Alle Voraussagen, die bisher über die Wahlen vom 26. Mai zum südafrikanischen Parlament von Kennern des Landes gemacht worden sind, stimmen in der Annahme überein, daß auch diesmal Smuts mit seiner United Party die Mehrheit haben wird, wenn auch Stimmengewinne der Nationalisten Malans nicht für unwahrscheinlich gelten. Bisher verfügte Smuts über eine Mehrheit, die von der Opposition nicht erschüttert werden konnte. Neben den 89 Stimmen der United Party selbst konnte er im Parlament auch auf die 9 Stimmen der Labour Party (vor ihrer Spaltung 1946), 7 der Dominion Party, 3 Vertreter der Eingeborenen und einen Unabhängigen rechnen, denen Malan nur 44 Nationalisten gegenüberzustellen hatte.

Die Opposition der Nationalisten betrifft eigentlich nur noch eine einzige Frage: die Frage der Politik gegenüber den Eingeborenen, ja den Farbigen überhaupt. Aber auch hier handelt es sich weniger um einen Gegensatz im Grundsätzlichen, als um einen solchen des Maßes und der Methode. Im Grundsätzlichen gipfelt das Glaubensbekenntnis beider Parteien in der Auffassung "Südafrika – weißen Mannes Land!" Während jedoch die Nationalisten Malans aus dieser Auffassung eine Folgerung ziehen möchten, die schon hart das Kolonial-Reaktionäre streift, vertreten Smuts und seine Anhänger einen liberaleren Standpunkt. Malans Partei war es, die einen Vorstoß unternahm, den Eingeborenen sogar ihre Vertretung im Parlament zu nehmen. Diese Vertretung ist bescheiden genug, denn rund 9 Millionen Farbige werden im Parlament durch drei Weiße vertreten, während rund 2,25 Millionen Weiße 149 Abgeordnete entsenden. Malans Vorstoß scheiterte am Widerstande der Regierungsgruppe, die den Standpunkt einnahm, daß die verstärkte Heranziehung der Farbigen als industrielle Arbeitskräfte nicht ohne Rückwirkung auf die Gewährung von Rechten bleiben könne.

Die Frage des Aufstiegs oder der Niederhaltung der Farbigen muß für ein Land, in dem nur jeder fünfte Einwohner ein Weißer ist, von schicksalhafter Bedeutung werden. Damit zugleich erhebt sich die Frage, ob der "materielle Besitzegoismus der Weißen", wie es ihre Ankläger vielleicht nicht völlig mit Unrecht nennen, wie in der alten Welt so auch hier die sozialen Spannungen bis an die Explosionsgrenze reifen lassen wird. Schon scheinen die Slums der Städte, in denen sich infolge der Kriegsindustrialisierung eine verdoppelte, ja verdreifachte farbige Bevölkerung zusammendrängt, auch hier eine verhängnisvolle Entwicklung anzukündigen. Schon scheint man auch hier zwar den Gewinn der farbigen Arbeitskraft, nicht aber die Schmälerung der alten Herrenrechte zu wünschen. Das Schicksal der Inder ist gleichfalls aufschlußreich. Als sie um 1860 in Scharen auf Anforderung weißer Farmer nach Natal einzuwandern begannen, wurde ihnen unbedingte Gleichberechtigung zugesichert. Die Dinge änderten sich, als die Wohlhabenden unter ihnen begannen, ihr Geld, das sie im Handel nicht völlig unterzubringen vermochten, in Grundstückskäufen zu investierein, mit dem Erfolg, daß sich heute in Durban schon ein Drittel des privaten Grundbesitzes in indischer Hand befindet. Dies wirkte alarmierend in Verbindung mit der Tatsache, daß die indische Geburtenrate die der Weißen um das Doppelte übertrifft, so daß der "Economist" berechnete, in 50 Jahren würden in Durban 800 000 Indern nur 300 000 Weiße gegenüberstehen. Ein von den Indern als "Getto-Gesetz" bezeichnetes Gesetz vom Juni 1946 verbietet den Erwerb von Grundbesitz und die Niederlassung für Asiaten in vorwiegend für Weiße reservierten Gegenden. Diese Rassenpolitik hat in der Vollversammlung der UNO eine eindeutige. Verurteilung gefunden. – Heute bildet die intelligente, indische Bevölkerung, die sich entrechtet fühlt, den fruchtbarsten Nährboden für den Kommunismus in der Union. Der Vorwurf der Kommunismus Smuts gehe nicht energisch genug gegen den Kommunismus vor, trifft offenbar, den Kern des Problems nicht. Überdies leben nur 290 000 Inder in der Union. Unvergleichlich viel schwerwiegender ist. daher die Frage der schwarzen Eingeborenenbevölkerung. Hier aber ist der Standpunkt der unbedingten Aufrechterhaltung der weißen Vorherrschaft in allen Lagern, von den "Afrikandern" bis hin zu den Unionisten. der herrschende Smuts selbst hat gelegentlich seiner Verteidigung gegen die Inder vor der UNO den Standpunkt rassischer Gleichberechtigung als praktisch undurchführbar bezeichnet. Und der südafrikanische Wehrminister Pirow erkläne, schon 1935: Die eine Hälfte Afrikas hat eine Politik der Assimilation angenommen, der politischen, sozialen und sonstigen Gleichberechtigung der Schwarzen mit dem weißen Mann. Die andere Hälfte widersetzt sich dieser Politik auf das energischste und setzt ihre Hoffnung auf eine Politik der Differenzierung. ... Ich glaube nicht, daß ein Kompromiß zwischen beiden Ansichten möglich ist".

H. A. v. Dewitz