Von Fritz Bouquet

... Ich bin eine alte Kommode, oft mit Tinte oder Rotwein begossen; manchmal mit Fußtritten geschlossen. Der wird kichern, der nach meinem Tode mein Geheimfach entdeckt ...

Daß unter der rauhen Schale ein empfandsameres Herz schlug, als man gemeinhin annahm, haben seine Freunde und Verehrer schon gewußt, ehe der Dichter Joachim Ringelnatz dem Prosit des Todes zum letzten Male Bescheid tat. Er starb, als die tausend Jahre begannen, und hat sich damit den Katzenjammer und Auftrittsverbote erspart. Dieser seltsamste Kauz der deutschen Lyrik, der nach dem Zivilstandsregister Hans Boetticher hieß, der zwar im Matrosengewand als Kunstzigeuner auf ungezählten Kabarettpodien stand und der als "Mariner" den ersten Weltkrieg überlebte, aber doch nicht von der Waterkant, sondern aus Würzen in Sachsen gebürtig war.

Vielleicht ist er, um kein "sächsischer" Komiker zu werden, in die blautuchne Hülle des Matrosen "Kutteldaddeldu" geschlüpft, mit dessen Figur eine kaltschnäuzig blödelnde, nebulös spintisierende Spielart der Seefahrerromantik und kurioser Hafenabenteuer in St. Pauli, Rio oder Algier in die deutsche Literatur Eingang fand. Viel mehr als auf eine Ansiedlung am sächsischen Geistes- und Dichterparnaß hat Ringelnatz ein Anrecht, als ein später Anverwandter des niedersächsischen Schalks Eulenspiegel zu gelten. Wer ihn aber wirklich kennt und tief genug begreift, stellt seine Gedichtbände zu den anderen großen lyrischen Vagabunden des Weltschrifttums: zu den Balladen und Testamenten des François Villon, den Liedern und Episteln des Carl Michael Bellman und zum dichterischen Vermächtnis Johann Christian Günthers. Über Jahrhunderte hinweg schlingt sich das Band von der wilden, zynischen, dem Galgen trotzenden Urkraft des Domherrnsohnes im mittelalterlichen Paris zur barocken Schäfermaskerade und Sinnenfreude des trinkseligen Schweden am Mälarsee und zur von Leidenschaft und Leid durchglühten Bekenntnisgewalt des verirrten Schlesiers Günther, der in seinen Strophen für Goethe und alle große deutsche Dichtung das Roherz unserer Sprache schnolz, es von steifer Zopfigkeit und gefühlsleerem Schwulst befreite. Als ein Bruder dieser Außenseiter und Wagenden hat auch Ringelnatz im Rausch die ganze Nüchternheit und Schäbigkeit unseres vom Fortschrittswahn und Sieherungsverlangen eingelullten, noch am Rande des Abgrunds sich zivilisatorisch versorgt dünkenden Normaldaseins durchschaut.

Aus der Zeit, deren Gefüge brüchig ward, in der die Werte schwankten und dem Ausverkauf verfeien, müssen wir ihn verstehen. Zur Anklage und für das Ethos der Zielweisung war sein Dichten nicht berufen. Sein Fall war der des Narren, der weiser ist, als Neunmalkluge sich gescheit vorkommen. Was aber konnte ein Dichter, der nicht wie George "die Flamme Umschrift", der nicht pathetisch das Schwert erhob und anstatt der Leier die Schellenkappe trug, der Welt satter verspießter oder snobistischer Bürgerlichkeit andere entgegenhalten, als Witz und Sarkasmus, hinter dem nur die Feinhörigen spürten, wie ernst es dem Spötter und Purzelbaumschläger in Wahrheit zumute, war?

Er schnitt die Welt zu Häcksel, um sie den Philstern zum Fraße hinzuwerfen – meinten die Philister. Nein, aus diesem Häcksel, den er aus unserer fragwürdigen, unterhöhlten Welt machte, buk er sich und allen, die es schmackhaft fanden, ein herbes, karges Lebensbrot. Als Philosophen besonderer Art müssen wir ihn nehmen, und seine Vetternschaft zu einem Landsmann Eulenspiegels, zu Wilhelm Busch, ist unverkennbar. Auch mit Christian Morgenstern, dem Schöpfer der "Galgenlieder", hat man Ringelnatz verglichen. Doch seine Verlassenheit und sein Zivisationsekel zehrten heftiger an seinem Herzen. Skeptischer, dämonischer, skurriler. als der humorvolle Weise von Wiedensahl, hat Ringelnatz, in dem etwas von Shakespeareschem Clown leibhaft war, die Dissonanz zwischen "Schein und Sein in unserer so betäubungssüchtigen wie besinningsunfähigen Zeit erlitten. Rauhbeiniger, kantiger, ätzender als der immer "salonfähige" Wort,- und Gedankenspieler der "Galgenlieder" hat der Verfasser des "Kutteldaddeldu", der "Reisebriefe eines Artisten" der "Flugzeuggedanken" und des "Allerdings" den Mutterboden der Sprache unterminiert und durch den zerbröckelten Asphalt bizarres Gesträuch treiben lassen. Gar sehr unterscheidet sich von den weicheren Empfindungs- und "Melancholie" -Schwingungen des ernsten Morgenstern die spröde, verzweifeltere, verschämtere Schwermut und Besinnlichkeit, die man bei Ringelnatz in den aus Seelengrunden durchbrechenden lyrischen Bekenntnissen errät. Aus dem Widerstreit zwischen stacheliger Verwegenheit und männlicher Scham erwuchs im Tiefsinn wie im Witz seine Originalität, die doch jeder literarischen Wichtigtuerei und kabarettistischen Manier so wesensüberlegen ist.