Von Erich Raemisch, Krefeld

Der Verfasser, dem wir für seine ausführliche und freimütige Darstellung der handelspolitischen Gegenwartsaufgaben zu besonderem Dank verpflichtet sind, ist Vorsitzender der Handelspolitischen Kommission des Außenhandelsbeirats.

Die wachsenden Möglichkeiten, deutsche Waren zu exportieren, bedeuten einen Aufbruch des wirtschaftlichen Denkens, wie wir ihn seit vielen Jahren nicht erlebt haben. Die Problemstellung, mit der sich Industrie und Handel ebenso wie die Verwaltung befassen müssen, wird schlagartig völlig anders. Während bisher das Kontingentsdenken und die Problematik um Bewirtschaftung und Marktwirtschaft die Gemüter bewegte, steht jetzt plötzlich der Export im Vordergrund. Die Tatsache, daß jetzt konkrete Handelsverträge oder – wir wollen einmal sagen – Warenabkommen in kürzester Frist abgeschlossen werden müssen, stellt uns vor völlig neue Aufgaben.

Es ist bedauerlich, daß wir mit unseren Waren erst auf dem Weltmarkt erscheinen, nachdem der Boom für die Erzeugnisse, die wir gerade anzubieten haben, oder deren Offerten uns ganz besonders liegen, nämlich für Fertigwaren, im großen und ganzen vorüber ist. Wir müssen also praktisch eine dornenvolle Kleinarbeit leisten, um den Anschluß an den Weltmarkt und die Beziehungen zu ihm wiederzugewinnen.

Die Aufgaben sind ihrem Wesen nach grundsätzlicher Natur, da wir praktisch alles an Material, was wir für eine vernünftige Handelspolitik brauchen, verloren haben, und zwar einmal die vertraglichen Unterlagen aus der Vergangenheit, an die wir Anschluß suchen müssen, weil sie die traditionelle Basis unseres Außenhandels darstellen. Dann fehlt aber auch der Überblick über den gegenwärtigen Stand der Verhältnisse, mit denen wir zu rechnen haben. Es ist also für uns erst einmal ein mehr auf theoretischer Basis liegender Aufbau unseres handelspolitischen Denkens und der handelspolitischen Vorarbeiten erforderlich. Ich möchte hier nur auf die lebhafte handelspolitische Tätigkeit des letzten Jahres hinweisen, die sich um die Namen Genf und Havanna bewegt und die eine Zahl von Verträgen im Gefolge hat, die die Ziffer 100 bei weitem übersteigt.

Über all dies sind wir höchst lückenhaft unterrichtet. Die handelspolitischen Vorarbeiten müssen deshalb von uns, auch wenn es noch so drängt, mit einer Grundlagenforschung beginnen. Selbstverständlich sollen und dürfen darunter die Warenabkommen, die jetzt schon geschlossen werden, nicht leiden. Aber man soll nicht in den Fehler verfallen, diese Abkommen mit den klassischen Handelsverträgen der Vorkriegszeit zu vergleichen. Aufgabe der Grundlagenforschung ist es, festzustellen, wo wir stehen, das heißt was bei uns überhaupt noch an Produktionskapazität und -möglichkeit übriggeblieben ist, was wir für die Deckung des heimischen Bedarfes vordringlichst brauchen und was wir darüber hinaus an handelspolitisch verwertbaren Produkten abgeben können. Wir müssen uns darüber klar sein, um so mehr als wir ja zwangsweise in diesen Fragen bizonal denken müssen, daß hier Veränderungen ganz grundsätzlicher Natur eingetreten sind. Diese auf das genaueste zu ermitteln und die Bedürfnisse und Wünsche erst einmal über die Ländergrenzen hinaus innerhalb der Doppelzone auszugleichen, muß die erste Aufgabe sein, die wir als Vorarbeit zu leisten haben. Hieran anschließend sollte, bevor wir an das Ausland denken, die Frage des Interzonenverkehrs behandelt werden, das heißt die Frage: Was kann die französische Zone und auch die russische Zone uns im Austausch an Ergänzungsprodukten liefern, um unsere Erzeugungsmöglichkeiten zu komplettieren, unsere eigenen Konsumbedürfnisse zu befriedigen und uns gleichzeitig liefer- und exportfähig zu machen? Auch dieser Frage sollte die größte Beachtung geschenkt werden.

Hiernach kommen wir an die eigentlichen handelspolitischen Probleme heran, das heißt an die Frage, was wir an exportfähigen Waren für das Ausland selbst zur Verfügung haben. Es kommt hierbei, wie ja jeder mit Ausfuhrfragen Vertraute weiß, nicht nur auf deutsche Wünsche, sondern gleicherweise auf diejenigen des Auslandes an. Es scheint mir erforderlich zu sein, wenigstens einen generellen Überblick über solche Auslandswünsche zu beschaffen. Erst-ihre Kenntnis im Zusammenhang mit einem Überblick über Richtung und Inhalt der handelsvertraglichen Vereinbarungen, die die in Frage kommenden Länder in den letzten Jahren abgeschlossen haben, läßt uns die Bedarfslücken erkennen, die vielleicht im Ausland noch vorhanden sind und die wir mit deutschen Waren ausfüllen könnten.