die Michaelisschule, sondern die Ritterakademie, eine Bildungsstätte für Söhne des Celle-Lüneburgischen Adels, hervorgegangen. Im Gegensatz zu Low und Morhard – so meinte Dr. Böhme – sei der im besten Mannesalterstehende Organist an St. Johannis Georg Böhm "lediglich Bachs indirekter Lehrer – gewesen". Dieser geniale Meister aber war damals in technischer wie in kompositorischer Hinsicht Lüneburgs markanteste Musikerpersönlichkeit. Im Jahre 1700, dem Ankunftsjahr Joh. Seb. Bachs, gab er gerade seine Melodien zu den geistreichen (nicht "geistlichen" wie Böhme meint) Liedern von Elmenhorst bei Stern in Lüneburg heraus. Unbegreiflich ist, wie Böhme diese verhältnismäßig kunstvollen volkstümlichen Weisen als "Choräle" bezeichnen kann! Bach und Böhm waren enge Landsleute, deren Familien in der Heimat ohne Zweifel einander gut bekannt waren. Böhm war von Mitgliedern des Rates wie von der Jugend gleich geschätzt. Um Bachs direkte Schülerschaft zu ihm erklären zu können, müssen wir uns außerdem vergegenwärtigen, daß der frühreife, mit außerordentlicher Intelligenz ausgerüstete Jüngling ähnlich wie sein großer Zeitgenosse Leibniz stets dem nächsten Ziele zustrebte und dieses Ziel beharrlich mit dem Fleiß des Genies verfolgte. Sein ganzer Bildungsgang legt Zeugnis ab von seinem Hindrängen zu großen, richtungweisenden Meistern (Reinken und Buxtehude) und seiner Aufgeschlossenheit für das Neue (Celle, französische Musik). Es ist deshalb undenkbar, daß dieser Jüngling, der sonst mit erstaunlicher Sicherheit immer den richtigen Weg fand, während seines mehr als zweijährigen Aufenthaltes in Lüneburg an Böhm, der ihm viel Neues zu bieten hatte, sollte vorübergegangen sein. Bachs frühe Orgelwerke liefern denn auch den bündigsten Beweis dafür, daß er Böhms Schüler gewesen und von ihm stark beeinflußt worden ist. Von Böhms Orgel, die noch heute eine der größten Sehenswürdigkeiten Lüneburgs darstellt, behauptet Böhme, daß sie im Jahre 1712 von dem Orgelbauer Dropa – er schreibt freilich Tropa – gebaut worden sei. Dabei ist sie von diesem in den Jahren 1712 bis 1714 nur erweitert worden. Jeder Orgelfreund weiß, daß – der Kern dieses im In- und Auslande berühmten Kunstwerkes mit seinem; imposanten Prospekt und einer Anzahl Register, die in klanglicher, baulicher und historischer Hinsicht besonders wertvoll sind, in den Jahren 1551 bis 1553 von den bedeutenden Orgelbauern Niehoff und Johansen aus Herzogenbusch in Nordbrabant errichtet worden ist.

Dies, alles, wie betont, stellt nur eine Auswahl aus den Unrichtigkeiten dieser "Forschung" dar, die Onkel Bräsigs "Fixigkeit" zum Leitmotiv der Arbeit gemacht zu haben scheint. Nachdem die neueste Forschung glücklich soweit ist, daß sie die bedeutungsvolle Musikgeschichte Lüneburgs in all ihren Verzweigungen und Ausstrahlungen überblicken kann, kommt es natürlich darauf an, ein in allen Einzelheiten zuverlässiges Bild dieses so interessanten wie entwicklungsgeschichtlich wichtigen Kapitels nicht nur der Wissenschaft, sondern auch der Allgemeinheit zu vermitteln. Wo kommen wir hin, wenn "Forschung" à la Böhme Schule macht?