Esist eine Grundregel jeglichen Außenhandels,daß er nur in Zusammenarbeit mit einer Schiffahrt unter eigener Flagge florieren kann. Auch von einem wirklich frei beweglichen deutschen Außenhandel wird erst dann wieder gesprochen werden können, wenn eine eigene Handelsflotte zur Verfügung steht, um einen Teil der Einfuhrlieferungen und der Exportgüter zu bewegen.

Im Augenblick ist Deutschland unter den Kontrollratsbestimmungen nur eine Küstenschiffahrt gestattet. Die hierfür verfügbare Flotte ist einmalig in ihrem ehrwürdigen Alter. Ihr Senior mit dem vielversprechenden Namen "Pionier" kann in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag feiern. Dieses Schifflein von 418 BRT, das fast in die Anfänge der Dampfschiffahrt zurückreicht, hat weitere Dampfer von ähnlich biblischem Alter zur Seite. Das Durchschnittsalter der deutschen Küstenflotte beträgt 40 Jahre. Die Handelsflotte anderer Länder weist demgegenüber ein Durchschnittsalter von 10 bis 15 Jahren auf. Normalerweisewird die Lebensdauer eines Schiffes auf 20 Jahre geschätzt. Selbst die griechischen Trampschiffe der Vorkriegszeit waren selten mehr als 30 Jahre alt.

Mit 115 000 BRT erreicht die deutsche Küstenflotte. noch nicht die vom Kontrollrat erlaubte Höchstgrenze von rund 136 000 BRT. Bisher ist jedoch weder für die Modernisierung der vorhandenen Tonnage noch für die Erreichung dieser Höchstgrenze ein Neubauprogramm entwickelt worden, das in Schiffahrtskreisen als lange überfällig betrachtet wird.

Auch die weitere Hoffnung, ausländische Schiffe für den Dienst mit deutschen Besatzungen chartern zu dürfen, ist noch immer nicht Wirklichkeit geworden. Der frühere amerikanische Präsident Hoover hatte nach seinem Deutschlandbesuch im Frühjahr 1947 die Charterung von 75 Liberty-Schiffen durch Deutschland wärmstens befürwortet. Doch sein Vorschlag ist wohl in irgendeinem Kongreßausschuß hängengeblieben, und es liegen weiterhin mehrere hundert Liberty- und Victory-Schiffe in amerikanischen Häfen auf, während es Deutschland (und anderen Marshall-Plan-Ländern) an Tonnage fehlt, um die Hilfslieferungen aus Übersee unter eigener Flagge, d. h. unter Einsparung von beträchtlichen Devisenkosten, transportieren zu können. Die Frachten betragen noch immer ein Mehrfaches der Vorkriegsraten.

Jede Tonne Getreide, die aus Übersee nach Deutschland verschifft wird, erfordert Frachtkosten von 80 sh, und das Schwedenerz, das jetzt für die Versorgung der deutschen Stahlindustrie im Umfang von 1,5 Mill. t geliefert werden soll, verursacht Frachtkosten, die genau so hoch sind wie der Preis des Schwedenerzes. Für manche Erztransporte, vor allem aus Mittelschweden, können vielleicht deutsche Küstenschiffe und Motorsegler eingesetzt werden.

Die Einzelcharterung von ausländischen Schiffen ist allerdings seit Anfang Mai genehmigt worden. Dies ist eine kleine Vergünstigung, da die Einschaltung deutscher Makler und die Berücksichtigung deutscher Gesichtspunkte bei der Wahl der Häfen nicht nur manchen Dollar sparen, sondern auch zur direkten Wahrung deutscher Interessen beitragen kann. Aber ausländische Tonnage im ganzen gesehen dieses-hin knapp, und derartige Einzelcharterungen können nur ein Tropfen auf den heißen Stein der deutschen Schiffahrtsnöte sein.

Eine andere Konzession, die der deutschen Schiffahrt vor einigen Monaten gemacht wurde, ist sicherlich begrüßenswert: Die in der Kontrollratsanweisung Nr. 37 festgelegte Berechtigung zur Küstenschiffahrt in einem 2000-Meilen-Radius ist nunmehr endlich in die Tat umgesetzt worden. Die deutsche Küstenflotte darf zwischen Finnland und Brest operieren; sie darf auch von anderen Ländern in diesem Bereich gechartert werden. Doch auch hier taucht das Gespenst auf, das gegenwärtig überall den deutschen Export behindert: die Dollarklausel. Zwar können Frachten für deutsche Schiffe in jeder Währung festgesetzt werden. Aber auch diese Frachtzahlungen fallen unter die Verrechnung, die mit den einzelnen europäischen Ländern vereinbart worden ist. Damit unterliegen sie auch der "Gefahr", daß bei der Vierteljahresabrechnung der Verrechnungsspitzen eine Dollarzahlung notwendig werden kann. Dieser Gefahr versuchen – die Nachbarn Deutschlands immer mehr auszuweichen.