Nicht nur bei uns in Westdeutschland, auch auf den ausländischen Absatzmärkten haben sich zum Teil einschränkende Bedingungen für das Exportgeschäft in Fertigbekleidung ergeben. Herr Egon Wiedmann (früher Berlin), der Leiter des Exportausschusses im Verband Hamburger Bekleidungsindustrieller, unterhielt sich mit uns über die wichtigsten Wandlungen hüben und drüben.

Die drei wichtigsten Schwierigkeiten für die deutsche Ausfuhr an Fertigbekleidung und besonders für Damenoberbekleidung lassen sich kurz mit den Begriffen umreißen: Einfuhrendernisse vom Ausland her, deutscher Mangel an Material und fehlende Kenntnis der technischen Veränderungen und der neuesten Modeströmungen im Ausland. Fangen wir mit der Abschnürung der Auslandsentwicklung an.

Wenn heute ein führendes deutsches Konfektionshaus für Damenmäntel mit seiner letzten Produktion in die Schweiz kommt, dann wird es sein alter Kunde darauf aufmerksam machen, daß seine Modelle in modischer Beziehung zwar erstklassig sind, doch die Stoffe, aus denen sie gefertigt sind, in der Schweiz unverkäuflich sind, Die Qualitätsarbeit ist unverändert die gleiche. Auch im Schnitt mag bei besonderen Anstrengungen ein führendes Modehaus für seine Spitzenmodelle noch den Anschluß an die internationalen Bedürfnisse erreichen. Aber die Stoffe! Auch die besten deutschen Weber können nun einmal ohne eigene Nachkriegs-Auslandserfahrungen heute noch nichts anderes weben als 1939. Inzwischen hat jedoch draußen gerade die Technik im Weben von Wollstoffen außerordentliche Fortschritte gemacht. Es können heute viel leichtere Wollstoffe hergestellt werden, die genau so warm halten, wie die alten schweren Stoffe. Es sind duftig zu nennende Stoffe, aus denen sich etwa entzückende Flauschsommermäntel herstellen lassen, wie sie Im Ausland große Mode geworden sind.

Oder ein anderes Beispiel. Die hochwertige Damenkonfektion, die aus deutscher Produktion in den ersten Häusern der europäischen Hauntstädte einschließlich London früher verkauft wurde, ist von Farben und von einer Technik der Musterzeichnung abhängig, die uns heute fehlen. Früher lieferte Frankreich manche der Pastellfarben, vor allem für Sommerstoffe. An ihren Import ist vorerst nicht zu denken. Andere Farben, die sich für das Bedrucken von hochwertigen Stoffen mit geätzten Kupferplatten und Rollen eignen, werden bei uns noch nicht wieder hergestellt, ebensowenig wie die Kupferpressen. In einem bekannten Seidenstoff-Werk werden die Stoffe mit der Hand bemalt. Jeder größere Auftrag des Auslandes müßte dadurch Lieferfristen erfordern, die bei der schnellen Wandlung der Mode untragbar wären. Die Leistungsfähigkeit der deutschen Konfektion, vor allem der führenden Berliner Häuser, ist unverändert und findet, seine praktische Anerkennung, wenn sich Amerikanerinnen aus Frankfurt und Berlin zwar die Stoffe in Paris kaufen, ihre Garderobe jedoch in Berlin arbeiten lassen.

Es wäre trotzdem falsch, zu glauben, daß auf den alten traditionellen Absatzmärkten für deutsche Damenkleidung kein Bedarf mehr für diese Ware bestünde. Die früheren Abnehmer in-Holland bekunden immer wieder lebhaftes Interesse, müssen jedoch auf den Mangel an Dollar verweisen, mit denen deutsche Exporte bezahlt werden müssen. Schwedische Importeure verhandeln ständig mit deutschen Firmen, sehen jedoch keine Möglichkeit, Ausnahmen von der im vorigen Jahr verhängten schwedischen Einfuhrsperre für Fertigbekleidung zu erreichen, da Schweden selbst im neuen Handelsabkommen keine. Beträge für diese Artikel vorgesehen hat und nicht vorsehen konnte, weil weiterhin der Spitzenausgleich in Dollar verlangt werden kann. In England wurde zwei Wochen vor der letzten Exportmesse in Hannover ein Einfuhrverbot für Fertigbekleidung erlassen, das sich gegen die deutsche Konkurrenz richtete.

