Von Onno Oncken

Wie viel hat man in den letzten beiden Jahren von Export gesprochen, welchen Hoffnungen hat man sich hingegeben! Und wie enttäuschend ist das Ergebnis! Gewiß, der Anteil der feinmechanischen und der optischen Industrie an der westdeutschen Ausfuhr ist hoch; er ist höher als vor dem Krieg. Die Ursache aber ist, daß die ganze deutsche Ausfuhr hinter allen Erwartungen weit zurückgeblieben ist – zumal wenn man die unnatürlichen Zwangsentnahmen von Kohle, Holz, Schrott und anderen Rohstoffen nicht zum-Export zählt. Auch die Ausfuhr feinmechanischer und optischer Erzeugnisse war gering im Verhältnis zur Produktion und ihrer absoluten Höhe nach. Früher hatte dieser – Industriezweig die Hälfte seiner Erzeugung exportiert; nach der Weltwirtschaftskrise und der künstlichen Ausweitung des Binnenmarktes sank dieser Anteil auf ein Drittel, dann auf ein Viertel hinab – heute liegt er um 5 bis 6 v. H. einer geschrumpften Produktion. Früher erreichte diese Industrie jährliche Exporterlöse, ohne die Uhrenindustrie, von 100 bis 130 Mill. RM – im Augenblick macht die Jahresleistung nur einenBruchteil dieses Betrages aus.

Die Exportsituation ist nicht günstig. Auch in absehbarer Zeit scheint eine wesentliche Besserung nicht zu erwarten. Auf die vielfältigen Schwierigkeiten, mit denen die deutsche Industrie zu kämpfen hat, brauchen wir wohl nicht einzugehen. Beschränken wir uns auf die wichtigsten Hindernisse, die dem Export unmittelbar entgegenstehen: fast ausnahmslos handelt es sich hier um Dinge, die nicht die feinmechanische und optische Industrie allein betreffen; es sind Probleme, denen sich die ganze deutsche Exportindustrie gegenüber sieht!

Schrumpfung des Welthandels

Wenn es wirklich ein leitender Gedanke der Vereinigten Staaten gewesen wäre, einen neuen freien Welthandel auf dem Fundament der Dollarwährung zu errichten, um so ihrer wirtschaftlichen Überlegenheit weiteste Wirkung zu verleihen, so ließe sich heute sagen, daß dieser Versuch gescheitert ist. Daß heute nur die USA Überschüsse produzieren, tritt bei den anderen Ländernals Dollarmangel in Erscheinung: Dollarmangel, weil diese Länder ihre Bedürfnisse selbst nicht zu decken vermögen und das, was sie brauchen, im Augenblick nur aus den Vereinigten Staaten beziehen könnten, ohne aber imstande zu sein, mit eigenen Überschüssen zu zahlen. Unter diesen Umständen muß der Welthandel auf einen Bruchteil seines normalen Volumens zusammenschrumpfen – es sei denn, daß die USA Dollars verschenken oder verleihen. Es versteht sich nun, daß die anderen Staaten die wenigen Dollars, über die sie verfügen, an erster Stelle für lebensnotwendige Rohstoffe, in zweiter Linie für industrielle Erzeugnisse verwenden wollen, am liebsten aber gar nicht für Waren, die sie als entbehrlich betrachten. Ein Fertigwarenlieferant wie Deutschland wird von dieser Entwicklung besonders hart getroffen. Die Forderung der Besatzungsmächte, deutsche Lieferungen mit Dollars zu bezahlen, hat die deutsche Ausfuhr nahezu unterbunden. Auch die formaleUmstellung.-des Handels mit einigen Ländern auf deren Währung konnte nicht helfen, solange diese Staaten jeden Passivsaldo in Dollar abdecken mußten. Dies gilt selbst für den Sterlingblock. So beschränkte sich die deutsche Ausfuhr auf die Vereinigten Staaten, die nur auf einigen Gebieten als Abnehmer in Betracht kommen, und wenige dollarstarke Länder wie die Schweiz oder Belgien, deren Aufnahmefähigkeit sich nach kurzer Zeit als begrenzt erweisen mußte. Den einzigen Ausweg sehen wir heute in zweiseitigen Tauschabkommen, die uns erlauben, als Gegenleistung das anzunehmen, was unsere Kunden zu bieten vermögen, und in einem multilateralen europäischen Clearing oder einem internationale! Zahlungsmodus nach Art der Keynesschen Bancor-Währung, der den Handel unter den beteiligten Staaten erleichtern und im Verhältnis zur westlichen Hemisphäre durch Marshall-Plan und private Kredite ergänzt werden werden Die ersten, noch zögernden Schritte in dieser Richtung werden in diesen Monaten getan.

Verfehlte Preispolitik?

Auch die Frage der Preise bereitete größere Schwierigkeiten, als man angesichts des allgemeinen Warenmangels hätte erwarten sollen. Die strenge Quarantäne, die über den deutschen Kaufmann verhängt wurde, machte es uns unmöglich, zwischen den Klagen der Kundschaft über zu hohe Preise und den Dumping-Vorwürfen der Konkurrenz selbst den rechten Mittelweg zu finden. Ehe man uns nicht den ganzen Apparat regulärer Marktforschung gestattet – außer freier Korrespondenz und Reisen auch Konsulate, Auslandshandelskammern und Pressevertreter im Ausland –, eher werden Zweifel und Unruhe über den "gerechten Preis" nicht abreißen. Für die bisherige Preispolitik trägt allein die JEIA die Verantwortung. Wir vermögen kaum zu beurteilen, ob ihre Politik, die Preise hochzuhalten, mehr von dem Wunsch nach hohen Erlösen oder von der Soige um die Abschirmung der Konkurrenz bedingt war. Der Reichsmarkkurs von 30 Cent, der in den Überlegungen der Besatzungsstellen eine gewisse Rolle spielt, mag der Durchschnittskurs unserer bisherigen Exporte sein. Er ist aber sicher nicht der Durchschnittskurs der Geschäfte, die wir abwickeln müßten, um unser Exportsoll zu erfüllen. Im Bereich der Feinmechanik und der Optik würde dieser Kurs die Ausfuhr von Brillengläsern, Kameras und chirurgischen Instrumenten (um nur Beispiele zu nennen) unmöglich machen. In anderen Industriezweigen ist die Situation noch schwieriger. Der künftige Reichsmarkkurs sollte vielleicht näher bei 15 also bei 20 Cent liegen. Man kann sich mitunter des Eindrucks nicht erwehren, als ob die zuständigen Stellen sich darüber noch im unklaren seien, daß mit der Entscheidung für einen unter dem europäischen Durchschnitt liegenden deutschen Lebensstandard zugleich die Entscheidung für einen niedrigen Reichsmarkkurs gefällt wird.