Von Wolfgang Weyrauch

Wolfgang Weyrauch: Am 15. Oktober 1904 als Sohn eines Landmessers in Königsberg (Ostpreußen) geboren. Schauspieler in Münster, Bochum und am Harzer Bergtheater in Thale. Dann Student in Frankfurt am Main und Berlin (Germanistik, Geschichte, Romanistik). Mitarbeiter der "Frankfurter Zeitung", "Vossischen Zeitung" und vom "Berliner Tageblatt". 1934 erstes Buch bei Rowohlt, weitere Bücher bei Herbig und A. H. Payne. 1940 bis 1945 Soldat. Dann Mitarbeiter beim "Ulenspiegel", Berlin. 1947 Erzählung "Die Liebenden" bei Kurt Desch in München.

Mein Fremder kommt in das Hafenviertel einer großen Stadt Deutschlands, die er zwar kennt, weil er früher hier einmal gelebt hat, aber es ist schon lange her, denn unterdes war Krieg, der Mann war Soldat, war gefangen, und er ist erst jetzt über die grüne Grenze gegangen, nachdem er im Mai aus russischer Gefangenschaft in das Ruhrgebiet kam. Nun hat er fast vergessen, wie die Hafenstadt aussah, und auch wenn er es nicht vergessen hätte, könnte er sie kaum wiedererkennen, jeder weiß, wieso. Er ist auch ganz benommen, vom Krieg, von der Gefangenschaft, von der Stadt, die einer Stätte des Fegefeuers gleicht, so daß ihm etwas Irres einfällt, aber wer weiß, ob es irre ist, was er denkt, vielleicht sind die irre, die es nicht denken: hier die Erde, mit Mord und Totschlag, mit Hunger und Eis, mit Schwindel und Schwindel und Schwindel, das ist nicht das Leben, das ist der Tod mit Fegefeuer und Hölle, und der sogenannte Tod ist in Wahrheit das Leben. Dann ist mein Fremder auch noch davon benommen und entsetzt, daß ihm die Leute erzählt haben: Deine Frau ist tot. Tot? fragte er, wann, wo, wie? Ja, wann? sagten die Leute, damals, als zum ersten Mal das Feuer vom Himmel fiel. Wie? sagten die Leute. Ja, eben durch das Feuer vom Himmel. Wo? fuhren sie fort. Ja, beim Hafen. Beim Hafen? fragten andere, was denn, im Hafen war es, als der Dampfer unterging. Was für ein Dampfer? fragte der Mann. Die Morgenröte, riefen die Leute, haha, die Morgenröte, war eine feine Morgenröte für die achthundert auf dem Schiff, eine Abendröte war es, eine Nachtröte war es, Nacht war es für die Achthundert und Röte auch, Flammen, Flammen, Flammen. Es war eine Flammenhaftigkeit, sagte einer, der wahnsinnige Augen hatte, zum Mann, wenn es vorher noch keine Flammen gegeben hätte, hier wären sie aufgekommen, und wenn es vorher noch keinen Ausdruck für Flammen gegeben hätte; hier wäre er erfunden worden, Flammen, Flamme, dies spitze, züngelnde, schreiende Wort.

Wer, wie der Fremde, im Arm der Geliebten gelegen hat, und dieser Arm ist alles, Haar, das triefende, schaumige, Brauen, die Regenbögen des Menschen, Ohren, Höhlen der Sinne, der Mund dazu, woraus Weisheit und Schande fahren, Zunge, du Gazelle der Freude, ihr Augen, ihr Freunde, und ich schließe sie, rote Sonnen springen vor meinem Innersten, und ich öffne sie, die roten Sonnen sind deine Augen, Mädchen, in denen ich enthalten bin, so, wie du in meinen Augen enthalten bist, winzig, aber unvergänglich, in mir, aber fernab, Frau, dein Adamsapfel, Tod, Tod, Mord, deine Schulterkugeln, hin zu den Brüsten, jenen ähnlich, oh, wäre ich dein Kindchen, der Nabel, wäre ich deine Mutter, bin aber dein Vater, bin deine Mutter, bin dein Kind, bist mein Vater, bist meine Mutter, bist mein Kind, unsere Nabelschnur hält, die Knie, die den Schultern und Brüsten gleichen, Kniekehlen und Armbeugen, Nägel, zwanzig Nägel, Geschwister der Zähne, Haut, vor dem Schoß, Kindshaut, Säuglingshaut, Schoß selbst, Geruch über ihm, Dickicht und Moor, kommst du, ich komme, ich will ein Kind von dir, ruft der Mann, weil ich mich fürchte, ich will keins, denn ich fürchte mich nicht. Du rufst nichts anderes. Bist du da? Ich bin da. Du bist da, wir sind da, außer uns gibt es nichts, wir sind die Welt, nicht einmal die Pappel, die im Wind bebt, und der Mensch liegt darunter und sieht den Azur hinter ihr, ist da, doch dann geht es an das Zittern, an das Zittern von uns beiden. Allmächtiges Zittern. Und wie wir so zittern, möchten wir, daß das Zittern nie aufhört, und zugleich möchten wir, daß das Zittern sofort endet, daß wir enden, es ist genug. Es ist genug, wir haben genug. Wir sind Libelle und Sperber, wir sind im Tod – wer so im Arm der Geliebten lag, wie es dem Fremden widerfuhr, damals, als Friede war, der ängstigt sich nicht, wenn der Tod wirklich kommt, der will dann nur am Tod teilnehmen. Er kann auch nicht anders. Er muß ja, denn ist die Freundin im Tod, muß auch er hinein, weil es für ihn keine Einsamkeit gibt.

Im Hafen, dachte der Fremde, und ging zum Hafen. Obwohl es Tag war, morgens, 10 Uhr, traf der Fremde doch keinen Menschen. Bei den Kranen nicht, die verrostet waren, bei den Speichern und Schuppen nicht, die die Bomben zerrissen hatten. Die Anlegeplätze und Kais schwiegen, Becken und Molen waren stumm, kein Prahm, kein Schraubendampfer, kein Frachter, Raddampfer, Schlepper, keine Pinasse, Barkasse war zu sehen. Wo waren sie? Getroffen, zerfetzt, verbrannt, gesunken, verschickt von den trägen, trüben, stinkenden Wassern der Becken. Und der Fremde wunderte sich, daß die Wasser; voll von den Wracks, nicht über die Dämme geschwemmt waren und nun immer noch gegen die geborstenen Gemäuer leckten. Aber selbst das Hafenwasser, fiel ihm ein, gehört zum Wasser des Meeres, das unterseeische Gebirg und Hunderttausende von Aalen beherbergt, wenn sie laichen. Nichts war da, außer dem Fremden, der sich vertilgen wollte, damit er dort lebte, wo sein Leben war, außer dem Geröll, dem Gespenstern von Brücke, Bagger und Hafenbahn, außer den Ratten, die seine Schäfter traten, den Spinngeweben, die ihm die Augen zuzukleben versuchten, dem Geruch von Tang und Schlick und Leiche, außer den Krähen, die sich dem Fremden auf die Schultern hockten, wenn er einmal stillstand, Krähen, die Vögel der Ebenen, wo sie im Als der Feldmäuse und Hasen hacken. Aber jetzt waren sie in den Hafen geflogen, im Hafen war mehr Totes als auf dem Land; und so selten begegneten sie einem Menschen, daß sie den Fremden, wenn er anhielt, für den Rest eines Pfahls nahmen.

Auf einmal sah der Fremde einen Kahn, und im Kahn ruderte ein Mann. Es war, schien es, ein alter Mann, und er ruderte mit den Händen: Trotzdem ruderte er das Boot ziemlich schnell zur Einfahrt. "He", rief der Fremde ihm zu, aber der Mann hörte ihn nicht, oder er wollte ihn auch nicht hören. "Hallo", schrie der Fremde noch einmal. Doch der andere war schon fast am Leuchtfeuer, das an der Spitze der Mole stand, zerbrochen und kalt. Da lief der Fremde die Mole entlang, den andern noch zu erreichen, ehe er im Gewoge des Nebels mit der Sonne verging. "Anton", schrie der Fremde, vielleicht hieß er so, und er meinte, der ruft, den kenne ich, oder er hieß nicht so. Aber er war ein genauer Mann und wollte den Irrtum berichtigen. "Anton", schrie der Fremde zum zweitenmal. "Ich bin kein Anton", antwortete der Ruderer, ohne aber sich umzudrehen oder gar zu verhalten. "Ich suche etwas", rief der Fremde. "Was?" rief der andere zurück, aber er hörte immer noch nicht Zu rudern auf. "Meine Frau", rief der Fremde. "Weshalb?" fragte der andere. "Sie ist tot", sagte der Fremde, doch das rief er nicht mehr, sondern sagte es nur noch vor sich hin, den Tod kann man nicht schreien, der schreit selbst. "Na und?" rief der Alte, zog aber die Hände aus dem Wasser, wer weiß, ob er mitleidig oder neugierig war. Oder wußte er etwas von der Frau? Hatte er gar nicht gehört, was der Fremde rief, und er ahnte es nur? "Hilf mir", rief der Fremde, "sag mir, wo ist sie, sag mir, wo die Morgenröte ist, mit der soll sie untergegangen sein". "Was hast du davon", rief der Alte, "wenn du’s weißt? Er fing wieder zu rudern an, aber nun wendete er den Kahn, auf den Fremden zu, der, als das Boot nahe war, hineinsprang. "Viel", sagte der Fremde, "dann geh ich zu ihr hin, ich lege mich Zu ihr und bleibe bei ihr, sie wartet schon auf mich." "Die Weiber sind’s nicht wert", meinte der andere. "War sie’s wert?" Der Fremde nickte. "Komm", sagte der Alte.

