Von Heddy Neumeister

Johann. Sebastian Bach und eine ganze Reihe anderer großer Männer wären. nicht geboren, worden, wenn ihre Eltern dem "Zweikindersystem", wie man späterhin sagte, gehuldigt hätten: damals kannte man weder das Wort noch die Sache. So oder ähnlich war es in mancherlei Traktaten der vornationalsozialistischen und der nationalsozialistischen Zeit zu lesen. Auch große instruktive Tafeln und Bilddarstellungen wurden häufig in Ausstellungen gezeigt, aus denen hervorging, daß hier das achte, dort das zwölfte Kind ein Genie geworden sei, um das die Welt also ärmer geworden wäre, wenn die Familie, aus der es stammte, sich mit einer kleinen Anzahl von Kindern oder – horribile dictu! – mit Kinderlosigkeit begnügt hätte, oder gar – nicht auszudenken! –, wenn einer der beiden elterlichen Partner unverheiratet geblieben wäre. Diese Darstellungen schienen dem einfachen Verstand ohne weiteres überzeugend und ermunterten viele zu dem, wozu ohnehin jedermann Lust hat. Was solche Statistiken und farbenprächtigen Bilder sorgfältig verschwiegen, war die große Anzahl enterbter, entarteter, kranker und schwachsinniger Geschöpfe, welche ebenfalls häufig aus kinderreichen Familien stammen – aus dem einfachen Grunde, weil der Kinderreichtum zwar recht wohl das Zeichen einer gesunden, naiv dem Leben vertrauenden Familie sein kann, aber ebensowohl ein Symptom für die Zugehörigkeit dieser Familie zu der hemmungslosen, sittlich und gesundheitlich labilen Unterschicht der Gesellschaft, Weder der eine noch der andere Schluß, weder ein eindeutig positiver noch ein eindeutig negativer Schluß ist aus der Tatsache des Kinderreichtums, schließlich aus der Tatsache einer Geburt überhaupt zu ziehen: sie ist, wie alles, was in den Bereich des menschlichen Lebens fällt, nichts Absolutes, das für sich selber steht.

Nun gibt es historische Gegenbeispiele von einigem Interesse. Jacob Burckhardt entschloß sich ziemlich früh, unverheiratet zu bleiben, mit der seltsamen Begründung: durch ihn solle kein Mädchen unglücklich werden. Wer die reife und lautere Persönlichkeit Burckhardts aus seinen Werken und Briefen kennt, wird sich verwundert fragen, warum eine Frau an der Seite dieses Mannes hätte unglücklich werden sollen; es kann nur das Bewußtsein für die notwendige Einsamkeit und Menschenabgewandtheit des mit einem geistigen Auftrag Versehenen gewesen sein, das Burckhardt diese Art der Betrachtung eingab. Doch liegt darin vielleicht – abgesehen von dem zeitlosen Problem der Zueinanderordnung von Geist und Welt – schon etwas vorweggenommene Problematik des späteren neunzehnten Jahrhunderts, das mehr und mehr den Geist als den Widersacher des Lebens ansah. Es gibt aber eine viel unproblematischere, handfestere, rein materielle Seite der Sache, die zu allen Zeiten gültig ist; Nikolaus Kopernikus, der Thorner Patriziersohn, verlor, seinen Väter verhältnismäßig früh. Es ist gar nicht so schwer auszudenken – und niemand könnte gerade heute sagen, ihm fehle die Phantasie dazu – was aus dem Jungen hätte werden, können, innerhalb der fortwährenden städtischen und territorialen Fehden zwischen der Hanse, dem Orden und den Polen, die seine ganze Lebenszeit begleiteten, innerhalb fortwährender Brandschatzungen, Verarmungen und Veränderungen des sozialen Gefüges es ist gar nicht so schwer, sich auszudenken, was aus Nikolaus und seinem Bruder Andreas hätte werden können, wenn sich nicht ihr Onkel Watzenrode, der Bruder ihrer Mutter, der beiden Jungen angenommen, für ihr Fortkommen auf der Schule gesorgt und ihnen später eine ausgedehnte Studienzeit in Italien ermöglicht hätte. Dieser Onkel war Domherr, ein Junggeselle also, und es läßt sich vorstellen, welches Interesse er, neben seinen juristischen Arbeiten innerhalb der Verwaltung des Domkapitels zu Heilsberg im Ermland, der Erziehung und Ausbildung dieses früh seine außergewöhnliche Begabung verratenden Neffen zugewandt haben mag. Er wünschte, daß Nikolaus Jura studieren möchte; er hatte ihm in sehr jungen Jahren schon eine Pfründe des Domstifts verschafft und sah wohl in ihm seinen legitimen Nachfolger im Beruf. Tatsächlich hat Nikolaus, nachdem er sich einige Zeit geweigert, den juristischen Grad erworben und späterhin in der Tat, wie einst sein Onkel, dem Domkapitel gute Dienste in der Verwaltung geleistet und in Kriegszeiten seinen kühlen Kopf und seine Umsicht bewährt. Nebenbei blickte er, wie man weiß, durch das Fernrohr auf dem Turm seiner Kurie in Frauenberg und stürzte durch seine Entdeckungen das bis dahin geltende Weltbild um. Ein Domherr, ein Junggeselle, Nikolaus Kopernikus. Als schon alter Mann hatte er einen Ärger mit seinem Bischof wegen seiner Haushälterin, eines ungewöhnlich schönen, viel jüngeren Mädchens, mit der er ins Gerede gekommen war – ob zu Recht oder zu Unrecht, steht dahin. Jedenfalls fügte er sich ohne Widerspruch der kirchlichen Sitte und entließ das Mädchen woraus man ersieht, daß zu allen Zeiten das Zölibat nicht so am an Ereignissen war, wie mancher denkt.

