Von Rolf Lüke

Die Besucher der Exportmesse in Hannover werden mit Recht fragen, warum der Anteil der pharmazeutischen Industrie an der Messe verhältnismäßig co gering ist. Kann sie nicht exportieren, will sie es nicht – oder wo liegen sonst die Gründe für diese Zurückhaltung?

Dazu muß vorweg bemerkt werden, daß die Beteiligung der pharmazeutischen Industrie an Messen auch früher nur gering war. Pharmazeutische Präparate sind keine Handelsprodukte im üblichen Sinne, sondern Individualerzeugnisse. Der Weg ihrer Einführung und Werbung muß daher ein anderer sein. Ausschlaggebend ist allein der therapeutische Wert, den nur der Arzt beurteilen kann. Dazu kommt der Apotheker, auf dem die Verantwortung der Verabfolgung an den Verbraucher ruht und für den außer der Indikation auch die Qualitätsgarantie, die der Name des Herstellers gibt, von wesentlicher Bedeutung ist. Der Weg einer entsprechenden Werbung muß zuerst über die Kliniken gehen, an denen die Präparate erprobt werden. Auf Grund des so gewonnenen Untersuchungsmaterials können dann erst die praktischen Ärzte angesprochen werden, die sich in ihrer Indikation ja vor allem Auf die klinischen Ergebnisse verlassen müssen. Aus dieser Notwendigkeit ergibt sich klar, daß eine Werbung für pharmazeutische Präparate über Messen und Ausstellungen völlig fehl am Platze ist, weil diese sich an ganz andersgeartete Verbrauchergruppen wenden.

Besonders gilt das für Exportmessen. In den meisten Ländern unterliegt der Vertrieb von Arzneimitteln besonderen Bestimmungen, die nicht nur eine auch für andere Produkte vielfach übliche Einfuhrgenehmigung, sondern außerdem eine besondere Zulassung der Spezialität voraussetzen. Diese Voraussetzung der Zulassung zu erreichen, war früher die Aufgabe eines besonders geschulten Stabes von Ärztebesuchern und Wissenschaftlern, die im Auslande selbst unter Anpassung an die individuellen Verhältnisse jedes Landes mit den Kliniken Zusammenarbeit teten, in Verbindung mit eigenen Auslandsniederlassungen oder Vertretungen. Ohne diese Voraussetzung ist schon die Werbung für den Export, damit also eine Beteiligung an einer Exportmesse, zwecklos.

Das gilt mit eifrigen Ausnahmen, nämlich jenen, wo es sich nicht um die eigentlichen Spezialitäten, sondern mehr um eine Leistungsschau handelt, entweder generell wie bei bekannten Großfirmen oder speziell bei Lohnverarbeitungsfirmen. Bedingt könnte es gelten für neue Firmen, die bisher noch gar nicht exportiert haben und die Messe als Gelegenheit benutzen, Verbindungen zu ausländischen Vertretungen zu bekommen. Die äußerst abfälligen Urteile der ausländischen Fachpresse über diese Neuerscheinungen auf der vorjährigen Messe sollten als deutliche Warnung dienen, wie gefährlich es ist, von der früheren bewährten und im übrigen auch von der ausländischen Industrie längst übernommenen Methode abzuweichen.

Damit ist auch schon der wesentliche Punkt der Exportchance der deutschen pharmazeutischen Industrie angeschnitten. Abgesehen von der wissenschaftlichen Leistung als selbstverständlicher Voraussetzung beruhte ihr Erfolg im Export auf der vorbildlichen Werbung und Information der ausländischen Werbung Ärzte und Apotheken, die persönlich aufgesucht und mit einer Fülle wissenschaftlichen Materials in allen in Frage kommenden Sprachen nebst ausreichenden Mustern versehen werden. Warenzeichen und Schutzmarken der beteiligten Firmen, wurden so zu einem Qualitätsbegriff, in dem wissenschaftliche und technische Leistung ihren Niederschlag fanden. Ohne einen solchen geschulten Vertreterstab im Ausland und ohne international geschützte Warenzeichen ist kein Export pharmazeutischer Spezialitäten möglich.

Diese Voraussetzungen sind nicht mehr (oder noch nicht wieder) gegeben. Eine Zusammenarbeit mit den früheren Auslandsvertretungen ist auf Grund der gegenwärtigen Export Vorschriften noch nicht wieder möglich. Für den eventuellen Neuaufbau ähnlicher Organisationen fehlen neben den erforderlichen grundsätzlichen Genehmigungen dann auch die Devisen. Diese Frage kann so nicht von der deutschen pharmazeutischen Industrie gelöst werden, sondern sie muß warten, bis unsere früheren Gegner bereit sind, ihr auf diesem Gebiet die gleichen Wettbewerbsbedingungen einzuräumen wie ihren eigenen Industrien.