Sie kamen zu einem Wrack, das mit dem Bug das Wasser verließ, während der Dampfer mittschiffs und mit dem Heck gesunken war. Überall, auf dem teerigen Rumpf, auf dem abschüssigen Verdeck, wuchs Unkraut. Wo aber Unkraut ist, ist auch das, was uns gut tut, nicht fern. Die Pollen schweifen zu allem hin, sie warten nur darauf, daß sie mit dem Schweben aufhören können, sie wollen sich haken, sie möchten keimer ochsen, sich verwandeln, Blüte und Frucht werden. Ach, das Gute ist da, ihr müßt, euch nur darum kümmern. Auch die Rettungsboote, von denen der Alte vorhin eins benutzt hatte, waren mit. Samen beworfen. Darin wohnte der Greis, der den Fremden unter eine Plane zog und ihm einen Kanten Brot aus dem Laib brach. Er selbst aß auch ein Stück. "Die Morgenröte", fing er an: "ich fuhr auch mit, wir kamen von Ostpreußen, wir waren evakuiert, wir sollten nach Schleswig oder nach Dänemark, es war nicht ganz heraus. Wir sollten im Hafen Kohlen fassen, aber es kam nicht dazu, die Mosquitos kamen, und wir fuhren wieder auf See. Die Mosquitos, dachte’ der Kapitän, kümmern sich um den Hafen, den wollen sie kaputt machen, um uns kümmern sie sich nicht. Sie kümmerten sich aber doch um uns, ich weiß nicht, weswegen, sie konnten nicht viel sehen. Vielleicht hielten sie uns für einen Truppentransporter. Einer flog immer um uns herum, die Männer steckten die Hände in die Taschen und sahen hinauf. Die Kinder schrien, die Weiber rutschten auf den Knien herum und beteten zum lieben Gott. Aber das half ihnen und uns nichts, die Bombe fiel. Wir hörten es, wie sie fiel; aber du kennst das Geräusch ja auch, wer kennt es nicht. Nur die Eskimos kennen es nicht, und die werden es beim nächsten Krieg auch kennenlernen, Sie fiel, sie fiel, es heulte, es zischte, es hörte nicht auf damit. Die Bombe, unsere Bombe, fiel wohl ganz besonders langsam. Dann war sie da, mitten in den Weibern, die auf dem Bauch herumrutschten. Und jetzt hatten sie wenigstens bis zum Wasser nicht so weit wie wir, die stehengeblieben waren. Das Schiff kippte. Ach, es ist ja nichts Besonderes, wieviel Schiffe sind gekippt, deutsche und englische und russische, auf dem Schwarzen Meer, im Stillen Ozean, im Mittelmeer. Weißt du noch, als die "Titanic" unterging, das war noch etwas, da schrien-die Leute noch. Aber jetzt waren Hundert weniger als einer. Und es war doch etwas Besonderes, denn es war ja unser Schiff. Aber ich kann dir nicht sagen, wie es war. Die Bombe fiel, das Schiff kippte, alle schrien, dann war das Schiff weg, und die Leute waren auch weg. So langsam, wie die Bombe gefallen war, so rasch war alles hinterher. "Und du?" fragte der Fremde, "wieso bist du gerettet?" "Ich weiß nicht", sagte der Alte, "plötzlich lag ich auf dem Land." "Vielleicht ist meine Frau auch gerettet", sagte der Fremde. "Nein", erwiderte der Alte, "außer mir sind alle tot." "Wo ist das Schiff?" fragte der Fremde. "Vor dem Hafen", antwortete der andere, vier Kilometer vom äußersten Leuchtfeuer entfernt, in der graden Linie." "Sieht man noch etwas davon?" fragte der Fremde. "Einen Strudel", sagte der Greis, "immer noch, das Schiff will wohl alles fressen, was es hatte, ich fehle ihm noch". "Dafür komme ich jetzt", sagte der Fremde und fragte noch: "Hast du ein Boot für mich?" "Bitte", sagte der Greis und ließ ein Rettungsboot herunter. Der Fremde sprang hinein. Da keine Ruder im Kahn waren, nahm er die Hände. Erst ging es schwer, dann aber machte er Fortschritte.