Die Reformation freilich, die dem kopernikanischen Weltsystem benachbarte, nannte so etwas Lüge oder, schlimmer, Heuchelei und schaffte es ab, soweit es die Priester betraf. Aber das gute Gewissen, mit dem nun im Pfarrhaus Kinder gezeugt wurden – und man weiß, welche Rolle diese Deszendenz für die Entstehung der klassischen deutschen Literatur spielte – wurde durch die Armut balanciert, welche mindestens die Hälfte der geborenen Kinder wieder sterben ließ, so daß dem Pfarrer doch noch etwas Zeit für seine Seelsorge blieb. Wie man überhaupt jene Tafeln, die von dem Segen der kinderreichen Ehen in früheren Zeiten handeln, sich dadurch ergänzen muß, daß man sich klarmacht, daß bei dem damaligen Stand der Medizin immer nur ein Teil der Frauen eine oder mehrere Geburten aushielt, und daß zwei oder drei Ehen bei einem Mann fast die Regel waren, da immer wieder die Frauen im Kindbett starben. Bekannter als diese Tatsache sind die Zahlen über die Säuglingssterblichkeit, die noch vor hundert Jahren vielfach rund die Hälfte aller Geburten betraf. Menschlicher Kummer genug, der sich hinter diesen Zahlen verbarg – aber sozial gesehen bedeuteten sie eine natürliche Korrektur. In diesem Sinne äußerte sich Justus Moser, mit seinem ganzen norddeutsch-rationalen Eifer gegen die Blatternimpfung: wo, um Gottes willen, man denn mit all den Kindern hin solle, die, wenn die Impfung halte, was sie verspräche, nicht mehr an den Blattern stürben? Aber noch war das Problem gar nicht in die Breite gediehen, die es erst in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gewann. Noch standen große Schichten, zum Beispiel die ganze ländliche Unterschicht, unter der Herrschaft genauer Heiratsbeschränkungen. Noch zügelte der Bauer, wohl sehend, daß der Hof nur eine Familie zu ernähren vermochte, den Nachwuchs selbst, indem im allgemeinen nur der Hoferbe heiratete, die Geschwister aber als unverheiratete Hilfskräfte des Erben auf dem Hof blieben, wo dann allenfalls das "Malheurchen" des einen oder anderen von einer gelegentlichen Durchbrechung des Zölibats Zeugnis gab und mit den übrigen Kindern des Hofes zusammen friedlich oder auch unfriedlich, je nach dem Temperament der Beteiligten, aufwuchs.

Erst im Lauf des neunzehnten Jahrhunderts wurde das Heiraten allgemeiner Brauch, wenn man so sagen darf. Erst jetzt, wo jedermann ein Geldeinkommen hatte, das den realen Wert der Güter, die dahinter standen, verschleierte, wo sich durch das Medium der Geldrechnung fast jede Schicht, oben wie unten, über ihre wahren Verhältnisse täuschte, erst jetzt schien der eigene Hausstand, das eigene Kind für jedermann der einzig "natürliche" Zustand zu sein, von dem alles andere (schon die kinderlose Ehe) nur Abweichungen leicht pathologischen Charakters waren. Das gewollte Zölibat der Priester und Klöster, das einmal Pflicht und Vorrecht der geistigen Schicht gewesen war, ragte als seltsames und unverständliches, allenfalls durch die Tradition geheiligt Relikt in den katholischen Bezirken hervor. Dann gab es höchstens noch die "Familientante", deren Aussterben nach dem ersten Weltkrieg, als die Mädchen vollzählig in die außerhäuslichen Berufe strömten, allgemein lebhaft beklagt wurde, ohne daß dies etwas hätte ändern können. Die nationalsozialistische Heirats- und Bevölkerungspolitik brachte darin eigentlich nichts Neues, sondern förderte nur, wenn auch aus spezifischen Gründen, das, was der allgemeinen Auffassung als das Natürliche erschien: die frühe Ehe und die durch keine sittliche oder materielle Hemmung begrenzte Kinderzahl. Und lange, bevor man in der nationalsozialistischen Aera den Junggesellen einen "bevölkerungspolitischen Blindgänger" nannte und ihn mit konfiskatorischen Steuern belegte, waren er und die alte Jungfer zur schonungslos verspotteten Witzblattfigur geworden.

