In Hamburg wird zur Zeit im Museum für Kunst und Gewerbe eine Ausstellung "Ostasiatische Kunst" gezeigt. Seit den Tagen von Justus Brinckmann ist das Hamburger Museum für seine ostasiatischen Sammlungen berühmt.

Bereits in der Frühzeit derabendländischen Völker fand eine Begegnung mit dem Osten statt. Wir sprechen dabei nicht von der Hallstatt- und La-Tene-Zeit, Epochen, in denen sich der Kontinent Europa von dem riesigen übrigen Teil, der den Namen Asien erhielt, noch nicht getrennt hatte. Die erste wirkungsvolle Begegnung zwischen europäischem und asiatischem Geist, die wir vermerken wollen, geschah in den dunklen Jahrhunderten der Völkerwanderung, Hier ist die Verbindung mit dem Fernöstlichen über die weiten Steppen hinweg deutlich wahrzunehmen: Wir sehen, wie die Kunst der nordwestlichen Barbaren sich mit dem Thema "Tier" erregt auseinandersetzt. Die Kunst der asiatischen Nomadenvölker war beherrscht von dem dol des Tieres; die Kunst der europäischen Barbaren läßt erkennen, daß sie dieses Idol zu entthronen suchten.

In der karolingischen Renaissance, mit der die Kunst des Mittelalters begann, nahm das Abendland das antikeVorbild auf. Diese Kunst stellte den Menschen in den Mittelpunkt, vomit die Darstellung des Tieres in den Hintergrund rückte. Indem sie das Erbe der Mittelleerkultur übernahm, wurde sie für eine neue Begegnung für den Fernen Osten unempfänglich.

Alle späteren ostasiatischen Einflußwellen varen im ganzen mehr oberflächlicher Natur Die spielerische Seite der künstlerischen Phantasie erlockte dazu, Anregungen vom Fernen Osten zu verwerten. Es bildete sich ein neuer Formensinn, als der westliche Handel ostasiatisches Geschirr und Gerät in Mengen nach Europa brachte. Damit ist schon ausgesprochen, daß die fernöstlichen Einwirkungen im wesentlichen das durch die italienische Renaissancetheorie von der Kunst (von den tre arti del disegno) bereits abgetrennte Kunstgewerbe betrafen. Schon in der gotischen Seidenkunst des 14. Jahrhunderts, die bei der Erfindung ihres neuartigen Ornamentstils ostasiatische Muster geistreich verwertete, war zu beobachten, daß die Zeichner sich von den fernöstlichen Vorbildern, den Mut zu freierem Spiel der Phantasie beflügeln ließen. Eine große Welle fernöstlicher Einflüsse, die breiteste seit der Völkerwanderungszeit, überflutete Europa im 17. und 18. Jahrundert. Sie brachte eine Umwälzung in den keramischen Formen zuwege, ersetzte die überkommenen durch ganz neue Gebilde oder verwandelte die alten gründlich. Sie schuf ferner die "Chinoiserie" des 17. und 18. Jahrhunderts – jene fernöstlich eingekleidete, verspielte, harmlos-heitere Wunschwelt, ins Ornament eingezeichnet, in Gärten eingebaut und als "Dekor" verwertet. Die "große Kunst" jedoch wurde von dieser Welle so gut wie gar nicht beeinflußt. (Goethes Chinesisch-Deutsche Jahres- und Tageszeiten waren nur eine Episode; in den bildenden Künsten fanden sie keinen Widerhall.)

Am Ende des 19. Jahrhunderts schien die europäische Kunst erneut das östliche Vorbild zu suchen. Unter dem Zeichen des "Japonismus" entstand schließlich der Jugendstil. Kunst und Kunstgewerbe der Zeit unserer Väter oder Großväter fanden bei der Vertiefung in japanische Werke eine Form, die sie von dem quälenden Reichtum der historischen Epoche zu befreien schien. Es sind auch Anzeichen dafür vorhanden, daß sich in unserer Zeit eine neue förderliche Begegnung mit dem Fernen Osten anbahnt. L. M.