Es sind viele, die Tami Oelfken beim Vornamen nennen. Als sie noch ihre mit geradezu radikaler Pädagogik geleitete Schule in Berlin hatte, sagten alle Kinder "Tami" zu ihr. Aber es ist nicht so, daß Tami nur Freunde hätte. Das liegt an ihrer Radikalität, das liegt an ihrer Menschlichkeit. In Berlin hat sie, die jetzt am Bodensee wohnt, sich am meisten wohl gefühlt: dort fand sie die Menschen, die noch am ehesten ein verdammt offenes Wort vertragen können und die Tamis Humor zu schätzen wußten. Tami ist oft unbequem, und sie hat es sehr schwer gehabt. Im "Dritten Reich" machte man ihr die Tür zu, und als sie es mit Paris und London versuchte, wurde dort keine Tür ihr aufgetan. Obwohl sie wenig Grund dazu hat, möchte sie dennoch gern an das Gute im Menschen glauben. Und weiß Gott: sie tut’s. In ihren Büchern – sie hat ihre Produktion dem rührigen Alster Verlag Curt Braun, Wedel in Holstein, anvertraut – steht geschrieben, daß das Leben zwar schwer aber schön, zuzeiten sogar wunderschön ist und immer (für den Wissenden) gewürzt durch allerlei Anlässe, still zu lächeln oder zu lachen. In heutigen Zeiten, da Menschlichkeit und Humor selten geworden sind, ist es besonders wichtig, auf Autoren wie Tami Oelfken hinzuweisen.

In rascher Folge sind drei ihrer Bücher neuerdings erschienen: "Maddo Glüver", der Roman einer Kindheit, rein gestaltet aus der Melodie der norddeutschen heimatlichen Weserlandschaft und erfüllt von der Lebensinnigköit einfacher Leute; "Die Sonnenuhr", eine Sammlung – jener von warmherziger Heiterkeit durchleuchteten Geschichten, von denen "Die Zeit" die eine oder andere bereits veröffentlicht hat; und dann einen schmalen, doch inhaltsreichen Band Gedichte "Zauber der Artemis", die zwischen Kunst und Ungekünsteltsein die Waage halten. Tami Oelfken ist Erzählerin von Geblüt – das kommt ihrer Lyrik nicht immer zugute, denn was dem Epiker in natürlichem Fluß der Sprache scheinbar mühelos gelingt, wird dem Lyriker manchmal zum konventionell-gestimmten Vers. Doch steht in Tamis Versen manches edel und originell Geformte. Und diese Gedichte, die man nicht mehr aussen möchte, enthalten dann im Extrakt das, was Tamis Erzählungen, Beschreibungen, Plaudereien und Mahnungen so herzhaft auszeichnet: Dokumentation der Menschlichkeit,

Josef Marcin

* Ernst Penzoldt: Zugänge.

Suhrkamp Verlag, Berlin

Ragte einst unter den Nachkriegsbüchern von 1914/18 A. M. Freys Sanitäter-Roman "Die Pflasterkästen" als umschweiflose Enthüllung des in den Lazaretten sich auftürmenden Kalvarienberges an Zerfleischung hervor, so kommt nun die erste literarische – Gestaltung desselben Leidensbereiches aus dem zweiten, der Weltkriege von Ernst Penzoldt her. Die 1941 entstandene Erzählung um ein Lazarett kriegsgefangener Polen und dessen menschliche "Zugänge" und "Abgänge" erweist den Münchner Autor als Zeichner einer schmerzerschütterten Idylle und sehr viel weniger als alarmierenden Hervorkehrer des Tragischen. Indessen wird in der Gestalt, eines im Kriegsgegner immer bewußter den Menschen erkennenden deutschen Sanitäters, der sich bei seinem selbstlosen Dienst obendrein infiziert, so rein und stark die tätige Nächstenliebe sichtbar, daß daraus ein sehr eindringlicher Ruf an das Herz des Lesenden ergeht. Das mit ebensoviel Wissen um die Kriegschirurgie wie reifer Kunst gegebene Lazarett-Milieu rückt als eine gleichnishafte Station des Leidens schlechthin unversehens ins Sinnbildhafte. Der Bewährung im Humanen wird, wenn auch mit sanften Farben, ihr volles dichterisches Zeugnis. -er