Von Hellmut Holthaus Einige Kettenkarussells, russische Schaukeln, Vorrichtungen zum Zersägen von Damen und andere Jahrmarktsattribute sind durch den Krieg gekommen; und wenn es besser wird mit der Ernährung, wird eines Tages auch die dicke Elvira ihre sechs Zentner wieder beieinander haben. Nur einer hat die Zeiten nicht überstanden: der Bänkelsänger. Nach dem ersten Weltkrieg konnte man-ihm hier und da noch begegnen, wie er seine Orgel drehte und mit brüchiger Stimme dazu sang, während sein tragisch blickendes Weib, auf jenem Bänkchen stehend, dem der Beruf seinen Namen verdankte, die Spitze des Zeigestocks auf die abgebildeten Erdbeben, Vergiftungen, Mordtaten, Liebestragödien, Feuersbrünste, Galgen und Pulverexplosionen richtete, die alles erdenkliche Ungemach in das irdische Jammertal hinausschrien. Aber schon damals hatte er "Augen, hohl vom bittern Mangel, abgezehrte, blasse Mienen, die den Tod zu rufen schienen"; und nach dem zweiten Weltkrieg ist es nun ganz aus mit ihm. All die fürchterlichen Todesarten, die er besang und von denen Liebeskummer die humanste war, blieben ihm erspart; ganz still hat er sich aus einer Welt gemacht, die die Schüsse aus seinen Räuberpistolen nur noch als das Kralherr von Kinderpistolen wahrnahm, weil sie die Sensationen inzwischen en gros bezog. An Altersschwäche ist er gestorben; im dunkeln Grabe, das einst ein so bedeutendes Requisit seiner Moritaten war, ruht er nun selbst, und niemand denkt daran, es mit Veilchen und Vergißmeinnicht zu schmücken. Er ist das Opfer eines größeren Schicksals geworden, als seine Groschendrucke je eines verkündeten: des Massenschicksals.

Nun liegt er unten bei den Bedauernswerten, die sein Lied in der Blüte der Jahre, in die Grube fahren hieß, zur Seite des Ritters Ewald, der im Kloster starb, nachdem sein treues Ida ihm im Tode voraufgegangen war, und traulich nahe bei jenem Mädchen in den besten Jahren, das einst im stillen Tränen vergoß, weil es fühlte, daß es Mutter sei. Und daß es keinen Kopf hat, weil dieser von den Eisenbahnschienen in den Sand gerollt war, wird ihn gewiß am wenigsten stören. So ist er endlich da angelangt, wohin er seiner ganzen Vorliebe nach gehörte. Damit aber aus dem Bänkelhades, in dem hier einer herumrührt, nicht der Fluch der aufgescheuchten Seelen emporwalle, möge der gefühlvolle Vers aus Bänkelsängers Leier sie besänftigen:

"Weint mit mir, ihr Nächtlein still und Haine,

zürnet nicht, ihr Schädel, kalten Beine,

ach, daß ich euch aus eurer Ruhe störe,

ach, daß ich: euch aus eurer Ruhe störe!"

Nicht frivol soll ja die Ruhestörung geschehen, sondern mit dem mildesten Ernst, den der Vertreter des Beerdigungsinstitutes "Pietät" nur immer zeigen konnte. Und so sei denn verstattet zu fragen, ob es schade um das Verstummen des Moritatensängers ist. Während die Melodie der Räuberbraut, die schon wie Milch und Blut an einem Wasserfalle saß, so daß sie den Räuber selber dauerte, in unseren Ohren klingt, erinnern wir uns, daß keiner es verstand wie er, ganz treuherzig und ohne parodierende Absicht,-die Qualen liebeskranker Mädchen darzustellen: