Exportmessen sollen dazu dienen, dem ausländischen Interessenten zu zeigen, was er in Deutschland an Fertigwaren kaufen kann. Massengüter wie Kohle, / Holz und Schrott braucht man nicht auf diese Weise anzubieten. Sie werden ohnehin von Deutschland in einem Maße exportiert, das bedenklich ist, und in dieser widerspruchsvollen Entwicklung der deutschen Rohstoffausfuhr im Verhältnis zu der immer noch stagnierenden Fertigwarenausfuhr liegt eines der schwierigsten Probleme der deutschen Handelspolitik beschlossen – besser gesagt, der Handelspolitik, die man mit uns, auf unserm Rücken treibt. Der Marshall-Plan ändert, soweit sich bisher übersehen läßt, nichts Wesentliches daran, daß die bisherige Exportpolitik fortgesetzt wird: wir müssen Kohle exportieren, dazu Holz und Schrott, drei Ausfuhrgüter, die sozusagen "sozialisiert" sind, denn die Abwicklung dieser Geschäfte erfolgt über staatliche und quasistaatliche Organisationen; auf der andern Seite bleiben alle Exporte von Fertigerzeugnissen Sache der privaten Unternehmer, nur daß diese durch weitschweifigste und ein Maximum von Indiskretion verkörpernde Formalitäten behindert werden.

Rohstoff-Exporte also lassen sich in ihrer Höhe genau "verplanen"; die Fertigwarenausfuhr aber wird zwar auch zahlenmäßig, nach Gewichten, und Werten, geplant: aber ob diese Pläne verwirklicht werden, das vermag kein Mensch zu sagen, denn es hängt davon ab, ob auch tatsächlich von den privaten Unternehmern die entsprechenden Umsatzzahlen erreicht werden, worauf die Behörden keinen Einfluß haben. 1947 hat die Bizone für 550 Mill. RM Rohstoffe und Halbwaren exportiert, aber nur für 83 Mill. RM Fertigwaren. Heute ist die Luft erfüllt von den verschiedenartigsten Zahlen unserer für 1948 geplanten Exporte, aber soweit es sich dabei um anderes handelt als Kohle, Holz und Schrott, vermag niemand genau zu sagen, wie sich diese "Planungen" realisieren lassen.

Eine solche Exportpolitik, die es sich verhältnismäßig einfach macht, indem sie gewissermaßen am Punkte des geringsten Widerstandes ansetzt – womit nicht gesagt sein soll, daß unsere Firmen nicht exponieren wollten: die Sache ist vielmehr die, daß viele von ihnen es unter den gegebenen Bedingungen der "Bewirtschaftung" einfach nicht können – eine solche Exportpolitik steht in so offenkundigen Widerspruch zu der Wirtschaftspolitik, die die wichtigste Besatzungsmacht in ihrer eigenen Heimat betreibt, daß man sich schwer vorstellen kann, wie auf die Dauer eine solche Inkongruenz aufrechterhalten werden soll. Die Kohlen- und die Schrottausfuhr, die uns auferlegt wird, macht es aber auch unmöglich, die allgemeinen Ziele des Marshall-Plans zu erreichen. Man vergegenwärtige sich folgende Zahlen: vor dem Kriege förderte der Ruhrbergbau, aufs Jahr gerechnet, 125 Mill. t Steinkohle, jetzt höchstens 80 Mill. t; damals wurden rund 25 Mill. t exportiert, jetzt sollen wir rund 21 Mill. t ausführen, so daß also für den inländischen Verbrauch etwa 59 Mill. t zur Verfügung stehen, gegen rund 100 Mill. im letzten Vorkriegsjahr. Damals aber kam auch noch Saarkohle dazu und in Mitteldeutschland viel oberschlesische Kohle; dadurch vergrößert sich das Minus von etwa 40 auf wohl gut 60 Mill. t. Wie sollen wir, eine solche Hypothek des Kohlen-Fehlbetrags auf dem Buckel, mit unserer industriellen Produktion und unserm Verkehr wieder in die Höhe kommen? Wir müßten Kohlen einführen, oder wir müßten die Ausfuhr von Kohle zurückschrauben. Aber es bestehen Viermächte-Abmachungen über den Kohlenexport Deutschlands, und obwohl vieles von andern Viermächte-Vereinbarungen schon längst nur noch auf dem Papier steht, hält man doch gerade an diesem Punkt eisern fest; ob anderseits Kohle von draußen hereinkommen wird, darüber schweigt man sich noch aus (nur für 300 000 t tschechische Kohle, im Wert von 6 Mill. Dollar, liegen Zusagen vor). Aber außerhalb der amtlichen Rohstoffgeschäfte gibt es schon hin und wieder Kohlenimporte; so hat ein holländisches Konsortium, das vor einiger Zeit Walzstahl in Deutschland bestellte, nicht nur Erz dafür geliefert, sondern auch amerikanische Kokskohle: zum ersten Male haben Ruhr-Hochöfen, die auf der eigenen Kohle stehen, mit fremdem Brennstoff Eisen geschmolzen – weil das Land, aus dem für solche Geschäfte Kohle kommt, die Kohle der Ruhr selbst anderswohin dirigiert. Und wenn wir Kohle draußen verkaufen, so zahlte man uns dafür – bisher nur 15 RM je t, den offiziellen Inlandsverkaufspreis, also: künftig erhöht sich der Preis auf rund 25 RM. Wenn wir aber Kohle einführen, so müssen wir den Weltmarktpreis zahlen: und das sind 22 Dollar, ohne Fracht.

