Von Edgar Gerwin

Nicht nur in England neigt man zur Überschätzung der Meinungsverschiedenheiten in der Labour Party, die in den letzten Wochen zum Ausschluß von zwei Abgeordneten geführt Partei, Ausschlüsse gehören zum Rüstzeug einer Partei, die viele divergierende Elemente umfaßt. Und mancher Labour-Politiker hat feststellen können, daß seine Ausstoßung nur eine Stufe auf der Erfolgsleiter war: Schatzkanzler Cripps etwa und auch der Ernährungsminister Strachey, beide heute maßgebliche Säulen der Labour-Regierung. Das Huldigungstelegramm des Abgeordneten Anhängsel an das italienische Kommunisten-Anhängsel Nenni war in der Tat eine unnötige Brüskierung der Außenpolitik Bevins in einem kritischen Zeitpunkt. Der andere Ausgewiesene, Alfred Edwards, hatte sich in seinen Äußerungen gegen eine bürokratische Verstaatlichung der Stahlindustrie zu weit nach rechts vorgewagt und mußte dem linken Flügel der Partei und der Gewerkschaften geopfert werden.

Sehr leicht allerdings könnte Edwards der Vorreiter auf dem Labour-Wege zu einer bürgerlichen Partei sein. Denn dies steht wohl fest: Die Zeiten sind vorüber, in denen die Labour Party eine Arbeiterpartei war. Nach dem Untergang der Liberalen, deren verzweifelte Bemühungen um ein come Back seit Kriegsende völlig ergebnislos blieben, ist Labour zur zweiten Partei geworden, die aus dem englischen politischen Leben als Gegenspieler zu den Konservativen auf absehbare Zeit nicht wieder verschwinden wird, gleichgültig; ob sie bei der nächsten Wahl in die Opposition gedrängt oder – wie bestimmt bei einer Generalwahl in diesem Augenblick – ein weiteres Regierungsmandat erhalten würde. Nur ist es schwer, die alten Kämpfer für diese "bürgerliche Aufgabe" zu gewinnen. Viel Taktik und mancher Kompromiß gehören dazu.

Doch wichtiger als Taktik und Kompromiß sind die grundsätzlichen Wandlungen, die sich im Labour-Lager unter dem Druck der Verantwortung vollziehen. Der Parteikongreß in Scarborough brachte den deutlichen Beweis, daß Labour mit dem Rechenstift die Sozialisierung nachkalkuliert, die man seit Kriegsende betrieben hat. Das ist beileibe kein schlechtes Zeichen. Im Gegenteil, dahinter steht ein Maß von Anpassungsfähigkeit, das diekonservative Oppo-Segeln überrascht und ihr viel Wind aus den Segeln nimmt. Denn sie gibt zu, daß Transport. Elektrizität, Gas und Kohle durchaus für Staat liche Regie geeignet sind, vorausgesetzt, daß man diese Monopole wirtschaftlich und nicht bürokratisch führt. Bisher hatte die Bürokratie die Oberhand. Die Folge war, daß die aus der Privatwirtschaft übernommenen Fachleute, vor allem im Bergbau, sich verärgert zurückzogen, wie soeben einer der besten Kohlentechniker, Sir Charles Reid, und auch die Arbeitnehmer mißtrauisch auf die Bürokraten blicken, was ihre Arbeitsfreude lähmt.

Reid vermißt den Schwung, die Anpassungsfähigkeit, die freie Hand für den Fachmann, aber auch die Begeisterung der Arbeiter, die noch immer doppelt soviel Feierschichten machen wie vor dem Kriege und trotz verbesserter Maschinenhilfe weniger Kohle je Schicht fördern als früher. Edwards wirft den Labour-Führern vor, daß sie den Tempel des Sozialismus zerstören, indem sie Beamte bei verdoppeltem Gehalt an die Spitze der Staatsmonopole stellen und schlägt für die Stahlindustrie den Aufkauf des Kapitals, aber die Beibehaltung der Fachleute aus der Privatwirtschaft und ihrer privatwirtschaftlichen Rechnungsmethoden vor. Kriegsminister Shinwell, der als gescheiterter Brennstoffminister seine eigenen bitteren Erfahrungen sammeln mußte,kritisierte kürzlichdieunzulängliche Vorbereitung der Nationalisierungspläne und warnte vor der Gefahr, durch Mißachtung der wirtschaftlichen Gesetze bei der Planung den Weg zur Verstaatlichung zu verbauen. Den Produzenten und den Verbrauchern müsse der Erfolgsbeweis geliefert werden, denn – Verstaatlichung sei noch kein Sozialismus, sondern nur ein Mittel zum Zweck.

Wer das Wirken der englischen Demokratie kennt, vermag aus dieser Schrift an der Wand zu erkennen, daß eine ernsthafte Überprüfung der Tatbestände unmittelbar bevorsteht. Die Labour Party, die niemals über eine besonders starke marxistische Wurzel verfügte, scheint von ihrem Höhenflug in die Welt der Totalsozialisierung auf den Boden der Wirtschaftlichkeit zurückzukehren. Wenn nicht alles trügt, wird ihr nächstes Wahlprogramm sehr viel mehr auf die "Stehkragenproletarier", auf die Techniker und Handwerker, auf die kleinen Unternehmer und die freien Berufe, kurzum auf ihre bürgerlichen Anhänger im Treibholz der Wählerschaft eingehen.

Allerdings gilt es dabei, das eine zu tun und das andere nicht zu lassen: Auf die Gewerkschaften wird man weiterhin viel Rücksicht nehmen müssen. Einmal wird der englische Arbeiter einen entscheidenden Beitrag zu der noch immer ungelösten Aufgabe leisten müssen, die englische Wirtschaft im Verlauf der nächsten Jahre derart ins Gleichgewicht zu bringen, daß man von amerikanischen Krediten und Geschenken und vom Aufzehren der Substanz, vor allem an Auslandsanlagen, freikommt. Dies wird Stabilisierung der Löhne, Konsumverzichte über eine Reihe von Jahren und eine Steigerung der Arbeitsleistung jedes einzelnen erfordern – ein recht umfangreiches und nicht sehr populäres Programm. Außerdem wird die Unzufriedenheit über diese Opfer bestimmt dem kommunistischen Einfluß in den Gewerkschaften Auftrieb verleihen, dem nicht wie in Deutschland ein Anschauungsunterricht über die russisch-bolschewistische Realität des Kommunismus entgegenwirkt. Aber sowohl Herbert Morrison, der Parteitaktiker, der längete Zeit im Hintergrund stand, als auch Stafford Cripps, der schonungslos der englischen Öffentlichkeit die rosarote Brille nimmt, mit der sie die Nachkriegswirtschaft hoffnungsvoll betrachtet