Was die Londoner Sechsmächtekonferenz so bedrückend gemacht hat, ist, daß Deutschauf ihr nur als Objekt vertreten war. Es ist viel von Europa die Rede gewesen innerhalb und außerhalb der Konferenzräume oder, besser gesagt, von Westeuropa, das aufgebaut werden müsse, und von Gefahren, die ihm aus dem Osten drohen. Die Grundfrage jedoch ist nicht geklärt, vielleicht nicht einmal gestellt worden: ob nämlich Deutschland zu Europa gehöre oder nicht, ob also die Gefahr aus dem Osten sich auch gegen Deutschland richte, oder ob sie von Deutschland ausgehe, oder ob Deutschland etwa ein Niemandsland sei, das zwischen Europa und der östlichen Gefahr liege.

Die Konferenz hat keine festen Beschlüsse gefaßt, sondern sich nur auf Empfehlungen mehr oder minder geeinigt, die von den einzelnen Regierungen angenommen oder abgelehnt werden können. So ist denn Zeit zu einer Atempause gegeben, zur Besinnung, und sie sollte genutzt werden – auch dann, wenn man aus früheren Erfahrungen zur Skepsis neigt – um doch noch einmal den Versuch zu machen, ein europäisches Gespräch zu führen über alle Grenzen hinweg, Grenzen der Länder, Grenzen der Vergangenheit, der Vorurteile und der Mißverständnisse, ein Gespräch, das in erster Linie zwischen uns und Frankreich geführt werden müßte, denn soviel ist durch die verschlossenen Türen der Konferenz gedrungen, daß man in der Welt weiß: es war französischer Widerstand, der die Londoner Verhandlungen zu Ergebnissen geführt hat, die für uns nicht ohne weiteres annehmbar sind.

Wenn wir sagen, ein europäisches Gespräch, so heißt dies, daß für uns das Gefühl, zu Europa zu gehören, natürlich und selbstverständlich ist. Europa ist heute bedroht, und als eine europäische Nation wollen wir das unsere tun, um diese Bedrohung abzuwehren. Daß unsere Aufgabe nicht sein kann, dies mit den Waffen in der Hand zu tun, ist offenbar. Wir sind entwaffnet und haben nicht den Wunsch, uns wieder zu bewaffnen und in einen Krieg hineingezogen zu werden. Wir glauben auch nicht; daß die unmittelbare, drängende und tödliche Gefahr für Europa militärischer Natur sei. Sie besteht nicht in einem jederzeit zu erwartenden Angriff schneller Tanks, sondern in einer täglichen, ja stündlichen Bedrohung der individuellen Freiheit, in der Herabwürdigung des Menschen zu einem Ausbeutungsobjekt, das nach menschlichen PS geschätzt und gemessen wird. Das ist der Angriff, der aus dem Osten droht und der schon sehr weit in alle europäischen Länder hinein vorgetragen ist. Unter dem Gesichtspunkt dieser Gefahr also, müßte unser europäisches Gespräch geführt werden, weil, sofern es fruchtbar sein soll, es etwas geben muß, das von beiden Partnern als gemeinsames Ziel ingesehen wird, als ein Ideal, das es zu verteidigen gilt. Und was anderes könnte dies sein als die sittliche. Freiheit des einzelnen Europäers?

