Am Sonntag, der dem 6. August 1945 folgte, jenem Tage, an dem die Bombe auf Hiroshima fiel, sprach Robert Maynard Hutchins, der Kanzler der Universität Chikago, im Radio über "Die Atomenergie und ihre Bedeutung für die Menschheit". Er erinnerte an den französischen Philosophen Léon Bloy, der die gute Kunde der Verdammnis gepriesen habe, zweifellos aus dem Gedanken heraus, daß wir nicht Christen wären, wenn wir nicht Angst vor dem Höllenfeuer hätten. So könnte es sein, daß auch die Atombombe eine gute Kunde der Verdammnis bedeute, daß sie uns aus Furcht zu jener christlichen Haltung, jenen aufrechten Taten und notwendigen politischen Schritten bringen könne, die erforderlich seien, um eine Weltgemeinschaft zu errichten – nicht etwa in tausend oder fünfhundert Jahren, sondern heute. Zwei Professoren der Philosophie an der Universität Chikago P. McKeon und G. A. Borgese – ein Schwiegersohn von Thomas Mann – nahmen diese ernste Warnung zum Anlaß, um ein Memorandum auszuarbeiten, in dem sie forderten, daß ein Institut für eine Weltregierung geschaffen werden solle. Die Universität Chikago, heißt es in dieser Denkschrift, habe eine entscheidende Rolle in dem Prozeß gespielt, der das Atomzeitalter herbeigeführt hat. So liege mehr als ein symbolischer Wert in dem Gedanken, daß der gleiche intellektuelle Mut, der dazu geführt habe, das Atom zu spalten, nun auf dem gleichen Felde dafür aufgerufen werde, die Welt zu einen.

Auf diese Weise entstand das Committee to-Frame a World Constitution, der Ausschuß zum Entwurf einer Weltverfassung, dessen Präsident R. M. Hutchins ist. Dreizehn amerikanische Wissenschaftler gehören ihm an, und das erste Ergebnis ihrer Beratungen ist kürzlich veröffentlicht worden. "Wir kämpfen", schrieb zu Beginn Erich Kahler, der ein Mitglied des Ausschusses ist, "damit sich die Erkenntnis verbreite, daß es keinen Frieden ohne Gerechtigkeit gibt. Wir können keinen Frieden erreichen, solange wir auf Machtpolitik bestehen und auf allem was dazu gehört: ständig wachsender Rüstung, Einflußsphären und Flottenstützpunkten. Wir können keinen Frieden haben, ohne daß wir Opfer bringen und uns alle einer gemeinsamen übernationalen Autorität unterwerfen."

Man wird begreifen, was für ein geistiger Mut dazu gehört, in unserer Zeit, in der die Weltzwietracht größer ist als vor den beiden großen Kriegen, die Idee, eine Weltverfassung zu entwerfen, konsequent beizubehalten und durchzuführen. Hutchins und-seine Mitarbeiter schöpfen diesen Mut aus der hohen Auffassung, die sie von ihrem Beruf als Wissenschaftler, Philosophen und Universitätslehrer haben. Universität heißt Universalität, dies ist ein Satz, den keiner von ihnen vergißt-

Von diesem Satz ging der Kanzler Hutchins auch in seiner Rede aus, die er zur Frankfurter Gedenkfeier als Vertreter der Universität Chikago beim akademischen Festakt der Goethe-Universität hielt. "Die Universitäten", so sagte er, "sind der Ort für jene harte geistige Arbeit, die nötig ist, um die Demokratie zu begründen. Die Universität ist eine Stätte des Gedankens. Der Leitspruch einer Universität sollte das Wort von Descartes sein: ich denke, darum bin ich". – "Wenn es keine Zukunft gibt", so fuhr er fort, "so müssen die Universitäten eine schaffen. In der Vergangenheit haben Gelehrte Zukunft geschaffen, indem sie sich in entlegene Festen zurückzogen und dort das Licht der Bildung bewahrten. Ein Versteck gibt es jetzt nicht mehr. Wir müssen dem Krieg Einhalt gebieten, wir müssen dem Nationalismus ein Ende setzen. Wir müssen uns befreien von der großen Angst in aller Welt. Die demokratische Welt ist eine Tat, und sie ist vor allem eine Tat des Geistes."

In den großen Zeiten der europäischen Kultur geschah es wohl, daß eine der bedeutenden Universitäten öffentlich Stellung nahm zu den Fragen, die das Abendland bewegten, entweder angerufen, um einen Schiedsspruch zu fällen oder von selber. aus dem Gefühl geistiger Verantwortung. Wenn es heute zuerst eine amerikanische Universität ist, deren Vertreter in Deutschland öffentlich zu einer großen weltbewegenden Frage Stellung nimmt, so wollen wir dies als ein gutes Zeichen gelten lassen. Die USA haben die Führung übernommen in der Verteidigung der westlichen Ideale. Wenn dies von einem so hohen Standpunkt aus geschieht, wie ihn der Kanzler Hutchins vertritt, dann wollen wir uns dieser Führung dankbar anvertrauen. Tgl.