Indessen fragt es sich, ob nicht der Stand der Ehe- und Kinderlosigkeit einer neuen Betrachtung bedürfte, die ihn vielleicht als "natürlicher" erscheinen läßt, als es dem rein materialistischen Naturbegriff des neunzehnten Jahrhunderts erschien. Dabei sei von den Geistigen, die man wohl in den letzten Jahrhunderten als die profanen Nachfolger der geistlichen Ehelosen ansehen durfte, abgesehen; ihr Fall ist ein besonderer, der uns allzu tief in die Problematik der geistigen Existenz in dieser Zeit hineinführen würde. Aber allein die materielle Seite der Sache ist interessant genug. Die Familie leistet schon lange nicht mehr das, was sie einmal geleistet hat; von allen Aufgaben, die einmal im Hause lagen, ist allein die Versorgung der Unmündigen übrig geblieben. Mit ihr ist ein normales Ehepaar auch reichlich strapaziert, nicht erst in dieser Zeit, sondern im Prinzip schon seit langem. Was alt und krank wird und sich nicht mehr selbst helfen kann, ist weithin auf die institutionelle Fürsorge, angewiesen, die freilich niemals die Familie ersetzt. Nur wo es einen Junggesellen gibt, einen unverheirateten Sohn oder eine Tochter, ist die Frage im allgemeinen leicht gelöst: die unverheirateten Frauen insbesondere werden als die natürlichen Träger dieser "Familienlasten" angesehen und sehen sich selbst so an, ohne davon viel Aufhebens zu machen. Indessen, seit der Krieg und seine Folgen selbst die jungen Familien vielfach auseinandergerissen, zerstückelt und reduziert haben, ist auch die Sorge für die kommende Generation zum Teil auf die unverheirateten Verwandten übergegangen.

Da ist der Fall jener sechs Schwestern aus Liegnitz, drei davon verheiratet und Mütter und im Krieg verwitwet, die im letzten Augenblick des Krieges vor den Russen flohen. Sie sind an drei verschiedenen Punkten des restlichen Deutschlands verstreut, jeweils eine verheiratete und eine unverheiratete haben sich zusammen getan, und überall hat die unverheiratete mit Selbstverständlichkeit den Part des Ernährers übernommen. Aber es sind keineswegs nur die Frauen, die, wie man glauben könnte, aus einer besonderen weiblichen Gefühlsbetontheit heraus, zu solchen Opfern bereit sind; es gibt genug männliche Beispiele, die, ohne übertriebene Sentimentalität, jedoch auch ohne jedes Zögern ihren Anteil in einer solchen von den Stürmen der Zeit auf Sand gesetzten Geschwisterfamilie oder den Eltern gegenüber übernehmen. Bekanntlich sind alle Junggesellen Egoisten. Sie sind es in der Tat, die Aufopferung für die Familie, wie sie in einer guten Ehe üblich ist, ist ihnen normalerweise fremd. Aber gleichzeitig fehlt ihnen – immer den entsprechenden Charakter vorausgesetzt – das Abgekapselte der Familie, deren Interesse und Bereitschaft für andere mit dem Dunstkreis des häuslichen Herdes endet. Ist nun der häusliche Herd so problematisch geworden, wie er es durch die Macht der Umstände heute vielfach ist, stellt er gleichsam nur noch die Brutstätte immer neuen Lebens dar, ohne Rücksicht darauf, wie dieses später fortkommen soll, greifen außerdem immer neue allgemeine Katastrophen in das Gefüge dieser Familien ein, so erweisen sich plötzlich die Unverheirateten, die Junggesellen, als ein Element der Ordnung und der Stabilität, das ergänzend eintritt, wo die engere Familie versagt. Daß sie noch einmal als die Stützen der Gesellschaft angesprochen würden, haben sich die Junggesellen wohl nicht träumen lassen, und es ist nicht gesagt, daß sie im Durchschnitt sehr entzückt davon sind. Gleichwohl, entzückt oder nicht, sie übernehmen diese Funktion und knüpfen damit, ohne es zu wissen, an weit zurückliegende historische Zustände an. Es ist wohl kein Fehler, sie einmal unter diesem Aspekt zu betrachten; die verbreitete Neigung zu summarischen Urteilen über das, was "natürlich" und was nützlich und richtig sei, könnte dadurch wirksam korrigiert werden.