Die USA, die aus dem zweiten Weltkrieg nicht nur wirtschaftlich ungeschwächt, sondern, was die Produktion betrifft, verstärkt hervorgegangen sind, vergaben seit Kriegsende für fast 20 Mrd. $ Kredite an Europa. Die Kredite wurden den einzelnen Ländern zugeführt, die, ausgehungert, diese Beträge mehr als Preis des Sieges denn als Hilfe, für den Frieden auffaßten. Das verarmte Europa verwandte die Kredite zu kurzfristigen Verbesserungen des Lebensstandards und nicht zum produktiven Aufbau auf lange Sicht. So wurde mindestens die Hälfte der Dollars fehlgeleitet. Die als Zündung gedachten Kredite verpufften und der europäische Wirtschaftsmotor lief langsamer an als vorgesehen.

Wohl begannen die Westeuropäer wieder zu exportieren. Man erreichte sogar den Anschluß an die Quoten von 1938. Das amerikanische Handelsamt beziffert das Weltexportvolumen 1947 auf 104 v. H. gegenüber 1938, wobei Norwegen und Dänemark eine Erzeugungszunahme gegenüber dem letzten Vorkriegsjahr um 20 v. H. aufweisen können, Schweden, Belgien, Holland und Großbritannien, um 10 v. H. und Frankreich um 2 v. H. Diese Produktionssteigerungen kamen, weitgehend dem Export der genannten Länder zugute.

Aber es bestehen noch zahlreiche Verzerrungen im Gesamtbild. Der Export innerhalb Europas ist entgegen seiner früheren starken Ausprägung kaum wieder entwickelt. Infolge der Schwächung der europäischen Produktion hat sich das Schwergewicht der europäischen Bezüge auf Amerika verlagert. Somit sind der Kontinent und die britischen Inseln in starke Abhängigkeit vom Dollar geraten. Der Passivsaldo Westeuropas mit dem Dollargebiet beläuft sich für 1946 auf 6,5 Mrd. $ und für 1947 auf rund 8 Mrd. $.

Die erreichte Angleichung an 1938 kann für den Kontinent jedoch zu Fehlschlüssen führen. Europa muß mehr exportieren als 1938, da infolge der Substanzverluste während der Kriegszeit ein Ausgleich der passiven Handelsbilanz durch Posten der Zahlungsbilanz nicht mehr möglich ist. Es kommt dabei entweder auf die Erschließung neuer oder vorübergehend verlorengegangener überseeischer oder östlicher Märkte an, oder auf die Intensivierung des intereuropäischen Austausches. Die meisten: traditionellen Absatzmärkte in Übersee waren infolge des langjährigen Ausfalls der europäischen Exportländer gezwungen, eigene Industrien aufzubauen oder sich neue Lieferanten zu suchen. Dort spielt folglich Europa nicht mehr die frühere Rolle. Unser Erdteil wird daher zur Überwindung seines Notstandes die Handelsbeziehungen seiner Länder untereinander verstärken müssen. Voraussetzung hierzu ist jedoch die allgemeine Hebung der Produktion.

Prüfen wir nun die Struktur des zu intensivierenden europäischen Marktes, so fallen zwei Engpässe auf, die eine Harmonie in absehbarer Zeit beinahe unwahrscheinlich erscheinen lassen: Deutschlands Elend und die politische Abtrennung Osteuropas von seinen natürlichen und traditionellen Partnern im Westen.

Die nazistischen Autarkiebestrebungen lösten Deutschland schon teilweise aus der internationalen Arbeitsteilung. Immerhin wurden 1936 noch Waren für 4,7 Mrd. RM exportiert (1929 = 13,5 Mrd. RM; 1913 = 10,1 Mrd. Goldmark). Mit der Arisierung jüdischer Firmen wurden dann viele eingefahrene Handelsgleise zerstört. Der Krieg von 1939 kapselte das Reich fast völlig vom Weltmarkt ab. Was noch über die wenigen neutralen Länder hereinkam, wurde zumeist der Rüstungsproduktion zugeführt. Mit der Niederlage kam der Morgenthau.-Plan. Für diese politische Torheit zahlt nunmehr Europa ebenso schwer wie für die Potsdamer. Beschlüsse. Deutschlands Kornkammer, einst intensiv bewirtschaftet, ist – wenn auch hoffentlich nur vorübergehend – in polnischer Hand, die damit wenig anzufangen versteht; die Arbeitskräfte aber sind von dort vertrieben; die Ostzone tendiert auf Befehl der Besatzungsmacht nach Moskau; der Interzonenhandel ist eine Farce und kein Abbild der früheren deutschen arbeitsteiligen Wirtschaft; die anglo-amerikanische Zone ist wegen der Dollarklausel ein Land harter Währung, das mehr Rohstoffe exportiert als Fertigwaren, wobei daran zu erinnern ist, daß vor zehn Jahren der Wert der deutschen Fertigwarenausfuhr elfmal größer war als der Grundstoffexport. Zur Verhütung von Seuchen und Aufruhr werden die 43 Millionen Bewohner mit Lebensmitteln versorgt, die der amerikanische Steuerzahler bezahlen muß; die einst weitgehend selbstgenügsamen Gebiete, die heute zur französischen Zone gehören, arbeiten bei einem Lebensstandard, der kaum das Existenzminimum ergibt, was den Export anbetrifft, zu 90 v. H. für die Besatzungsmacht, – deren Truppe aus dem Lande ernährt werden, muß. Allen Zonen gemeinsam sind Demontagen, Industrie- und Außenhandelskontrollen. Die Ergebnisse dieser Politik sind entsprechend: Die Welt hat relativ den Anschluß an den Standard von 1938 erreicht, Deutschlands Investitionsgüter-Industrie zum Beispiel aber verharrt bei 26,6 v. H. gegenüber dem letzten Vorkriegsjahr. Dennoch debattierten die Außenminister der Siegermächte noch im Spätherbst 1947 darüber, ob man es gestatten dürfe, die zugesicherte Produktionserhöhung in der deutschen Stahlindustrie zuzulassen, ohne für die Sicherheit Europas fürchten zu müssen. – Facit: Deutschlands Wirtschaft ist eine Last für die Welt.

Die fehlende Eingliederung Deutschlands in die europäische Arbeitsteilung führte zu der kontinentalen Produktionskrise, die eben die Abhängigkeit vom Dollar hervorrief. Nun sitzt Holland fest auf Gemüse, Dänemark auf Fetten, Schweden auf Erz, Frankreich auf Vein, die Schweiz auf hocharbeitsintensiven Fertigwaren, der Balkan auf Tabak, Italien auf Ölen und Früchten – die Reihe könnte beliebig fortgesetzt werden. Es fehlt der traditionelle Abnehmer Deutschland, der nicht kaufen kann, weil er nicht das zu produzieren vermag, was als Bezahlung genehm wäre. Europa ist nicht mehr die wirtschaftliche Einheit, die es sein muß, um prosperieren zu können.