Ein Postfestum zum Frankfurter

Schriftsteller-Kongreß

Von: Eugen Schmahl

Im Verlaufe des Schriftstellerkongresses in Frankfurt verdichtete sich der Eindruck, daß vieles ungesagt blieb, was hätte gesagt werden sollen. Die Atmosphäre der Erwartung, die über der Tagung lag, schien im Schwinden, als endlich der Ruf nach Klarheit und Offenheit aus den Reihen der Hörer in den Saal scholl. Nach erregten Auseinandersetzungen wurde schließlich im Namen der unbedingten Freiheit des individuellen Lebens und der Meinungsäußerung eine Resolution gefaßt, durch die die vier Besatzungsmächte zu Reiseerleichterungen für Schriftsteller durch, alle Besatzungszonen und auch in das Ausland angeregt werden sollen; wurde ferner gefordert, daß der Austausch von Druckschriften nicht behindert werden dürfe, da er im Aufbau einer demokratischen Freiheit in Deutschland notwendig sei. – Wünsche, durch deren Erfüllung wesentliche Hemmnisse beseitigt würden. Diese nach außen gerichteten Beschlüsse ließen jedoch nur die innere Verquälung einer geistigen Situation – gleichsam summarisch und dahinter versteckt – deutlich werden. Es wirkte darum wie eine Erlösung, als Theodor Plivier in seinem Referat schonungslos das Vakuum aufdeckte, in dem wir uns alle bewegen, und den Verfall kennzeichnete, der einen Grad der Verarmung hervorgerufen habe, wie er "bei Strafe des Todes nicht mehr zu überbieten sei. Er erklärte weiter, daß sich dieses Vakuum mit Betrug anfülle und rief gegen den Verfall der geistigen und gesellschaftlichen Kräfte und zu Freiheit und Verantwortung auf. "Von dem noch verbliebenen Willen zur Freiheit wird es abhängen und davon, daß dieser Wille sich zu einer alle Völker der Erde umfassenden politischen Macht erhebt, daß der verhängnisvolle Weg nicht zu Ende gegangen wird." – Damit stieß Plivier zu der Ursache einer Krisis vor, in der sich die menschliche Gesellschaft überhaupt gegenwärtig befindet. Dieser Einsicht folgte, wie es sich während der weiteren Erörterungen zur Genugtuung erwies, auch der Kongreß.

Was aber haben die deutschen Schriftsteller zu tun, damit ihre Aussage Gehör findet und richtig, verstanden wird? Setzen sie sich schon eine öffentliche Aufgabe, wovon während der Tagung immer wieder die Rede gewesen ist, so muß sie auch wirksam zur Tat werden. Das könnte nur auf die Gefahr einer Akzentverschiebung von der Literatur zur Publizistik hin erfolgen (eine Frage, die zu verschiedenen Auffassungen führte). Diese Akzentverschiebung aber würde besonders für den Dichter das Abirren in ihm zwar nicht wesensfremde, aber nicht vorbestimmte Bezirke bedeuten – für ihn auch eine Gefahr, wenn das an sich gesunde Drängen nach sichtbarer und intensiverer öffentlicher Wirksamkeit ungezügelt bliebe und die schon vorhandene Verflachung der Werte und des Wortes noch vergrößerte. – Nicht minder groß ist aber auch jene andere Gefahr, sich durch Selbstbespiegelung immer mehr der Auffassungsgabe und dem Auffassungswillen weiter Bevölkerungsschichten zu entziehen. Davor warnte vor allem die Jugend in dieser Versammlung und vergaß im Eifer des Wortgefechts dieeben erst vergangene Zeit der schrecklichen Vereinfacher". – Das sollte aber nichts gegen die "Hohe Dichtung" besagen, die immer eine ihr entsprechende Aufgeschlossenheit und das ihr gewachsene Aufnahmevermögen voraussetzt; es besagt aber um so mehr etwas gegen die sich breit machende ornamentale Manier, die uns eine Sintflut von Sonetten und Hymnen, aber kein echtes Lied mehr beschert. Es richtet sich gegen das auch in Frankfurt gerügte "priesterliche Getue" und gegen eine Sitten-, Gesellschafts- und Geschichtsrichterei, die aus berufenen Interpreten unberufene Zeitkritiker und unfertige Urteilsverkünder werden läßt. Die in vielen Ländern Europas vorhandene Problematik der literature engagée, einer aktivistischen, belehrenden Literatur, oder der poesie pure, einer zweckfreien Dichtung wurde damit auch in Frankfurt deutlich.

