Von Carl W. Amberger

Um es gleich vorwegzunehmen: der gegenwärtige Zustand der Export- und Importgeschäfte zwischen Brasilien und Deutschland ist überhaupt kein "Zustand". Mit Absicht sagen wir Export- und Importgeschäfte und nicht Handelsverkehr; denn mangels einschlägiger Abkommen zwischen den Westzonen und Brasilien wäre das Wort Handelsverkehr von vornherein fehl am Platze. Und auch der Begriff Geschäfte ist noch reichlich übertrieben: denn das, was man sich, selbst unter Zugrundelegung eines pessimistischen Maßstabes, darunter vorstellen könnte, muß mit so vielen Einschränkungen und Verklauselierungen versehen werden, daß von den Geschäften nicht mehr viel übrig bleibt. Tatsache ist jedenfalls, daß zum Beispiel der deutsche Export nach dem Land des Kaffees über einzelne unbedeutende Abschlüsse (ab und zu mit einem leisen Anflug von Spott "kleinere Ersatzteillieferungen" genannt) noch nicht hinausgekommen ist.

Diesseits und jenseits des Ozeans türmen sich ungeheure Schwierigkeiten auf, die nur die Optimisten – jawohl, auch diese gibt es noch! – nicht verzweifeln lassen. Auf beiden Seiten bestehen einschneidende Restriktionsmaßnahmen bei der Import-, Export- und hauptsächlich der Devisenkontrolle. Wird bei einem geplanten deutschen Exportgeschäft nach Brasilien von der JEIA die Eröffnung eines unwiderruflichen Altkreditivs verlangt, so wird diese Forderung auf Grund der brasilianischen Devisenvorschriften als Regel abgelehnt; verlangt der brasilianische Kunde Zahlungsbedingungen, wie sie ihm andere Länder einräumen und wie sie immer in Brasilien gebräuchlich waren, nämlich: Zahlung gegen Dokumente, dann stehen diesem Verlangen niesige Vorschriften entgegen. Und kommt es selbst einmal in Ausnahmefällen zu einer Genehmigung eines Akkreditivs durch den Banco do Brasil zugunsten des deutschen Exporteurs – nicht zu verwechseln mit der außerdem grundsätzlich notwendigen brasilianischen Einfuhrgenehmigung –, so schreckt meistens, und zwar verständlichermaßen, der Importeur in Rio de Janeiro, São Paulo, Santos usw. zurück, da dann entsprechende Beträge seines Kapitals monatelang zinslos festliegen. Hat der brasilianische Import teur noch damit zu rechnen – und welcher Kaufmann tut das nicht, besonders bei der jetzigen Lage –, daß sich aus irgendwelchen Gründen die Lieferung unerträglich verzögert oder daß überhaupt nicht geliefert werden kann, dann kostet ihm die Annullierung seines Kurskontraktes, den er anläßlich der Akkreditivstellung abschließen muß, noch eine Stange Geld an Stempelspesen und Kommissionen, so daß die Akkreditivstellung mitunter eine recht kostspielige Sache für ihn werden kann. Das ist – abgesehen von den anderen zahlreichen Schwierigkeiten – ungefähr der Tenor, auf den die Geschäftskorrespondenz zwischen. brasilianischen und deutschen Geschäftsfreunden gegenwärtig abgestimmt ist.

Zugegeben, diese Restriktionen sind der Art, daß sie einzelne Geschäfte wohl fast bis zur Unmöglichkeit erschweren, aber doch nicht ganz unmöglich machen. Man könnte nun die eine oder andere hindernde Maßnahme aufheben, man könnte Erleichterungen schaffen – wie sie im allgemeinen auf dem Gebiet des deutschen Exports in mancher Hinsicht, bereits eingetreten sind und auch weiterhin eintreten werden –, das Wesentliche jedoch bei den gegenwärtigen unerfreulichen geschäftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Brasilien liegt darin, daß eben bis heute noch keinerlei vertragliche Abmachung zwischen den Westzonen und Brasilien abgeschlossen ist. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, daß die Reichsmark als jetzige Einheit der deutschen Währung überhaupt keinen internationalen Wert besitzt; und auch in Brasilien sind gerade in den letzten Monaten die Dollars sehr knapp geworden, so daß das Verlangen, Dollars für in Deutschland getätigte Einkäufe anzuschaffen, für den Banco do Brasil ein unlösbares Problem geworden ist. Müssen doch selbst nordamerikanische Exporteure neuerdings mit dem Eingang ihres Geldes monatelang warten, unbeschadet der Tatsache, daß ihre Kunden in Brasilien schon längst in Cruzeiros bezahlt und den Kurskontrakt für die Dollarüberweisung abgeschlossen haben.

