Von Werner Haftmann

Manchmal weiß man Dinge ganz genau, und doch vergißt man sie: man fährt fort, sie ganz genau zu wissen, aber doch hat man sie vergessen. Ich habe immer gewußt, daß Juan Gris einer der größten Maler der Moderne war, aber man kann auch das vergessen, wenn man von den 35 Jahren, die man hat, 15 durchs Leben gejagt wird und von diesen zehn Jahre hingingen, ohne wieder ein Bild von Juan Gris gesehen zu haben. Da ist nun jetzt auf den verschlungenen Wegen, auf denen man mit den Freunden in der Welt verkehrt, ein Buch angekommen, das eben in New York erschienen ist, ein herrliches Buch mit langem, schwerwiegendem Text und vielen Tafeln – ein Buch über Juan Gris. Es ist?-geschrieben von D. H. Kahnweiler, der als Kunsthändler Aufstieg und Ruhm den französischen Kubisten seit 1907 begleitet hat und dessen 1920 erschienenes Buch "Der Weg zum Kubismus" die erste bedeutende Erläuterung der geistigen Anstrengung der Kubisten war; herausgegeben ist es von Curt Valentin, der, von Flechtheim kommend, bis 1935 die Galerie Buchholz in Berlin leitete, dann emigrierte und jetzt in New York diese Galerie weiterführt. Ein Buch über Juan Gris! Da stehen die ganzen jungen Begeisterungen in der Erinnerung wieder auf, und man weiß wieder ganz genau, daß Juan Gris einer der größten Maler der Moderne war.

Unsere Begeisterungen werden wieder jung! Das heißt, man sieht ganz deutlich, daß alles um uns zu alt geworden ist! Juan Gris wäre, wenn er nicht 1927 gestorben wäre, jetzt erst 60 Jahre alt. Er wäre so alt also wie August Macke jetzt wäre; so alt wie Ewald Mataré, acht Jahre jünger als Klee. Es ist genau das gleiche: man hat immer gewußt, daß Macke, Klee und Mataré große Künstler sind, aber was sie sind und wie groß sie sind, tritt einem jetzt erst in voller Leuchtkraft ins Bewußtsein. Mit diesen Leuten muß man sich vor allem auseinandersetzen, wenn man seinen Standpunkt zu dem sich entwickelnden modernen bildnerischen Bewußtsein gewinnen – wenn man also nicht nur Historiker sein will! – Die Heiligen unserer zeitgenössischen Kunst, unsere expressionistischen deutschen Heiligen, sind zu alt geworden. Alles ist zu alt geworden, ohne Leidenschaften, unsere ganze deutsche Kultur ist zu alt geworden. Selbst, unsere jüngste Generation ist zu alt geworden. Wir müssen wieder jung werden, die Glorie des Lebens begreifen, auch in unserer Skepsis, auch in diesem verfluchten Hunger ... die Glorie des Lebens, der Arbeit, um der schönen Ideen willen! Deshalb muß man von Juan Gris reden, wenn einem die zeitgenössische Malerei, der Geist der Moderne, die Glorie der Moderne am Herzen liegt.

