Jeder Tag, der unsere lockeren Verbindungen mit dem Ausland festigt, läßt uns deutlich erkennen, in Ausland Umfang sich in den acht Jahren unserer Isolierung die industrielle Struktur der Welt verwandelt hat. Der Ausfall deutscher Lieferungen und die Störungen des Welthandels ließen viele Länder neue Bezugsquellen suchen oder die Produktion selbst aufnehmen. Rüstung und Krieg gaben den Anstoß zum Ausbau vorhandener oder zur Errichtung neuer Industrien. Vergessen wir nicht, daß auch Deutschland in manchen von ihm besetzten Gebieten durch Auftrags Verlagerung und technische Anleitung den Boden für neue oder erweitere Tätigkeit bereitete. Nach Beendigung der Feindseligkeiten galt es, die Rüstungskapazitäten auf eine Friedensfertigung umzustellen! der Wecker verdrängte den Uhrwerkszünder, das Brillenglas den Feldstecher. Die Großmächte waren angesichts der andauernden internationalen Spannung bemüht, ihre rüstungswichtigen Kapazitäten nicht verfallen zu lassen, sondern sie, notfalls mit staatlichen Subventionen, zu erhalten. An wenigen Beispielen läßt sich dies Kapitel struktureller Veränderung der Weltwirtschaft so deutlich verfolgen wie auf dem Gebiet der Feinmechanik und Optik. Der Umschwung fällt hier um so mehr ins Auge, als Deutschland auf diesem Gebiet einst den halben Welthandel bestritt.

Die überseeischen Rohstoffländer bemühen sich, von der Einfuhr industrieller Erzeugnisse unabhängig zu werden. Manch ein Vertriebsvertreter europäischer oder nordamerikanischer Häuser hat den Sprung zum Fabrikanten gewagt. Daß ein Land wie Indien, das bereits eine optische Industrie besaß, diese im Lauf des letzten Jahrzehnts ausgebaut hat und heute mit der Schweiz über Lizenzen und Maschinen für die Fabrikation von Uhren und Präzisionsinstrumenten verhandelt, ist keine Überraschung. Aber auch in Australien ist während des Krieges die Herstellung einfacher optischer Erzeugnisse aufgenommen worden; man beschäftigt sich sogar mit der Herstellung von Mikroskopen und plant Investitionen für die Fabrikation von medizinischen Instrumenten und Uhren. Daß die Sowjetunion, zuletzt mit Hilfe deutscher Demontagen, eine erhebliche Expansion ihrer Industrie vorgenommen hat, braucht kaum gesagt zu werden. Darüber hinaus sucht sie ihre Satelliten zu industrialisieren, damit sie nicht durch ihren agrarischen Charakter immer wieder zu einer Anlehnung an den industriellen Westen verleitet werden. Daß die Tschechoslowakei auf Grund ihrer industriellen Tradition, wenn auch behindert durch die industriellen sudetendeutscher Facharbeiter, Produktion und Export auch auf neue Fertigungsgebiete ausdehnt, versteht sich. Aber auch Polen, vor allem mit den von ihm verwalteten deutschen Gebieten, will seine Produktion 1948 gegenüber, dem Vorjahr verdoppeln. Sogar in Ungarn ist die Herstellung von Weckern aufgenommen worden; in Jugoslawien sollen Kinomaschinen und medizinische Instrumente hergestellt werden. Mit größerer Aussicht auf Erfolg suchen: die Niederlande eine optische und photo-technische Industrie aufzubauen. Auch in Skandinavien sind, in bescheidenerem Umfang, solche Versuche zu beobachten.

Eine Präzisionsfertigung stellt an die natürliche Veranlagung und an die Erfahrung von Ingenieuren und Vorarbeitern besondere Anforderungen. Schon dadurch werden jenen Bemühungen gewisse Grenzen gezogen – bedenken wir, daß selbst in Deutschland der Arbeiterstamm für feinmechanisch-optische Qualitätsarbeit auf bestimmte Standorte wie Jena, Wetzlar, Braunschweig oder Göttingen konzentriert ist. So wird manche neue Produktion, wenn der internationale Wettbewerb wieder in vollem Umfang einsetzt, sich weder kostenmäßig noch qualitativ halten können – wenn man sie nicht durch Einfuhrbeschränkungen oder Schutzzölle abzuschirmen sucht. Manche einfachere Fertigung aber, vor allem von Konsumartikeln, mag bestehen bleiben. Mehr noch als früher werden die Exportländer das Schwergewicht ihrer Anstrengungen auf Investitionsgüter, auf rationelle Fertigung und qualitative Überlegenheit verlegen müssen. –

