In dem Nürnberger Prozeß gegen die Wilhelmstraße hat der amerikanische Anwalt Warren Magee eine Reihe Dokumente vorgelegt, die dazu dienen sollen, seinen Mandanten, den früheren Staatssekretär von Weizsäcker, zu entlasten. Zu den vorgelegten Dokumenten gehören auch Auszüge aus dem Tagebuch des früheren Völkerbundskommissars Carl Burckhardt. Sie schildern in sehr eindringlicher Weise, wie er selber, der Berliner Botschafter Italiens Attolico und der Staatssekretär von Weizsäcker sich bis zum äußersten bemüht haben, den Frieden zu bewahren und Schranken aufzubauen gegen Hitlers Raserei. Es sind europäische Gespräche, die den Inhalt dieser Tagebuchblätter bilden. Zwei von den beiden Partnern gehörten den Achsenmächten an, dir dritte war ein Neutraler. Ihr gemeinsames Interesse war, die Ideale des Abendlandes zu bewahren, für den Anspruch auf Recht und Freiheit des einzelnen zu kämpfen und die Katastrophe zu verhindern, nach deren Ausbruch, wie sie voraussahen, Europa zugrunde gehen mußte.

Alle drei waren Diplomaten von Beruf. Ernst von Weizsäcker, geboren 1882, ist der Sohn einer württembergischen Staatsmannes. Ursprünglich Marineoffizier und zuletzt Marine-Attaché im Haag, trat er 1920 in den Auswärtigen Dienst. Im Jahre 1933 wurde er deutscher Gesandter in der Schweiz und fünf Jahre später Staatssekretär im Auswärtigen Amt. Seit April 1943 war er Botschafter beim Vatikan in Rom.

Bernardo Attolico, geboren 1880, war ursprünglich Professor der Nationalökonomie; an der Pariser Friedenskonferenz 1919 nahm er als technischer Sachverständiger teil. Anschließend ging er nach Danzig als Hoher Kommissar des Völkerbundes, in dessen Diensten – zuletzt als Vizesekretär – er bis 1928 blieb. Dann wurde er nacheinander Botschafter in Rio de Janeiro, Moskau, Berlin und zuletzt – 1940 – beim Vatikan in Rom. Er starb im Jahre 1942.

Carl Burckhardt, geboren 1891, entstammt der bekannten Baseler Patrizierfamilie, dessen größter Sproß der berühmte Historiker Jakob Burckhardt war. Auch Carl Burckhardt ist Historiker, er war Professor an den Universitäten Zürich und Genf; sein bekanntestes Werk ist die Biographie des Kardinals Richelieu. Daneben aber hat er auch Anteil an der Außenpolitik der Schweiz genommen. Bereits 1918 war er der Schweizer Gesandtschaft in Wien zugeteilt. Im Jahre 1937 wurde er vom Völkerbund zum Hohen Kommissar für Danzig ernannt. Dieses Amt behielt er bei bis zur Eroberung der Freien Stadt durch deutsche Truppen im Jahre 1939. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz wählte ihn das Komitee des Internationalen Roten Kreuzes zu seinem Präsidenten. Von diesem Posten trat er 1948 zurück. Seit 1946 ist er Schweizer Gesandter in Paris.

Die Anklagevertreter im Nürnberger Prozeß haben gegen die Vorlage der Dokumente Einspruch erhoben, da Tagebuchaufzeichnungen nicht als juristisches Beweismaterial dienen könnten. Uns hingegen scheinen diese Blätter besonders wichtig, denn sie geben nicht nur ein Bild des Menschen Weizsäcker, seines tiefen Verantwortungsgefühls, das gleicher Art war wie das des Botschafters Attolico, sie zeigen auch in der Zusammenarbeit dieser Männer mit Carl Burckhardt, daß damals die Sehnsucht aller gutgesinnten Deutschen und Italiener zugleich die Sehnsucht aller guten Europäer war: den Frieden zu bewahren und das Recht wiederherzustellen. Dieses Ziel stellte Weizsäcker so hoch, daß er sogar bereit war, bis an die Grenze dessen zu gehen, was überhitzte Nationalisten ihm als Landesverrat vorwerfen dürften. Man wird die Tragik erkennen, die darin liegt, daß dieser Mann heute auf der Anklagebank des Nürnberger Gerichtes sitzt und sich gegen das von Dr. Kempner mit Hilfe des Zeugen Gaus zusammengetragene Material verteidigen muß. –

... Ich kannte ihn von der Zeit her, in welcher er in Basel deutscher Generalkonsul war, er hat mir immer Vertrauen geschenkt und sprach zu mir mit einer Offenheit, die mich bei diesem Deutschen erstaunte, dem einzigen, den ich getroffen habe, welcher ein Ideal, eine Überzeugung besaß und gleichzeitig den Wirklichkeitssinn intakt bewahrte, den man sonst nur bei heute fast ausgestorbenen. Engländern und häufiger noch bei Franzosen findet, den Wirklichkeitssinn, der die absolute Disziplin der Vorsicht, des genauen, immer aufs Ziel gerichteten Handelns erlaubt, innerhalb von übermächtigen Voraussetzungen, welche diesem Ziel in jeder Weise entgegenlaufen. Weizsäcker hat auch bestimmend auf meine Annahme des Danziger Postens hingewirkt. "Alle Männer guten Willens müssen alles tun, um diesen drohenden zweiten Weltkrieg zu verhindern", sagte er mir schon im Jahre 1936. Ich erwiderte damals: "Alle aktiven Elemente in beiden Lagern der Welt wollen ihn, arbeiten auf den Krieg hin, der im übrigen in Spanien schon begonnen hat und nicht wieder zum Verlöschen kommen wird."

"Es muß gelöscht werden", antwortete mir Weizsäcker, "kommt der allgemeine Krieg, so werden so furchtbare Verbrechen entfesselt, daß kein Sieg jemals wiedergutmachen kann, was dann geschehen wirdf-wir müssen Zeit gewinnen; dem muß alles andere untergeordnet werden, es nützt nichts, zu protestieren, dadurch bezieht man endgültig Posten in einem der beiden Lager, man ändert nichts im Guten, man verschärft nur; nein, hemmen, abbremsen, verhindern, aufhalten: und immer wieder Zeit gewinnen, damit die unheilvolle jetzige Konstellation vorüberzugehen vermag."