Juan Gris, der Spanier, kam als Neunzehnjähriger, 1906, nach Paris und geriet unverzüglich in den Kreis um Picasso, dem Braque zugehörte, Léger, Dérain, die Dichter Apollinaire und Max Jacob – die Alchimisten des Kubismus. In diesem Kreis ging es darum, aus einer neuen Sensibilität das gemalte Bild als selbständige geistige Konstruktion zu begreifen, die man aus den Dingen der sichtbaren Welt gewinnt. Ein analytisches Verfahren, das den in den Gegenständen angelegten konstruktiven Möglichkeiten nachging, um daraus einen neuen, strengen, selbständigen Formorganismus zu schaffen. Juan Gris aber kam erst gegen 1911 zum wirklichen Malen, als er die Notwendigkeit fühlte, ein inneres formales Erlebnis in einem plastischen Bilde sich selbst und anderen mitzuteilen. Dieses Erlebnis ist ursprünglich nichts als eine ästhetische Beunruhigung, die erst durch den Akt der künstlerischen Tätigkeit in die klare Anschaubarkeit des bildnerischen Bewußtseins gehoben wird. Das innere Bild ist nicht mehr als nur deutlich wahrgenommene Vision festgelegt, es realisiert sich ihm während der Arbeit mit den bildnerischen Mitteln als Architektur farbiger Formen auf einer Fläche. Das wäre also ‚abstrakte‘ Malerei mit dem Ziel aufs ,Unbekannte‘? – Keineswegs! Juan Gris als lateinischer Mensch – ein Spanier mit dem Geiste Frankreichs – kennt genau die doppelte Funktion eines Kunstwerkes, weiß also, daß es einmal! ein einzigartiges, neues, neuerschaffenes, selbständiges Ding zu sein hat, zum anderen aber ‚etwas bedeuten‘ muß. Er weiß also, daß es auch auf den Betrachter ankommt und daß dieser das Bild noch einmal erschaffen muß, indem er die im Bilde gegebenen gegenständlichen Zeichen mit einem gemeinten Objekt identifizieren muß, um – nachvollziehend – den ganzen Formorganismus zu begreifen. Kahnweiler stellt dies so dar: "Die Größe und Neuartigkeit von Gris’ Architektur besteht genau in der Tatsache, daß sie gleichzeitig geheimnisvoll mit den Erlebnissen des Malers verknüpft ist und doch geeignet, den Betrachter daran teilnehmen zu lassen, die Gegenstände wahrzunehmen, durch die sie verursacht wurden. Und so erfüllt sie die biologische Funktion der Malerei: nämlich die Wiedererschaffung des Menschen." – Juan Gris rechnet also mit dem Betrachter. Sehr sogar! Der Künstler muß seine Subjektivität objektivieren: Genau das ist die Behauptung Juan Gris’, daß es darauf ankomme, das bildnerische Erlebnis fester zu machen, indem man es objektiviert, es also mit den lesbaren Zeichen der Welt verbindet. Das ist die Synthese einer reinen bildnerischen Vorstellung mit den deutbaren und lesbaren Zeichen der Welt, die in der Tätigkeit des Malens einen neuen Gegenstand, das Bild der Schöpfung, hinzufügt, der aber selbst allein genug ist, um in der Schöpfung zu verbleiben.

Man könnte glauben, ich polemisierte gegen die deutsche ,abstrakte‘ Malerei; ich polemisiere aber nur gegen die durchschnittliche deutsche Schwarmgeisterei in Fragen der Kunst. Könnten wir uns auf unsere echten deutschen Denktraditionen besinnen, dann ließen sich die Vorstellungen von Juan Gris sogar noch erweitern und vertiefen. Als moderne Deutsche, die Goethe, aber auch Paul Klee hinter sich fühlen, würden wir sehen, daß der Platonismus des Juan Gris sehr lateinisch ist, nicht-goethisch, daß seine Bildarchitekturen in der alten Geschichte der Malerei in einem höchsten Sinne wie Formeln einer tradierten Mathematik sind, nicht also aus dem Gestaltprinzip der Natur entwickelt. Sie sind klassische Architektur in der kühlen Luft des reinen Geistes. Sie sind nicht aus der tiefen Erfühlung des Gestaltvorganges der Natur entstanden, wie es bei Paul Klee der Fall ist. Juan Gris gehört im großen Weltverstand der gleichen Denksubstanz zu wie Paul Valéry. Wenn wir Deutsche in der Malerei der Welt etwas zu sagen haben wollen, müssen wir unsere Schwarmgeisterei verlieren und zu klaren Denkformen kommen. In der bildenden Kunst scheinen mir diese bildnerischen Denkformen angelegt in Juan Gris und in Paul Klee. Juan Gris ist also nicht für unsere Geschichte wichtig – er ist für uns wichtig, für unser Leben, für den Kampf um uns. Seine Bilder sind nicht schön in der Geschichte, wie die Paula Modersohns oder Munchs oder Kokoschkas. Sie enthalten die Erregung unseres modernen Denkens selbst. Deshalb laßt sich behaupten, daß Juan Gris einer der wichtigsten Maler der Moderne ist, der Erregung wegen, die uns seine Methode der Weltgestaltung gibt.

Gedanken von Gris

Die folgenden Gedanken des Malers Juan Gris stammen aus einem Briefe an Carl Einstein, den dieser 1923 im ,Querschnitt’ veröffentlichte. – Paul Westheim druckte sie in den ‚Künstlerbekenntnissen‘ 1924 nach. In englischer Fassung erschienen sie 1947 als Vorwort zum Katalog einer Gris-Ausstellung, die C. Valentin in der Buchholz-Gallery in New York veranstaltete.