Von Tami Oelfken

In diesen Tagen wird die Schriftstellerin Tami Oelfken sechzig Jahr alt.

In den Augen vieler Menschen ist mit der Abstammung noch eine gewisse Ehre verbunden. Ich halte nichts davon. Aber für die, die etwas davon halten, sage ich gern, daß ich von deutschen, treuherzigen, mütterlicherseits sogar von fleißigen Eltern gezeugt und geboren wurde. Das "Tagenbare" meines ehrenwerten Bremer Vaters habe ich nicht geerbt; noch weniger den Fleiß seiner Mutter, zu deren tüchtigen Oldenburger Sippe ich keine verwandschaftlichen Gefühle habe.

Erster Meilenstein 1894: 6 Jahre alt.

Atilde Arnholz aus Aurich, die unsere volle Kinderstube betreute, steht vor uns drei Großen mit erhobenem Zeigefinger. Jemand hat Vaters Eierpflaumenbaum geplündert. Der Baum ist niedrig, er steht auf der Rabatte neben der Pumpe. Die Eierpflaumen sind dem Dieb gut bekommen, keiner hat Durchfall. "Lügen haben kurze Beine!" sagt Atilde und reißt ihre kattunblauen Augen vorwurfsvoll auf. Wir schweigen. Ich sehe betreten auf meinen Fuß herunter; ich allein habe ein kurzes Bein. Else feixt, den Mund von einem Ohr zum andern, Grete runzelt die Stirn und denkt nach. Dann faßt sie mich an die Hand, wirft noch einen verächtlichen Blick auf die abgehende, Atilde und sagt: "Mach dir nichts draus." Ich sage mit etwas Zuversicht an die göttliche Gerechtlichkeit in der Stimme: "Sie hat Beine gesagt, nicht rechtes Bein."

Literarische Interessen: "Das Mädchen mit den Sterntalern", "Genoveva".

Zweiter Meilenstein 1904: 16 Jahr alt.