Die Schrottausfuhr ist ein ebenso schlechtes und auch ebenso widersinniges Geschäft für uns. Wir sollen im laufenden Wirtschaftsjahr 1,2 Mill. t Schrott exportieren, obwohl, wenn das Stahlprogramm erfüllt werden soll, d. h. wenn auch nur die ursprünglich vorgesehenen 4,2 Mill. t erreicht werden sollen, ein Zukaufsbedarf der Stahlwerke von 1,8 Mill. t Schrott veranschlagt ist, wovon der Schrotthandel nur die Hälfte aufbringen zu können glaubt. Anderseits aber sollen wir für 42 Mill. Dollar Erze importieren – Rohr – Stoffe also, zu deren Verarbeitung wir Kohle verbrauchen müssen, während das Einschmelzen von Schrott im Martinofen mit Koksofengasen bewirkt wird, die sowieso bei der Koksproduktion anfallen. Hält man das alles zusammen, die Kohlenausfuhr und die Schrottausfuhr, die Erzeinfuhr und den Kohlenbedarf, so wird die Problematik derartiger Planungen erst recht erkennbar. Das alles sind Dinge, die sich bei freier Preisbildung auf einem freien Weltmarkt und bei freiem Handel niemals ereignen würden: Unwirtschaftlichkeiten, aus denen kein neuer Wohlstand erblühen kann.

Wie aber steht es mit dem Holz? 1937 war unser Holzexport, im Werte von etwa 3 Mill. RM, so gut wie bedeutungslos. 1947 mußten wir für 130 Mill. RM Holz exportieren zu Preisen, die eine freie Ausfuhr nicht akzeptiert haben würde. Holzimport ist uns nicht ermöglicht worden; vor dem Krieg hatten wir alljährlich für 200 Mill. RM Holz eingeführt. Man hat also unsere Holzbilanz vollkommen auf den Kopf gestellt. Es läßt sich ausrechnen, wann diese Holzpolitik wichtigste Sparten der inländischen Versorgung, z. B. den Grubenholzbedarf, die Stütze des Kohlenbergbaues, lahmlegen wird – und was dann?

Die Bizone und die französische Besatzungszone Deutschlands sollen gleichberechtigt neben den andern vom Marshall-Plan alimentierten Ländern stehen. So heißt es in den Reden der Staatsmänner. Aber lassen sich damit die Ungereimtheiten vereinbaren, die in der Handelspolitik, der Rohstoffe betrieben werden? Läßt man auf die Dauer das Plus an Kohlen, das wir erarbeiten, in den Zwangsexport .gehen, läßt man uns auf die Dauer Grundstoffe ausführen, nicht optimale Arbeitsleistung, wie sie in den Fertigerzeugnissen steckt, so kann die deutsche Situation sich nicht nachhaltig bessern, und keines der Märshall-Ziele, das ökonomische ebensowenig wie das politische, kann verwirklicht werden. Die schönste Exportmesse verpufft, wenn das, was sie zeigt, nicht exportiert werden kann, weil das, was exportiert werden muß, zur Herstellung dessen, was exportiert werden soll, fehlt – nämlich die Kohle. Das ist die andere Seite, die unsichtbare, der Messeplakate. V. Muthesius