Jede überschwere Anklage ist ein Übel. Sie erweckt nicht Reue, sondern Empörung Sie führt durch ihre Maßlosigkeit zu einer Verteidigungssucht des Angeklagten, die selbst maßlos ist. Sie verführt zur Flucht in die massive Gegenanklage, die weder der Klärung noch dem Frieden dient. So erging es uns mit der These von der Kollektivschuld, mit der nichts gebessert, aber soviel verdorben wurde, daß es kaum wiedergutzumachen ist. So war es immer wieder mit den mahnenden Zeigefingern, ob sie nun allzu ungerecht von Siegern gegen Besiegte, allzu lieblos von Deutschen gegen Deutsche erhoben wurden. Manches ist besser geworden seit 1945, aber vieles wirkt weiter, schadet weiter. Und noch am Tage der Paulskirche war es ein Mißklang, als der Dichter Fritz von Unruh aus größer räumlicher Entfernung, aber auch aus beträchtlicher Erlebnisferne heimgekehrt, sein verdammendes "Hinweg!" gegen alle "Mitläufer" schleuderte.

Diese gleiche Maßlosigkeit hat aber auch allmählich die Nürnberger Prozesse ihrer erzieherischen Wirkung beraubt und bei uns jene Verteidigungssucht gefördert, mit der das wahre Maß der Schuld abermals verfehlt wird. Das gilt nicht für den ersten großen Prozeß vor dem Internationalen Militärgerichtshof. Ihn hat das deutsche Volk verstanden und im wesentlichen gebilligt, gerade weil das Urteil mit seinen Freisprüchen einzelner Angeklagter und einzelner Organisationen die These von der Kollektivschuld zunichte machte. Aber die spätere Nürnberger Justiz war wesentlich problematischer. Auch hierzu ist allerdings zu sagen, daß Urteile wie das im Einsatzgruppenprozeß außerhalb der Kritik bleiben, weil es sich dabei um offensichtliche und besonders grauenhafte Verbrechen handelte. Anders verhält es sich dagegen mit den verschiedenen Industrie- und Generalsprozessen, auch mit dem Wilhelmstraßenprozeß. Hier ist nicht allein die mangelnde Internationalität des Gerichts zu kritisieren. Hier bleiben nicht allein die Methoden der Anklage anfechtbar. Das übel sitzt tiefer.

Allmählich entsteht hier der Eindruck, daß gar nicht in erster Linie die Schuld einzelner Menschen nachgewiesen und gesühnt werden soll. Vielmehr scheinen die Angeklagten stellvertretend für ganze Kollektive vor Gericht zu stehen. Warum hat man gerade Krupp und den I.-G.-Farbenkonzern beschuldigt, warum sucht man sie als Verbrecherfirmen abzustempeln? Warum nimmt man eine Handvoll von Generalen und läßt, viele andere ungeschoren, warum stellt man kurzerhand einen General minderen Ranges unter Anklage, wenn man aus technischen Gründen seines noch lebenden Oberbefehlshabers nicht habhaft werden kann? Warum ist ein hoher Beamter des Auswärtigen Amtes Hauptangeklagter und ein anderer Kronzeuge, für die Anklage? Nun, in einer scheinbaren Systemlosigkeit kann sehr viel System liegen. Offensichtlich bemüht man sich gar nicht um eine auch nur annähernde Vollständigkeit der Rechtsprechung. Man greift einige "große Namen" heraus, und dann wird mit ihnen gleichsam symbolisch "die" Industrie, "die" Generalität oder gar "die" Wehrmacht, "das" Beamtentum getroffen. Will man das deutsche Volk in der Richtung erziehen, daß es weniger die eigentlichen und hauptamtlichen Nazis als vielmehr die Generale, Beamten und Industriellen als Verbrecher ansieht, daß es die schon vor der Nazizeit führenden Schichten Deutschlands als Kollektive für kriminell hält? Sucht man hier aus der Schuld der Teilkollektive die bereits zerschlagene Kollektivschuld wieder zusammenzusetzen oder handelt es sich dabei sogar um Sozialrevolutionäre Motive, um den Versuch, durch Kollektivdiffamierungen mit allem Überlieferten derart aufzuräumen, daß der Weg in ganz neue, radikale Entwicklungen frei wird?

