In der Spiegelung des Vergangenen das eigene Schöpferantlitz doch immer in einer neuen, überraschenden Perspektive zu zeigen – wen sonst könnte diese Kernformel so treffend bezeichnen wie den russisch-französischen USA-Bürger und "musikalischen Erfinder" Igor Strawinsky? Der Philharmonischen Gesellschaft in New York ist seine 1945 entstandene "Sinfonie in drei Sätzen" gewidmet, die beim Südwestfunk in Baden-Baden zur deutschen Erstaufführung kam. Das große Orchesteraufgebot (mit Klavier) erscheint noch mehr als bei der Sinfonie in C sublimiert zu kammermusikalischer Durchsichtigkeit. Das konzertante Formschema der frühklassischen Sinfonie wird nicht thematisch, sondern durch den Dualismus gewahrt, wie hier ein graziles, melodisch-floskelhaft differenziertes Andante (mit überleitendem "Interlude") zwischen die beiden rhythmisch konstruierten Ecksätze gestellt ist. Das burleske Mittelstück mit dem witzigen Zitat aus Rossinis "Barbier" erschien als der pikanteste und reizvollste, zum mindesten "zugänglichste" Teil des Ganzen, für das die Kombination des zeichnerisch ausgesparten Spätstils mit Reprisen aus der Rhythmik und farblichen Eigenart der früheren Ballettmusiken "Feuervogel", "Petruschka", "Frühlingsweihe" bezeichnend ist. Alles fließt aus Strawinskys wachem, kühlem Intellekt, dessen erfinderische Ader hier doch wohl etwas trocken und spärlich rann. So mannigfach und different der Rhythmus vorwaltet, so sicher viele Pointen sitzen und so überraschend Vortragsbezeichnungen wie "dolce", "grazioso", "espressivo" (aber auch eindeutig in Strawinskys Sinn gemeint) sind – das motivisch-melodische Element kommt gegen den Rhythmus nicht auf. Und man vermißt jene im "Dumbarton-Oaks-Konzert" so bestechende Kunst überlegender Synthese. Oder fordert diese Sinfonie vom Hörer die Erfassung unter dem Aspekt einer bewußten Anwendung des Stils der Abbreviatur, der fragmentarischen Andeutung und Zusammenschau – etwa in der additiven Vielpoligkeit Picassos, der ja während so mancher Schaffensphase Strawinskys Weggefährte war? Wenn der Eindruck einstweilen noch problematisch blieb, so lag dies gewiß nicht an der rhythmisch und geistig äußerst präzisen Wiedergabe durch Roger Désormière und das Pariser Rundfunkorchester, das auch an Brahms und an Erstdarbietungen von Chabrier und Roussel seine hinreißende romanische Klangkultur und überragende Musizierform erwies. Fritz Bouquet