Die neue deutsche Musik kann sich in diesem Sommer in zahlreiche Nester setzen, die ihr in allen Zonen bereitet werden. Städte aller Größenordnungen rivalisieren miteinander, ihre musikalische Fortschrittlichkeit kundzutun: Donaueschingen, Godesberg, Sondershausen, Bayreuth, Darmstadt, Krefeld, Frankfurt, Köln, Münster. Auch Berlin befindet sich mit den vom Magistrat zum zweitenmal veranstalteten "Musiktagen" unter ihnen. Aber man kann nicht behaupten, daß die Hauptstadt Deutschlands eine besonders gute Figur in diesem Reigen machte. Denn die künstlerische und organisatorische Basis der Musiktage war in diesem Jahr noch schmaler als im – vergangenen, weil die Opernhäuser nicht mit einbezogen waren. Daß die Staatsopernpremiere mit Hindemiths "Mathis der Maler", die den Musiktagen hinterherhinkt, nicht eingefangen werdet! konnte, war schon bedauerlich. Daß jedoch nicht einmal die im Repertoire der Städtischen Oper stehenden neuen Werke wie Honeggers "Jeanne d’Arc" und die Einakter von Milhaud und Ravel in den Gesamtplan eingegliedert wurden, war unverständlich. Auch ist nicht zu begreifen, warum einige Berliner Komponisten, die auch im vergangenen Jahr nicht zu Worte kamen; diesmal wieder herausgehalten wurden. Sollte die Gefahr der Vercliquung, auf die bei anderen Städten hingewiesen wurde, in Berlin nicht vielleicht noch größer sein? Und die künstlerische Ausbeute? Geschmälert um Werke von Humpert, Fortner, Brehme und Gerster, die sämtlich ausfielen, war sie nicht erheblich, doch immerhin noch von einer gewissen Vielfalt. Wolfgang Fortner, einer der beiden Träger des vom Magistrat gestifteten Franz-Schreker-Preises – der andere war Ernst Pepping – hat in der Zeitschrift "Melos" auf die Frage, worin die "tiefste Verpflichtung des Komponisten" bestehe, geantwortet: zu zeugen von echter menschlicher Existenz. Ein schönes Wort und eine, große Aufgabe. Wieweit Fortner sie selbst zu erfüllen vermag, konnte er uns diesmal nicht zeigen, da seine "Nuptiae Catulli" nicht zur Aufführung kamen. Von Boris Blacher wird man ihre Bewältigung nur bedingt erwarten. Seine Schöpfungen kommen aus einem nur schmalen Sektor der menschlichen Existenz: dem spielerischen Intellekt. Aber gerade er hat der neuen Musik reizvollere Wege gewiesen als das oft dumpfe Gefühl. Das neue Klavierkonzert von Blacher, das Gerty Herzog ausgezeichnet spielte, ist zwar nicht ganz so dicht und inspiriert wie die "Konzertante Musik", aber es hat deren präzise Formulierung und die Sparsamkeit der Mittel. Einen Zug ins Kunsthandwerkliche hat auch die "Serenade für Orchester" von Ernst Pepping, die in ihren ersten beiden Sätzen den Beinamen "im alten Stil" tragen könnte. Die frühere Linie Peppings, schön in seiner kürzlich uraufgeführten dritten Sinfonie "Die Tageszeiten" verlassen, ist auch hier nur noch zu ahnen, kaum noch zu fassen.

Karl Amadeus Hartmann will in seiner "Symphonischen Ouvertüre" von einem Zeitereignis zeigen: "China kämpft." Seine Musik schildert und malt – trotz aller gegenteiligen Beteuerungen des Komponisten –, aber sie dringt nicht zur künstlerischen Symbolisierung vor. Einzelheiten, wie der auf der ostasiatischen Fünftonleiter aufgebaute mehrfach anklingende Marsch, sind orchestral virtuos inszeniert. Ein Könner ist Hartmann jedenfalls. Für illustrierende Musik solcher Art hält das elektrisch-akustische Trautonium, dem ein Konzert in der Städtischen Oper unter Leitung von Robert Heger gewidmet war, außerordentliche Möglichkeiten bereit. Wie es; dröhnen, stampfen und heulen kann, haben wir in Honeggers "Jeanne d’Arc" erfahren. Wer jedoch die Schauer; die Honeggers Höllenhund Iplis jedem Hörer über den Rücken gejagt hatte, noch in sich spürte, der konnte sich in den Konzertwerken von Julius Weißmann und Harald Genzmer überzeugen, daß das Trautonium auch alle schmeichelnd zarten und weichen Klangfarben der Streicher und Holzbläser zu imitieren vermag. Sein Farbenreichtum überschreitet den der Orgel, hinter der es allerdings insofern zurücksteht, als es grundsätzlich Melodie-, nicht Akkordinstrument ist, denn sein polyphones Vermögen geht vorläufig nicht über die Zweistimmigkeit hinaus. Dafür vermag es ungeheure, bis zu schmerzhafter Intensität gesteigerte akustische Energien zu erzeugen. Wenn es in den nach fünfzehnjähriger Unterbrechung nun wieder auflebenden Versuchen gelingt, den hohlen, undichten, vibratohaltigen Ton zu den hohlen, dann liegt hier mindestens für die angewandte Musik Neuland. Daß es gesichtet worden ist, beweisen die gleichzeitigen Versuche in Frankreich und Rußland. Oskar Sala, der erste Trautonium-Virtuose, glitt mit größter Behendigkeit über die zwei Metallschienen und die zwei Hebelreihen, die hier die Orgelmanuale ersetzen.

Dieses Konzert weckte, auch wenn Genzmer über Hindemith hinaus nicht viel Neues zu sagen hatte und Weißmann in letzter Spätromantik verwurzelt ist, auf jeden Fall ein Interesse, das von der Kammermusik nur wenig angeregt wurde. Denn Hermann Schroeders Streichquartett in c-moll, das sich in den Grenzen klassischer Formtradition hält, ist nicht mehr als saubere akademische Arbeit. Dietrich Erdmann aber nähert sich den Nachdichtungen chinesisch-japanischer Lyrik von Bethge mit einer stimmungmalenden, die Texte arabeskenhaft umschlingenden Musik von den Rändern her und bleibt so im improvisatorischen Vorfeld musikalischer Aussage. Persönlicher, wenn auch in ihrem künstlerischen Bereich engbegrenzt, waren die vier Tag-Gesänge für eine Singstimme und Streichquartett von Ernst Lothar v. Knorr.

Die Wiedergabe der Werke, um die sich neben den schon Genannten vor allem Robert Heger an der Spitze der Berliner Philharmoniker und des Orchesters der Städtischen Oper, ferner Hilda Zinganell, Hertha Klust, Helmut Krebs und das Rudolf-Schulz-Streichquartett bemüht hatten, waren durchweg befriedigend.

KurtWestphal