Die Paulskirche ist das eindruckvollste Sinnbild der deutschen Demokratie. Aber sie ist es immer nur wenigen gewesen. Ihre Tradition wurzeit nicht im Volk. Das war wohl der tiefere Grund für die Teilnahmslosigkeit der Bevölkerung gegenüber der Frankfurter Hundertjahr-Feier; sie hatte weder für den Aufbau der Kirche noch für die festliche Akzentuierung der Gedenktage Verständnis. Ja, viele verfolgten die Feier sogar mit einer gewissen Feindseligkeit. Es ging ihnen nicht ein, daß man eine Kirche aufbaute, wo es doch an Wohnhäusern fehlt, und sie wollten auch nicht gelten lassen, daß der Bau die Stadt Frankfurt nur wenig koste, weil der finanzielle Aufwand zum größten Teil, das Baumaterial teilweise durch Spenden aus anderen Städten und Orten für das gemeinsame Symbol hereingebracht worden waren. Der Besucher von auswärts konnte freilich, sofern er nicht sorgfältig beobachtete, den Eindruck gewinnen, daß die Bevölkerung an dem Geschehen regen Anteil nehme, denn die Straßen prangten im städtisch organisierten Flaggenschmuck, und als sich am 18. Mai aus den Römerhallen unter Glockengeläute der Festzug zur Paulskirche in Bewegung setzte, da füllten tausende Menschen den Römerberg, den Platz vor der Paulskirche und die so schwer beschädigten Gäßchen der Altstadt. Aber die meisten von ihnen waren wohl mehr aus Neugier als aus innerer Anteilnahme gekommen.

Und doch wäre es ein einseitiges und nicht zutreffendes Urteil, würde man nach diesem Desinteressement der Menge die ganze Veranstaltung bewerten. Es waren Tage der Selbstbesinnung jener wenigen aus dem In- und Ausland, die sich in Erkenntnis der geschichtlichen Situation und ihrer Gefahren Gedanken machen um die Zukunft Deutschlands und Europas. Diese geistige Auseinandersetzung, die im Hinblick auf die Idee der Paulskirche und ihre Bezogenheit auf die Gegenwart geschah, war ein über den Tag und den Ort hinausweisendes Ereignis. In einem Punkt waren sich alle Redner einig: die Männer der Wissenschaft in der Aula der Universität, die Schriftsteller im Handwerker-Saal, die Politiker auf dem Tage der Europäischen Union, die Vertreter anderer Berufe auf den vielen Arbeitstagungen, daß das Problem von 1848 uns heute in einem weit größeren Rahmen neu gestellt ist. Es geht jetzt um die Koordinierung Europas, so wie es damals um die Deutschlands ging. Die "Beredsamkeits – Kathedrale" von 1848, wie sie der Leiter der Akademie der Arbeit in Frankfurt, Furtwängler, in seinem Referat genannt hat, war ihrer Aufgabe nicht gewachsen. Weiss uns die, wenn wir an die hinter uns liegenden Tage denken, nicht weniger redselige erneuerte Kathedrale einen verheißungsvolleren Weg?

Zweifel drängen sich auf, je länger man über das gehörte nachdenkt. Gewiß, die Diagnose haben alle richtig gestellt. Plivier, der Verfasser des Buches "Stalingrad", drückte es so aus, daß es von dem noch verbliebenen Willen Zur Freiheit abhänge, ob wir den verhängnisvollen Weg zur Katastrophe und der Vernichtung aller Werte der Toleranz und der Humanität zu Ende gehen werden. Der Kanzler der Univrsität Chikago, Prof. Hutchins betonte vor allem den weltumfassenden Charakter der Probleme. Die Welt müsse zugrunde gehen, sagte er, wenn es uns nicht gelänge, eine Weltregierung zu schaffen. Die Sprecher der Europäischen Union (die meisten von ihnen waren gerade auf der Rückkehr von dem Europa-Kongreß in den Haag begriffen) sahen das Problem in den konkreteren Grenzen einer politischen und sozialen Föderalisierung Europas. Aber auch sie betonten, wie Kogon, der Verfasser des Buches "Der SS-Staat", hervorhob, daß ohne eine moralische Renaissance Europa nicht weiterleben könne. Auf der Hauptversammlung des Deutschen Städtetages demonstrierte der Oberbürgermeister einer mittleren Stadt die angeschnittene Frage an einem bedrückenden Beispiel: Eine Frau, die mit ihrem Kind als Ostflüchtling im Frankfurter Hauptbahnhof vergeblich auf ein Obdach wartete, habe ihm gesagt: "Ich werde von Eurer Demokratie viel halten, als ihr für mein Kind, und mich tut, um uns vor dem Zugrundegehen zu schützen". In der Tat: Das ist der Prüfstein des Wahrheits- und Ehrlichkeitsgehaltes alles dessen, was in der Paulskirche und über sie gesprochen wurde.

Was nützt die gemeinsame Erkenntnis vom drohenden Absturz ins Chaos, wenn wir uns nicht über die Mittel zu seiner Verhütung verständigen können? Man brauchte nicht besonders skeptisch hinzuhören, um schier unüberwindliche Divergenzen zu spüren, Sind doch die Standpunkte so verkrampft, daß nicht einmal, wie es dem Sinne des auch dem Gottesdienst geweihten Hauses entsprochen hätte, am Festtage neben dem weltlichen auch ein kirchlicher Weiheakt geschehen konnte oder wenigstens ein kirchlicher Redner gesprochen hätte, wie es ursprünglich vorgesehen war. Aber man stieß sich an der Person des Pastors Niemöller, sprach, jedoch desto beredter von Toleranz. Oh, wir sind noch sehr weit von jenem Geiste der Gemeinsamkeit, den wir so notwendig brauchten. Angesehene Schriftsteller aus der Ostzone waren erwartet worden. Aber sie kamen nicht. Prominenten Vertretern der französischen Politik, Wie Daladier, Léon Blum waren Zimmer reserviert worden, aber sie blieben leer. Es ist noch ein weiter Weg, zu dem Europa unserer besten Träume. Man könnte den Schwächeanfall, den der Dichter: Fritz von Unruh bei seiner wohl mit Absicht mehr aus künstlerischen als, wie es im Hinblick auf die Bedeutung des Tages von vielen erwartet worden war, politischen Erkenntnisquellen gespeisten Festrede erlitt, geradezu als ein Symbol, nehmen: Nicht nur der deutsche Demokrat, auch der gute Europäer wird noch manchen Schwächeanfall überwinden müssen, bis das ersehnte Ziel erreicht sein wird, und es wird der ganzen strengen Selbstüberwindung bedürfen, für die uns Unruh in der Paulskirche ein so, schönes Beispiel gab, wenn wir an dieses Ziel kommen sollen, Robert Strobel