All diese Versuche, erneut zu Kollektivkriminalitäten zu gelangen, haben ihren Zweck gründlich verfehlt. Die Wahllosigkeit, die Ungerechtigkeiten, die für den Einzelfall entstehen müssen, haben das Vertrauen bei uns erheblich erschüttert und dazu geführt, daß nicht wenige Deutsche in Nürnberg nur noch die Rachejustiz einer Siegernation am Werke sehen. Und allzu viele Offiziere, Beamte, Industrielle fühlen sich nunmehr mit ihrem ganzen Stand mitangeklagt. Die Gegenwirkung ist um so heftiger, als es sich ja nicht um moralische Vorwürfe allein, sondern darüber hinaus um strafrechtliche Anklagen handelt. Die bedenkliche Verwischung der Grenze zwischen Schuld überhaupt und verbrecherischer, strafbarer Schuld führt dazu, daß nun mit dem Verbrechen auch jegliche moralische Schuld abgestritten wird. Und gerade dieses in immer weitere Kreise dringende Verlangen nach Verteidigung um jeden Preis, nach Schuldverneinung um jeden Preis bringt uns um das, was wir bitter nötig haben: um das Wissen von der wahren Schuld. Entnazifizierung und Nürnberg zusammen haben eine regelrechte Entschuldigungsmanie in Deutschland entstehen lassen. Das mea culpa wird zur Seltenheit, das Alibi ist an der Tagesordnung. Die Lehren, die man aus der Vergangenheit ziehen müßte, werden nicht gezogen. Und diese Lehren sind für die Zukunft um vieles wichtiger als die Tribunale von heute. Mit nichts ist uns schlechter gedient, als mit der Flucht in den. Gehorsam, durch die immer wieder von Beamten und besonders von Offizieren die Verantwortung. auf andere und letzten Endes auf Hitler abgewälzt, wird. Das führt zur These von der Kollektivunschuld, die der ursprünglichen These von der Kollektivschuld an Torheit gleichkommt.

In Deutschland laufen jetzt Schreiben von in Nürnberg angeklagten Generalen um, die mit der Methode des Kettenbriefes weitergeleitet werden. Darin finden sich sehr, falsche Töne, sehr bedauerliche Appelle an unechte Ehrbegriffe, übrigens auch an den Geldbeutel. Und natürlich ist immer von der Gehorsamspflicht die Rede, die schon im Schlußwort des Feldmarschalls List eine erhebliche. Rolle spielte. Sollen wirklich nach den zwölf Jahren des Nationalsozialismus die Dogmen von der unbedingten Soldatenpflicht des Gehorsams, vom Fahneneid, vom Kampf für das Vaterland unerschüttert bleiben? Dann hätten wir wahrlich nichts gelernt und nichts vergessen.

Es geht hier nicht in erster Linie um die engere strafrechtliche Frage, obwohl es recht nützlich ist, daran zu erinnern, daß auch nach dem deutschen Militärstrafgesetzbuch der gehorchende Untergebene strafbar war, wenn ihm bekannt war, "daß der Befehl des Vorgesetzten eine Handlung betraf, welche ein allgemeines oder militärisches Verbrechen oder Vergehen bezweckte". Der gegen Verbrechen blinde Gehorsam gehört nicht zur deutschen und auch nicht zur preußischen Tradition. Wenn daher ein Soldat, und insbesondere ein hoher Offizier, während des letzten Krieges an offensichtlichen Verbrechen teilgenommen hat, so sollte niemand sich mit ihm solidarisch erklären.

Aber wichtiger als dies ist, daß wir endlich zwischen dem technischen und dem sittlichen Gehorsam unterscheiden lernen. Es gilt viele Gebiete, die ohne Gehorsam gar nicht auskommen können. Überall, wo der Zweck des Handelns, besonders eines gemeinsamen Handelns in Gefahr, als sittlich notwendig feststeht; da darf hinsichtlich, der anzuwendenden Mittel, falls sie selbst nur "technisch" und nicht unsittlich sind, auch technisch gehorcht werden, da muß sogar gehorcht werden. Ein Feuerwehrmann gehorcht seinem Hauptmann, weil zwischen dem Befehlenden und dem Gehorchenden Übereinstimmung über den Zweck des Handelns besteht, über das Löschen eines Brandes nämlich. Sollte aber der Hauptmann plötzlich den Befehl zur Brandstiftung geben, so hat der Feuerwehrmann keineswegs zu gehorchen, im Gegenteil, denn damit wäre der ganze Zweck der Feuerwehr auf den Kopf gestellt. Hier würde von ihm ein widersittlicher – nicht nur ein technischer – Gehorsam gefordert, und den darf es nicht geben, auch nicht mit Berufung auf einen Diensteid. Überall dort, wo es sich um Gewissensfragen, um das letzte Gut und Böse, und nicht nur um technische Zweckmäßigkeitsfragen handelt, ist der "blinde" Gehorsam, der nicht nachprüft, ausgeschlossen. Da muß der Mensch als sittliche Person dem eigenen Gewissen folgen, da muß er "Gott mehr gehorchen als den Menschen".