Von Kurt Gelsner

Ein zauberhaft schönes Stadtbild breitet sich vor den Augen aus, als der Meister die Fenster der kleinen, von Koffern, Taschen und Mappen angefüllten Werkstatt öffnet. Morgennebel bedeckt die Häuser und Straßen Stuttgarts wie eine Verpackung aus weicher, weißer Watte. Wo die Bauten zwischen Rebenhängen und Bauminseln die Berge hinaufklettern, lichtet sich der Dunst zu einem zarten Gespinst, der unversehens in den blauen, wolkenlosen Frühhimmel übergeht.

"Mit dem Nebel da drunt", sagt der Meister und legt die vorgeschnittenen Lederteile zurecht, um sie zu einer rehbraunen Aktentasche zusammenzusetzen, "mit dem Nebel ischt es wie mit dem schöne Gebabbel von unserm Export. Wenn beide net wäre, könnte mer allzu leicht die Schäden sehe, die mer davong’trage habe. Wie in der Stadt drunt ischt auch bei uns viel in Scherbe gange, ’s fehlt hinte und ’s fehlt vorn. Da bleibt uns nix anderes, übrig als fleißig schaffe, und einen Stein wieder auf den anderen setze. Bei den Häusern drunt und bei uns drobe in der Werkstatt. Mit dem Nebel und dem schönen Gebabbel sieht alles schon ganz schö freundlich aus. Aber was beidemale dorhintersteckt, ischt dees hart" Schaffe – ohne viel Lohn und ohne viel Dank."

Hartes Schaffen – das ist von jeher ein Wesenszug der württembergischen Schwaben gewesen. Mit ihm haben sie, alle Krisen überstanden und alle Rückschläge gemeistert. Im Vertrauen auf dieses Schaffen haben sie auch vor drei Jahren mit dem Aufbau begonnen. Aus kleinsten Ansätzen entwickelten sie eine bescheidene Produktion, und mit den ebenso bescheidenen Ergebnissen der Produktion dachten sie an die Wiederherstellung ihres Exports. Das war ein Wagnis. Denn da der württembergische Export sich in der Hauptsache auf Fertigwaren stützt, trat zu dem Problem der Herstellung die Sorge um Rohstoffe und Halbzeug. Aber sie wichen dem Wagnis nicht aus.

Allerdings haben das Stuttgarter Wirtschaftsministerium und das Außenhandelskontor auch die Konsequenzen aus der Ausstellungs-Parole vom brotschaffenden Export gezogen. Sie haben die Ausfuhrindustrien in jeder ihnen möglichen Weise begünstigt. Aus einem vom Verwaltungsamt für Wirtschaft schon in Minden genehmigten Sonderkontingent verteilten sie gewisse Materialmengen, die sich bis auf die Verpackung erstrecken, sie verteilten Kohle, und sie gaben den Exportfirmen ausreichende Mengen von elektrischem Strom. Um jede ungerechte Starrheit auszuschalten, haben sie den Verteilerschlüssel von Monat zu Monat geändert. Nach diesem Schema werden die Hilfsmittel nicht eher zugeteilt, als bis die Auslandsabschlüsse vorliegen und bis feststeht, welche Mengen tatsächlich gebraucht werden.

Aber bei allem Anreiz und allem Entgegenkommen wäre die steigende Exportleistung nicht möglich gewesen, wenn die Exportindustrien Württemberg-Badens nicht vom Krieg in ungewöhnlichem Maße verschont geblieben wären. Von einigen Ballungen abgesehen, die denn auch stärker in Mitleidenschaft gezogen wurden, verstreut sich die Produktion in mittleren, kleinen und kleinsten Betrieben über das ganze Land. Ein nicht geringer Teil der Werkstätten steht in Kleinstädten und Dörfern. Das hat nicht nur ihre Anfälligkeit während des Krieges vermindert, sondern auch ihre Krisenfestigkeit ganz allgemein erhöht.

Im Kreis der Fertigungsstätten fehlt durch den Zonenschnitt nur Reutlingen. Alle anderen mit ihren weltweit bekannten Namen stehen dem jungen Nachkriegsexport zur Verfügung: Heilbronn, Schwäbisch-Gmünd, das Neckartal von Cannstatt bis Plochingen, Göppingen, Geislingen, Ulm, Pforzheim, Nürtingen und die Landeshauptstadt selbst mit einer ungewöhnlich dichten Streuung von Fabrikationszweigen aller – Gattungen. Die badischen Landesteile haben der Exportkapazität einen wertvollen Zuwachs gebracht: Mannheim, Karlsruhe und Heidelberg sind in Wettbewerb mit den württembergischen Fabriken und Werkstätten getreten.