Aber sehen wir das Problem Europa und seiner Bedrohung auf diese Weise, dann entfallen sogleich sehr viele Themen, die sonst das französisch-deutsche Gespräch zu beherrschen pflegen. Wenn wir ein gemeinsames Ziel haben, ist es nicht mehr nötig, unsere Politik von dem bestimmen zu lassen, was beide Länder in der Vergangenheit getrennt hat. Sie ist nicht schön, diese Vergangenheit der letzten 500 Jahre. Ruinen beiderseits der Grenzen, alte und neue, sind das einzig Bleibende, was die Politik unserer Länder zustande gebracht hat. Es ist nicht gut, hier ständig nach der Schuld zu fragen, denn die Antwort wird diesseits und jenseits der Grenze immer verschieden ausfallen. Es kommt für die Zukunft auch nur darauf an, daß man in beiden Ländern fest entschlossen ist, einen kriegerischen Streit nicht wieder entstehen zu lassen. Frankreich will hierfür Sicherheit, eine internationale Kontrolle über die Demilitarisierung der deutschen Industrie genügt ihm nicht. Das ist jedoch alles, was wir ihm zu bieten vermögen, was darüber hinausgeht an Garantien und Bündnissen, berührt nicht uns und kann daher aus unserem Gespräch herausbleiben. Wir können uns anderen Fragen zuwenden, die die Stellung der beiden Völker zueinander angehen.

Deutschland hat einen Krieg verloren, den es selber angefangen hat und der zu den größten, schwersten und grausamsten der Weltgeschichte gehört.Es hat bedingungslos kapitulieren müssen und hat heute, drei Jahre nach dieser Kapitulation, noch keinen Frieden. Dennoch hat man im Osten sowohl wie im Westen Teile seines Gebietes abgetrennt, was nicht nur dem Völkerrecht, sondern auch der Vernunft widerspricht, da solche Grenze Veränderungen, wie die Geschichte lehrt, der Bewahrung des Friedens nicht dienen. Darüber hinaus hat man aus den deutschen Ostgebieten und einer Reihe anderer Länder wie der Tschechoslowakei, Ungarn, Jugoslawien die Deutschen vertrieben und in die engen Grenzen des heutigen Vierzonengebietes hineingepreßt. Millionen Flüchtlinge haben heute noch keine Beschäftigung und kein menschenwürdiges Unterkommen gefunden. Sie sitzen nutzlos auf dem Lande herum, denn in den kümmerlichen Resten der deutschen Städte ist kein Platz für sie.

Wie diese übergroße Bevölkerung, die auf viel zu kleinem Raum zusammengedrängt lebt, erfährt werden soll, das ist die wesentliche ökonomische Frage, der Deutschland sich gegenübersteht. Wir sind gezwungen, in hohem Maße Lebensmittel zu importieren; um sie bezahlen zu können, müssen wir sehr viel mehr ausführen als vor dem Kriege, und um dies zu ermöglichen, müßte unsere Produktion – entsprechend gesteigert werden. Dies ist die eine Möglichkeit; die andere ist, daß uns jene Ostgebiete zurückgegeben werden, die heute unter polnischer und russischer (Verwaltung stehen.

Was die politische Situation angeht, so sieht es so aus, daß Deutschland in vier Zonen geteilt ist, die von vier verschiedenen Militärregierungen verwaltet werden, deren Politik ebensowenig übereinstimmt wie die Politik ihrer Länder. Immerhin besteht ein gewisser Zusammenhalt zwischen den drei Westmächten, was sich besonders in Berlin zeigt, da, wo Europa gegen jene Macht sichtbar verteidigt wird, die die sittliche Freiheit des einzelnen Menschen bewußt und schonungslos zu vernichten trachtet. Daß auch Frankreich sich hierbei gemeinsam mit England und den Vereinigten Staaten so verhält, wie es seiner besten europäischen Tradition entspricht, erkennen wir dankbar an. Der Kontrollrat, die gemeinsame Regierung aller vier Besatzungsmächte, besteht nur noch dem Namen nach; eine deutsche Regierung gibt es nicht, nur eine Reihe ziemlich unselbständiger Landesregierungen, von denen jede das tut, was ihre Besatzungsmacht von ihr erwartet. Daß dies kein Ruhmesblatt für uns ist, wissen wir. Doch darf man nicht vergessen, daß sich die Deutschen in doppelter Weise bedrängt und unterlegen fühlen: sie sehen sich immer noch dem Haß der Welt gegenüber und sind abhängig von der Gebelaune der Sieger.