Von Lemgo und von Kiel sind berichtigende Zuschriften zu dem kürzlich an dieser Stelle erschienenen Aufsatz ("Gespenster", Ausgabe vom 6. Mai) eingegangen, in dem gewisse Schätzungen über die nach der Geldneuordnung zu erwartende Erwerbslosigkeit kritisch besprochen waren.

Das Zentralamt für Arbeit in Lemgo stellt richtig, daß es "eine Entlassungssperre ablehnt". Hierzu wird auf eine Veröffentlichung in der "Welt" vom 5, Mai verwiesen, nämlich auf ein Interview mit Präsident Scheuble-Lemgo. Dort ist nun allerdings über eine Entlassungssperre weder pro noch contra etwas gesagt; dabei hätte es ja wohl nahegelegen, bei dieser Gelegenheit den Standpunkt der Arbeitsverwaltung klarzustellen, nachdem die "Welt", unterm 5. April, aus Lemgo als die dortige Auffassung berichtet hatte: "Entlassungssperre notwendig".

Nun, bessere Einsichten sind immer zu loben. Mit Vergnügen teilen wir deshalb mit, daß Lemgo uns jetzt schreibt, das Zentralamt habe sich nie auf eine Schätzung der Arbeitslosigkeit (nach der Reform) in Höhe von rund zwei Mill. Menschen "festgelegt". Wesentlich positiver sagt Präsident Scheuble in dem zitierten Interview: "Wenn der Wirtschaft Mittel in Form von Betriebskrediten und, in Verbindung mit dem Marshall-Plan, auch Rohstoffe zur Verfügung stehen, wird überhaupt nicht mit Arbeitslosigkeit zu rechnen sein." Gemeint ist wohl: mit einer Freisetzung von Arbeitskräften, über das hinaus, was andere Betriebe neu aufnehmen können. Denn so optimistisch wird Lemgo ja nicht geworden sein, daß es nun meint, die bisherige "versteckte", erst durch die Reform "offengelegte" Erwerbslosigkeit werde nicht fühlbar in Erscheinung. treten – diese "neuen" Arbeitslosen würden also ohne weiteres vonden Betrieben aufgenommen werden. Die potentielle Reservearmee ist doch recht groß; sie sichtbar zu machen, sie in die produktive Arbeit einzureihen: das soll die Geldreform ja, nicht zuletzt, mit bezwecken.

Damit sind wir bei den Berechnungen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft angekommen. Sie führen zu einer Zahl von fünf bis sieben Millionen "möglicher" Erwerbsloser. So viele Menschen könnten also maximal noch beschäftigt werden; sie stellen die potentielle Reserve dar. Diese Schätzung der Kieler ist also nicht so zu verstehen, daß eine effektive Erwerbslosigkeit in der angegebenen Höhe nach der Geldumstellung bestimmt zu erwarten sei. Und zur Ehre der Kieler darf ausdrücklich richtiggestellt werden, daß ihre Schätzung ganz anders begründet worden ist, als die (auf die gleichen Zahlen lautende) Schätzung des sogenannten "Homburger Gutachtens", das wir zu unrecht Kiel in die Schuhe geschoben hatten.

Also, um die Dinge ganz klarzustellen: Da ist das Kieler, da das Homburger Gutachten. Beide kommen – was die irrige Annahme veranlaßt hat, es handele sich nur um ein einziges Gutachten – zu denselben Endziffern. Die Begründung der Homburger Schätzung ist hier bereits kritisch behandelt worden. Zur Begründung der Kieler Zahlen geben wir Kiel selber das Wort. Das Institut schreibt uns:

Wie schon der Titel besagt ("Bevölkerung, Arbeitspotential und Beschäftigung im britisch-amerikanischen Besatzungsgebiet", von Dipl.-Volkswirt H. Wander), befaßt sich die Arbeit keinesfalls nur mit der Frage der künftigen Beschäftigungslage. Sie gibt vielmehr ein umfassendes Bild der gegenwärtigen, im Vergleich zur Vorkriegszeit völlig veränderten Bevölkerungs- und Erwerbsstruktur und versucht hieraus Schlüsse auf die künftige Lage zu ziehen.

Die Untersuchung des Instituts legt ihrer Schätzung die Annahmen zugrunde, daß der Wirtschaft der Bizone nach der Währungsreform 1. keinerlei ausländische Kredithilfe zuteil wird, 2. daß die Demontagen voll durchgeführt werden und 3. daß die Produktionsbeschränkungen und -verbote des neuen Industrieplans voll zur Auswirkung kommen. Nimmt man nun an, daß sich bei Zutreffen dieser Voraussetzungen etwa zwei Drittel des Produktionsstandes von 1936 erreichen ließen, so wäre unter Berücksichtigung der verschiedenen leistungshemmenden Faktoren künftig mit einem Bedarf von etwa 13 bis 13.5 Mill. Arbeitskräften gegenüber rund 14,9 Mill. 1936 in der Bizone zu rechnen. Das würde, verglichen mit dem Beschäftigtenstand von 15,6 Mill. Erwerbstätigen Ende Juni 1947, einer Freisetzung von 2,1 bis 2,6 Mill. Beschäftigten im Vereinigten Wirtschaftsgebiet entsprechen. In diesem Umfang deckt sich die Schätzung durchaus mit anderen Gutachten.