Somit erscheint es auf den ersten Blick hin als eine äußerst undankbare Aufgabe, im Moment irgend etwas über den deutschen Export nach Brasilien und den deutschen Import aus Brasilien zu sagen. Und doch sollte man auch heute das Brasilgeschäft unter keinen Umständen aus den Augen lassen. Nur muß man sich darüber klar sein, daß wir einfach an einem Anfang stehen und daß man bei jedem Anfang eben nicht viel verlangen darf. Die Hauptsache ist doch wohl, daß die grundlegenden Voraussetzungen erkannt werden, die bei zukünftigen Geschäften zwischen zwei Partnern wie Deutschland und Brasilien gegeben sind und daß die Regierungsgewalten ihre allgemeinen handelspolitischen Maßnahmen und der einzelne Kaufmann seine eigene Geschäftspolitik danach richten. Diese grundlegenden Voraussetzungen sind erfreulicherweise leicht auf einen Generalnenner zu bringen: die beiden Länder ergänzen sich in ihren wirtschaftlichen Erzeugnissen vorbildlich; was dem einen Land fehlt, hat das andere, und umgekehrt. Und von diesem Gesichtswinkel aus gesehen, war Brasilien immer ein interessanter Geschäftspartner und wird es auch wieder in Zukunft werden. So sind es keineswegs nur platonische Äußerungen, wenn unter dem Kreuz des Südens bedauernd die Feststellung gemacht wird, wie sehr doch jetzt die deutschen Waren dort fehlen.

Liest man Berichte aus Brasilien, dann fällt dem europäischen Leser als erstes auf, daß sie sich vielfach widersprechen oder mit ihren Behauptungen in kürzester Zeit das Gegenteil von dem sagen, was sie unlängst meldeten. War es heute noch ein "boom", dann ist es, morgen vielleicht schon eine Flaute; wird heute eine regierungsseitige Maßnahme eingeführt, dann erfolgt morgen vielleicht schon wieder ihre Aufhebung. Mit europäischem Maßstab gemessen, sind die wirtschaftlichen Verhältnisse in Brasilien im einzelnen starken Schwankungen unterworfen, wenn auch im allgemeinen – und das sollte gerade für zukünftige Geschäfte zu denken geben! – ein stetiger wirtschaftlicher Aufschwung festzustellen ist. Wenn diese allgemeine stetige Aufwärtsbewegung gelegentlich durch Einbrüche vorübergehender Art, mitunter solcher stärkster Rückwirkung, unterbrochen wird, dann werden – nur zu leicht die Dinge, um die es bei der Beurteilung auf lange Sicht eigentlich geht, in den Hintergrund gedrängt. Und das muß vermieden werden: gerade bei Märkten, wie der brasilianische, sollte man grundsätzlich von jeder Schwarzweißmalerei Abstand nehmen, um die schon bestehenden Kontraste nicht noch über Gebühr zu unterstreichen und das Blickfeld einer sachgemäßen Beurteilung nicht zu trüben.

Wer einmal den brasilianischen Markt bearbeitet hat und Land und Leute wirklich kennt, der weiß, wie viele Möglichkeiten dort liegen. Hier kann sich eben der Kaufmann noch als wirklicher Kaufmann mit Initiative, Fingerspitzengefühl, Risiko, aber auch Erfolg betätigen, ohne zu einer Art von Verwaltungsbeamten zu werden, wozu er seiner Natur nach nicht geschaffen ist. Und diesen Verhältnissen muß deutscherseits, gerade jetzt am neuen Anfang unserer Exportbestrebungen, Rechnung getragen werden: der brasilianische Markt sollte für die Zukunft nur von Kaufleuten bearbeitet werden, die tatsächlich die Verhältnisse dort draußen kennen. Dafür ist in der Vergangenheit bereits genug Lehrgeld gezahlt worden.