In all diesen Ländern macht sich übrigens die Kehrseite der deutschen Arisierungen bemerkbar: Führende ehemalige deutsche Fachleute haben in diesen Ländern und oft mit bestem Erfolg neue Produktionslinien erschlossen, die nunmehr die Wettbewerbsfähigkeit der neuen deutschen Ausfuhr beeinträchtigen. Die Einfuhrverbote Englands wirken sich anscheinend auch auf "weite Teile des Empire aus. In Südafrika bemüht sich England selbst lebhaft um den Markt, und auch mit Kanada konnten noch keine nennenswerten Abschlüsse getätigt werden, obwohl z. B. für eine Hamburger Spezialität, die Regenbekleidung, drüben großes Interesse besteht. Und auch Südamerika würde gern deutsche Bekleidung gegen Fleisch oder Häute oder andere Exportgüter tauschen; es kann jedoch nicht in Dollar dafür zahlen.

Selbst gesetzt den Fall, daß den Modewandlungen des Auslandes Rechnung getragen und das Zahlungshindernis übersprungen werden könnte, bleibt noch die entscheidende Sorge, ob uns Materialien für die Bekleidungsindustrie zur Verfügung stehen. Die deutsche Baumwollverarbeitung steht und wäre vollauf im Ausland konkurrenzfähig, aber leider verbleibt für die Fertigbekleidung ein viel zu geringer Teil der erzeugten Stoffe. Viele gerade der führenden Werke sind mit Veredelungs- und anderen Aufträgen für Meterware vollständig und z. T. auf mehr als ein Jahr beschäftigt. So wird es schwer fallen, selbst für Qualitätsprodukte wie Bielefelder Hemden und Schürzen oder für Wäsche die notwendigen Stoffe zu erhalten. Für Wolle liegt das Problem noch sehr viel ernster. Die Webereien sind zwar wenig zerstört, sie brauchten allerdings neue Webstühle, die nach dem Ausfall der russischen Zone wohl demnächst aus der Schweiz bezogen werden müssen! Dagegen fehlt es in Westdeutschland an Spinnereien, und dieser Engpaß an Wollgarnen wird sich nur sehr langsam überwinden lassen. Auch die bisher eingeführte Wolle entspricht bei weitem nicht den Wünschen, die der Bekleidungsexport stellen muß. Es handelt sich meist um kurze rauhe Wolle, während die langen Fasern für Kammgarne fehlen. Die Folge ist das Kurztreten der meisten Aachener und rheinischen Webereien, deren Weltruf unerschüttert ist. Für Kunstseide und Zellwolle liegt die Sorge hauptsächlich im Rohstoff. Zelluloseeinfuhren in wesentlich größerem Umfang sind unvermeidlich und bei den Exportaussichten vollauf vertretbar.

Die deutsche Hoffnung liegt in der Tatsache, daß zumindest in Europa Fertigbekleidung noch immer Mangelware ist. Deshalb läßt sich trotz der aufgezeigten Schwierigkeiten mit ein wenig Zuversicht in die Zukunft blicken, auch wenn es an Zutaten fehlt, wenn die bei uns gegenwärtig hergestellten Reißverschlüsse,. Druckknöpfe und Nähgarne einfach unzulänglich für Exportware sind, oder wenn zu wenig Produktionspermits für die Färbereien und Ausrüster im Krefelder Gebiet bestehen. Doch diese leise Hoffnung wird sich erst dann realisieren lassen, wenn die deutsche Ausfuhr wieder über Verrechnungsabkommen im Austausch gegen die Güter anderer Länder erfolgen kann und wenn bei der Ausfuhr der Gebrauchsmaterialien die deutschen Wünsche entscheidend berücksichtigt werden. Gw.