Der Württembergische Landesbischof Dr. Wurm hat einen Brief an Dr. Robert Kempner, den bekannten stellvertretenden Hauptankläger in Nürnberg, gerichtet, in dem er Beschwerde darüber führt, daß bei der Vorbereitung der Anklage in Nürnberger und Dachauer Kriegsverbrecherprozessen, die mit Todesstrafen geendet haben, "verbrecherische Methoden und abscheuliche Quälereien" Angewandt worden seien, um Aussagen und Geständnisse zu erpressen. Dr. Kempner hat diese Vorwürfe in einem Antwortbrief zurückgewiesen. Er bedaure lebhaft, so heißt es dort, daß der Landesbischof seinem Brief kein Beweismaterial beigelegt und auch keine Gelegenheit genommen habe, einer Gerichtsverhandlung beizuwohnen oder sich in den Akten des Gerichts zu orientieren. Fast keiner der in Nürnberg wegen. Mordes verurteilten Kriegsverbrecher habe überhaupt ein Geständnis, geschweige denn ein erpreßtes, abgelegt. Sie seien auf Grund amtlicher Dokumente aus der Hitler-Zeit verurteilt worden, in denen sie sich selbst schon längst ihr Urteil geschrieben hätten. "Ich hoffe", so schließt der Brief, "daß nicht irgend jemand es gewagt hat, einen Mann Ihrer Stellung zum gutgläubigen Sprecher einer Anti-Nürnberg-Kampagne zu machen, die eine Sühne der furchtbaren Mordtaten des Naziregimes aus naheliegenden Gründen ablehnt. Ich bin sicher, daß Sie mit mir auch die neuerdings stärker werdende Propaganda zurückweisen, daß nämlich nicht die Mörder, sondern die Ermordeten an der Katastrophe Deutschlands schuldig sind." Das sind starke Worte gegenüber einem evangelischen Landesbischof, der sich unter dem Naziregime sehr standhaft gezeigt hat. Doch kann man es einem Manne, der sich im Recht fühlt, verdenken, daß er stark zurückschlägt, sobald er scharf angegriffen wird? Gewiß nicht – eine andere Frage allerdings ist, ob Dr. Kempner ein Recht hat, sich im Recht zu fühlen.

In dem "Omnibus-Prozeß", der unter anderem gegen Vertreter des Auswärtigen Amtes geführt wird, hat die Vernehmung des Zeugen Gaus stattgefunden, der bis 1945 Unterstaatssekretär und Leiter der Rechtsabteilung im Auswärtigen Amt gewesen ist. Man hat sich viel darüber gewundert, wie dieser Mann dazu gekommen sein könne, als eifrig bemühter Helfer der Anklage zu fungieren und seine früheren Kollegen Schwer zu belasten. Das Kreuzverhör, das Rechtsanwalt Becker mit dem Zeugen Gaus veranstaltet hat, brachte die Erklärung.

Gaus war vom Lager Ludwigsburg in das Nürnberger Gefängnis übergeführt worden; dort blieb er vier Wochen in Einzelhaft. Am 6. März 1947 zwischen 14 und 16,30 Uhr wurde er zum ersten Male durch Dr. Robert Kempner verhört, der ihm sagte, er wolle sich mit ihm über seine Zukunft unterhalten. Es sei so, daß die Russen sich für ihn interessierten als "gewerbsmäßigen Verletzer von internationalen Verträgen Man wird sich nicht wundern, daß Dr. Gaus hierauf mit einem Ausruf des Entsetzens antwortete. Vor welchem Gericht er lieber stehen wolle, vor einem deutschen, russischen, englischen oder amerikanischen, fragte ihn der Ankläger Dr. Kempner. Und später: Das einzige, wie er seinen Kopf retten könne, sei, die Wahrheit zu sagen, oder wolle er etwa als "rechte Hand" zum Galgen gehen? Er kenne doch das "alte deutsche Recht", mitgefangen, mitgehangen. "Ich schwöre Ihnen", rief der offenbar völlig zusammengebrochene Gaus, "daß ich nur die reine Wahrheit sage." "Wenn ich meinen Kopf retten könnte, würde ich jeden Meineid schwören", erwiderte ihm Dr. Kempner, "Sie müssen uns helfen, die Sache aufzuklären. Jetzt sah Gaus einen Strohhalm, nach dem er greifen konnte. "Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, damit erklärte er sich bereit, die ihm zugedachte Rolle anzunehmen. Es war eigentlich nicht mehr nötig, ihn noch dadurch zu erschrecken, daß Dr. Kempner die Abteilung, die er, geleitet hatte, als "Ihre Abteilung Safeknacker und Mörder" bezeichnete. Gaus war bereits gefügig; er hatte nur noch eine Bitte: "Liefern Sie mich doch den Russen nicht aus."

Zwei Tage später, am 8. März, wurde Gaus aus der Einzelhaft entlassen. Am 12. März gab er die berühmte Erklärung ab, die am 17. März in der "Neuen Zeitung" auf der Seite 1 mit dem Zusatz veröffentlicht wurde, daß die "Neue Zeitung" diese Erklärung von Dr. Kempner erhalten habe und daß sich Gaus darin zur Kollektivschuld der deutschen Beamten bekenne. Diese These wurde dann weiter ausgeführt in den öffentlichen Vorträgen, die Dr. Kempner unter anderem in Tübingen hielt und in denen er die alten Beamten, die sich den Nazis zur Verfügung gestellt hatten, für mindestens so schuldig erklärte wie die überzeugten Vertreter der Nazidoktrin, eine typisch kollektivistische und ungeheuerliche These, die – was auch nach amerikanischem Justizverfahren sehr absonderlich ist – van Dr. Kempner öffentlich vertreten wurde, obgleich der Prozeß gegen die Beamten des Auswärtigen Amtes, in dem er die Anklage vertritt, noch schwebte.

Gaus tat, was von ihm verlangt wurde. Er sichtete Dokumente, klärte Zusammenhänge, immer unter dem Gesichtspunkt der Drohung, die über ihm schwebte. So kam das Material der Anklage zusammen. Die Verteidigung, die nicht das Recht hat, aus dem vorhandenen Dokumentenschatz in Ruhe auch die entlastenden Zeugnisse auszuwählen, muß sich für den Lauf des Prozesses mit diesem Material abfinden.

Es scheint uns, daß der Landesbischof Dr. Wurm eine bessere Sache vertritt als der amerikanische Ankläger Dr. Kempner.

Richard Tüngel