Wer am 22. Mai, dem Tag der Eröffnung der hannoverschen Doppelzonenmesse, dasAusstellungsgelände betrat, hatte nicht den Eindruck, ich vor einem einladenden und blankgeputzten deutschen Schaufenster zu befinden. Die Messe"stand" nicht.

Gründe hierfür gibt es genügend: Noch zehn Tage, vor Beginn streikte die Messebelegschaft, ferner war man sich lange nicht einig gewesen – Streit um die Kompetenz –, wer die Rohstoffkontingente zum Ausbau des Messegeländes in Laatzen zur Verfügung zu stellen habe, und nicht zuletzt ist zu bemerken, daß ein Tauziehen hinter den Kulissen um die Frage, ob Frühjahrs- und Herbstmesse oder nur eine geschlossene Messe und schließlich der Streit um persönliche Verantwortlichkeiten einer Messe nicht zuträglich sind.

Von all dem wurde bei den offiziellen Eröffnungsreden nur beiläufig in Nebensätzen gesprochen. Groß herausgestellt dagegen würde Nieder-, sachsens Wirtschaftsminister Kubel, der resolut dafür gesorgt hat, daß der festgefahrene Messewagen wieder flott wurde. Nur ihm ist es zu danken, daß wenigstens am 22. Mai "Richtfest" gefeiert werden konnte. Man erstickte fast vor selbstgefälligem Lob über deutsche Gründlichkeit, Tatkraft, deutsches Organisationsvermögen und wie die großen Worte alle hießen, in beifällig aufgenommenen Toasts alliierter und deutscher Beamter.

Hat man den Blick für das Tatsächliche wirklich verloren? Denn Gründe sind noch lange keine Entschuldigung. Welcher so sehnsüchtig erwartete Dollarbesitzer, der doch eigentlich hofiert werden müßte, interessiert sich für das interne Vorspiel? Er will Waren sehen und Orders placieren. Wie aber kann er dies, wenn diese Ware bei 40 v. H. der 2100 Aussteller noch nicht ausgepackt ist?

Dies ist jedoch nur die eine Seite. Eine andere ist der Ausstellerpessimismus. Kaufleute sind an sich von Beruf Optimisten. Daher haben sie die Stornierung eines Großteils der vorjährigen Messeaufträge (15 v. H. wurden realisiert, 50 v. H. storniert und 35 v. H. sind noch in der Schwebe bei Aufträgen für 31 Mill. $) in der Hoffnung auf bessere Zeiten verschmerzt. Nun stellen sie wieder aus, ohne daß in der nüchternen wirtschaftlichen Wirklichkeit die erhoffte Wendung zur größeren Freizügigkeit bereits Tatsache geworden wäre. Denn noch immer ist das umständliche JEIA-Verfahren in Kraft, noch immer fehlt ein juristisch gesicherter Patentschutz, noch unterliegen wir der Dollarklausel, noch werden die Exportpreise ohne eigene Verantwortlichkeit befohlen, noch kaufen Beamte der Militärregierung en bloc ohne Berücksichtigung individueller Importwünsche die Rohstoffe ein...

Ist es daher nicht verständlich, wenn die Aussteller, deren Gedanken realistisch auf diese 14 Messetage gerichtet sind, die Absatzaussichten gering beurteilen?

Aber man darf die Messe nicht aus ihrem wirtschaftlichen Gesamtzusammenhang herausreißen. Und da bieten sich genügend, Ansatzpunkte, die trotz des noch pessimistisch bestimmten Augenblicks einen gesunden und wirklichkeitsnahen Optimismus rechtfertigen: Die JEIA hat für den 1. Juli eine weitgehende Vereinfachung ihres Außenhandelsverfahrens versprochen, die Marshall-Hilfe wird sich in den ersten Herbstmonaten bereits auswirken können und ein europäisches Clearing kann vielleicht noch dieses Jahr Realität werden.