Der folgende – Aufsatz, verfaßt von einem unserer bestenund bekanntesten Agrarfachleute, war geschrieben worden, ehe die Frankfurter Ernährungsverwaltung ihre Vorschläge auf Preiserhöhungen für einige landwirtschaftliche Erzeugnisse vorgelegt hatte. In dem folgenden redaktionellen-Artikel werden die verschiedenen neueren Maßnahmen der Verwaltung noch zusammenfassend besprochen.

Das Verwaltungsamtfür Ernährung und Landwirtschaft hat vor einiger Zeit in einer Broschüre seine Gedanken für eine Produktionsausweitung in der westdeutschen Landwirtschaft vorgelegt. Viel Gutes und Notwendiges steht in diesem Heft, und es ist sicher auch alles durchführbar. Jedoch der Leser fragt sich: Wann sollen wohl alle landwirtschaftlichen Betriebe diese schönen Ratschläge beherzigen können? Hat das Ganze nicht sehr viel Ähnlichkeit mit den schönen Heften der Erzeugungsschlacht 1934, die kaum Wirkung gehabt haben? Denn die eine Maßnahme der Verbilligung desStickstoffs 1938 hat sicher die Produktion: mehrerhöht als die gesamte Erzeugungsschlacht 1934. Vergebens forscht man nach einer der Größe der Aufgabe angemessenen Änderung in der Einstellung zu dem Problem der Erzeugungssteigerung. Genügt es, Verordnungen undGesetzesmethoden und Ratschläge, die aus einer ganz anderen Zeit stammen, nur zu verschärfen, um des heutigen Unheils Herr zu werden, oder ist nicht ein wesentlicher Teil unserer Not auf eine Überspitzung der Gesetze zurückzuführen?

Vorläufig ist die landwirtschaftliche Verwaltung über die Weisheit der Anbauumlage in ihren Maßnahmen zur Erzeugungssteigerung noch nicht herausgekommen. Die Anbauumlage stammt aber aus einer Zeit, in der es sich darum handelte, in einer für richtig befundenen Landwirtschaft einige wenige Früchte mit ihren ganz belanglosen Flächenanteilen, wie Wachs, Raps u. ä. hineinzubekommen. Heute will man mit der Anbauumlage ein anderes Betriebsystem in die Landwirtschaft einführen und wundert sich, daß man auf der ganzen Linie scheitert. Man kann nicht beliebig veränderte Anbauflächen von oben nach unten bis zum letzten Hof Verteilen, ohne daß auf eben diesem Hof wir betriebswirtschaftlicher Unsinn herauskömmt Das Umlageverfahren von Anbauflächen ist ungeeignet, eine Änderung in der landwirtschaftlichen Nutzung herbeizuführen; es kann nur einen bestehenden Zustand aufrechterhalten. Eine Änderung erreicht man durch Aufstellen eines neuen Betriebsziels, das für die einzelnen: Gebietseinheiten verschieden aussehen mag, aber immer wider in jeder seiner Formen die neuen Forderungen nach Mehrproduktion widerspiegeln muß. Will man das neue Betriebsziel dann schnell einführen (und wir haben ja wirklich keine Zeit zu verlieren), so bedarf es der allgemeinen Betriebsberatung, über die seit Jahren beraten wird, ohne daß an irgendeiner Stelle ein sichtbarer; Erfolg vorhanden ist: nicht zuletzt deswegen, weil die Länder sich immer noch nicht zumDenken in neuen Betriebsformen entschließen können, sondern die alten als gottgegeben zäh verteidigen, oder weil die Bauernverbände ihre Kompetenzen gegen die der Länder (oder des Verwaltungsamtes) nicht abgrenzen können.

Aber auch in derErfassung verhindert das Umlageverfahren eine vernünftige Neuregelung. Die alte Erfassungsumlage war nichts anderes als die Ablieferungserwartung auf Grund langjähriger Verkaufsergebnisse, und die Umlage sollte lediglich dazu dienen, daß diese Verkaufsmengen innerhalb der Bewirtschaftung nicht geringer würden. Heute glaubt man, durch die Festsetzung von Umlage-Solls eine Änderung der Wirtschaft und ein Mehraufkommen erzwingen zu können. Dabei hat sich das Umlageverfahren inzwischen schon so weit von der möglichen Wirklichkeit jedes Hofes entfernt, daß niemand mehr die moralische Berechtigung der Strafen einzusehen vermag. Dadurch muß aber die Erfüllung – der Ablieferung auf das Schwerste leiden. Alle Gespräche über die Erfassungsreform haben anscheinend nicht vermocht, das alte Umlagedenken auszurotten und eine Methode einzuführen, die die notwendige Produktionsänderung in jedem Hof fördert statt hemmt.

Wenn die Produktion sich ändern soll, darf dem einzelnen Betrieb nur eine – gegenüber jetzt – erhöhte Gesamtforderung an landwirtschaftlichen Erzeugnissen gestellt werden, die höchstenfalls noch nach tierischen und pflanzlichen Erzeugnissen, unterteilt werden darf. Die Beeinflussung des Landwirts zu einer richtigen Aufteilung des Gesamtsolls muß vom Markt, also vom Käufer, nicht von einem Amt her kommen. Also muß derjenige die Einzelkontingente tragen, der auch früher schon dem Markt die Produktion im jeweils gewünschten Umfang zur Verfügung gestellt hat: der Landhandel. Dieser kann nicht nur Kontingente im bisherigen Umfang übernehmen; die nach allgemeiner Erfahrung mit Sicherheit vom Landwirt verkauft werden müssen, sondern er kann auch Produktionsänderungen auf Grund von Kontingentserhöhungen an den Landwirt heranbringen. Der Handel kann sich seinerseits beim Landwirt durch Liefer- oder Anbauverträge die Erfüllung seiner Kontingente sichern. Er wird dann auch dafür Sorge tragen, daß die landwirtschaftlichen Betriebsmittel nicht durch einzelne im Rucksack auf den Hof gebracht werden, sondern wie früher in Waggonladungen den üblichen Handelsweg gehen. Man gebe dem Kartoffelhandel zum Beispiel in den Gebieten mit noch zu geringem Kartoffelbau ein hohes Aufbringungskontingent an Speisekartoffeln, und er wird in einem Jahr eine größere Vermehrung der Kartoffelfläche erreichen, als es behördlichen Empfehlungen in drei Jahren geglückt ist! Was hier Privatinitiative vermag, das zeigt der Aufbau des Saatgutwesens, die sprunghafte Steigerung der Saatgutflächen, die Ausdehnung des Gemüsesamenbaus in den letzten Jahren, obwohl allen diesen Kulturformen von der Erfassungsseite her bestimmt nicht geholfen worden ist. Die Ablösung des bisherigen "Polizeisystems" der Erfassung durch ein "Vertragssystem" zwischen Erzeuger und Verteiler würde ein großer Schritt vorwärts sein und den Produktionswillen der Landwirtschaft entscheidend unterstützen.

Aber solange unsere Verwaltung in der heutigen Krise nur die Methoden verschärft, die doch auch zum Teil zur Krise geführt haben, solange muß sie mit verschlossenen Augen an den Möglichkeiten der Besserung vorbeigehen. Natürlich ist es nicht leicht, grundsätzlich neue Wege zu gehen, denn die Mehrzahl der Menschen ist gegen Neues eingestellt, und besonders die Bürokratie ist ein Feind grundsätzlicher Änderungen. Aber die steigende Not sollte eigentlich jeden belehren, daß der jetzige Weg überhaupt nicht mehr vorhanden ist.