Es ist dann auch viel von Zeitnähe und Ewigkeitssichten die Rede gewesen, von der Welt, wie sie ist und wie sie sein sollte, von ihren Wandlungen und Stetigkeiten, ohne daß das Verhältnis des Schriftstellers dazu eigentlich klar in Erscheinung getreten wäre. Wie können das Wesentliche und das Aktuelle in die rechte Verbindung miteinander gebracht werden? Sollen die Dichter und Schriftsteller aus der Zeit, die sie durchleben, heraustreten (was sie de facto nicht können sollen sie dem Tage verpflichtet bleiben? Weder Gegenwarts- und Weltflucht, noch Augenblicks- und Zustandsbeharrung! Auch die Berufung auf Goethe durch Rudolf Alexander Schröder: "Der Augenblick ist Ewigkeit" konnte nicht darüber hinwegtäuschen, daß keine Antwort darauf erfolgte, die unseren inneren Nöten und Bedürfnissen entsprochen hätte. Eher noch legte Elisabeth Langgässer den Weg zu einer Beantwortung frei, indem sie festzustellen, versuchte, was "nicht modern" sei. Sie nannte den "homo faber" – gegenüber dem Elend und der Größe des Menschen, und forderte die Säkularisierung der christlichen Substanz. –

Appelle dieser Art hoben das Niveau des Kongresses und waren geeignet, den Weg aus der Isolierung und die Fundamente für den Baustil neuer Inhalte" bloßzulegen. Das echte Bedürfnis, des Unvermögens, das vielleicht aus dem zeitgegebenen Sichunerlöst-Fühlen des deutschen Schriftstellers zu erklären ist, Herr zu werden, war nicht zu verkennen und auch nicht das Streben in die Offenheit und Helligkeit des Tages, der heute wie gestern und morgen über uns heraufzieht. Die Hemmungen, die es zu überwinden gilt, sind, aber um so schwerer, als sie nicht nur im Willen des einzelnen, sondern auch von außen auf ihm lasten, ohne daß er sie aus eigener Kraft beseitigen kann. Hier wird die Tragik sichtbar, der die deutschen Schriftsteller unterworfen sind, und die sie zu einer Wandlung grundlegender Art zwingt, wenn sie nicht in einer neuen Tragödie, die im Nihilismus vorgezeichnet ist, enden soll. Darum, ist das Bewußtwerden der ganz besonderen Zeitlage erforderlich, in der wir uns befinden. Sie muß durchlebt und durchdauert werden. Ihre Wandlungen erlauben nicht, bei dem zu verharren, was einmal – und auch nur gestern – gewesen ist; sie erlauben aber ebensowenig, sich auf das Vorgestern zurückzuziehen. Sie erlauben den Schriftstellern jedoch auch nicht, sich so in das Heute zu verstricken, daß sie das Morgen nicht mehr frei und ungehemmt betreten können. Sie haben vielmehr die Dauerkomponenten aller Zeiten durch den Wandel zu tragen, den Wandel selbst an ihnen zu messen, und sie im Wandel immer wieder Gestalt werden zu lassen. Die Schriftsteller müssen Gott sichtbar werden lassen im Wort. Das entscheidet darüber, ob sie berufen sind und – auserwählt. Dann mag auch zutreffen, daß sie, in so hohem Auftrag stehend, sich allein für die Aussage, die sie machen, verantwortlich fühlen und die uneingeschränkte Freiheit zu ertragen vermögen, die von Plivier gefordert worden ist. Es bewahrt sie davor, Propheten und Seelsorger statt Künder und Deuter werden zu wollen. Es bewahrt sie vor der Gefahr; dem Eifern und der Fanatisierung zu verfallen, die auch auf dieser Tagung sichtbar geworden ist.