Den Autarkietendenzen jener Länder wird auf die Dauer wohl weniger Bedeutung beizumessen sein als der Produktionserweiterung und den Exportanstrengungen der Staaten, die schon früher eine feinmechanisch-optische Industrie besaßen und zum Teil schon früher am Welthandel teilnahmen. Überall vernimmt man den ausdrücklichen Wunsch, das Erbe der deutschen Vormachtstellung anzutreten. Die Schweiz vor allem, begünstigt durch ihre ausgezeichnete Facharbeiterschaft, hat nicht nur auf ihren traditionellen Gebieten, vor allem der Uhrenindustrie, einen ungeahnten boom erlebt; sie hat sich auch auf neue Bereiche begeben, die Herstellung von Hochvakuumpumpen, von Mikroskopen aufgenommen; auch in der Geodäsie macht sie besondere Anstrengungen. Auch Frankreich trägt ich mit Expansionsgedanken: die Uhrenindustrie wird ausgebaut; die Kapitalerhöhung von Japy läßt weitere Pläne erkennen. Der Export von Brillengläsern ist, ohne daß der Inlandsbedarf schon gedeckt wäre, aufgenommen worden. Die talienische Industrie hat aus der Kriegspartnerschaft manchen Vorteil gezogen. Ihr Export wird heute durch die Lireinflation. begünstigt. Man hofft auf private amerikanische Kredite. Industrie und Ausfuhr Japans werden von der amerikanischen Besatzungsmacht seit geraumer Zeit planmäßig gefördert. Daß die außerordentliche Kapazitätserweiterung der nordamerikanischen Industrie während des Krieges sich auch auf die feinmechanisch-optische Industrie erstreckt, braucht kaum besonders hervorgehoben zu werden. Der Eastman-Kodak-Konzern allein zählt mehr Beschäftigte als die ganze feinmechanisch-optische Industrie der Bizone.

In besonderem Maße aber gilt, dies alles für Großbritannien. England ist durch den Verlust seiner Auslandsanlagen nicht nur gezwungen, die Ausfuhr weit über den Vorkriegsstand zu steigern, sondern vor allem auch, sie soweit wie nur möglich von der Rohstoff ausfuhr auf die Fertigwarenausfuhr umzustellen. Wie man die Ausfuhr von Rohstoffen, wie der Kohle, auf Deutschland abzuwälzen sucht, so möchte man andererseits das deutsche Geschäft mit lohnintensiven Fertigwaren übernehmen. Der feinmechanisch-optische Sektor ist hierfür besonders geeignet. Mit Hilfe staatlicher Subventionen wird in Wales eine Uhrenindustrie ausgebaut. Die Geschäftsberichte der Smith-Gruppe (Uhren und Nautik), der technischen Produktionseinheiten des Rankkonzerns, von Courtaulds und anderen Unternehmungen lassen weitgehende Investitionspläne erkennen. Der Export hat sich 1947 (wenn man 80 v. H. Preissteigerung ausschaltet) dem Volumen nach gegenüber 1938 verdoppelt; er lag im Juli 1947 wertmäßig fast um das Vierfache über dem Monatsdurchschnitt 1938. Auf einzelnen Gebieten, wie z. B. dem der Kinematographie, hat sich die Ausfuhr gegenüber dem Vorkriegsstand verachtfacht.

In welcher Situation befindet sich demgegenüber die deutsche Industrie? Die Loslösung der Ostzone und die Abschnürung. Berlins, Kriegsschaden und Demontagen, vor allem in der sowjetischen und in der französischen Zone, haben ihre Kapazität um mehr als die Hälfte vermindert. Trotzdem werden im vereinigten Wirtschaftsgebiet noch Demontagen Vorgenommen, selbst von Betrieben, die sowohl unter dem Gesichtspunkt der Volksgesundheit wie dem der Ausfuhr als unentbehrlich bezeichnet werden Ausfuhr Die Beschlagnahme der deutschen Auslandspatente und die systematische Erfassung und Auswertung deutscher Forschung und Fabrikationserfahrung hat den geistigen Vorsprung unserer Industrie zerschlagen; heute wird sie durch die Verweigerung voller Gleichberechtigung auf dem Gebiet des Urheberrechts auf dem Vorkriegsstand festgehalten. Obwohl Produktion und Export, durch tausend Schwierigkeiten behindert, weit unter dem alten Niveau liegen, löst der geringste Exportabschluß Proteste ausländischer Industrieverbände und Vorstellungen ausländischer Ministerien bei den Besatzungsbehörden aus; man bildet Aktionsausschüsse und Kampffonds gegen die deutsche Konkurrenz – wir können nur hoffen, daß die Besatzungsbehörden willens und stark genug sein werden, diesem Druck standzuhalten; es ist dies eine der Fragen, die ein Besatzungsstatut notwendig machen und erst durch den Friedensvertrag endgültig gelöst werden können.

Onno Oncken