So etwas kommt vor. Was geschehen soll, gegeschieht." Das war die lakonische Äußerung eines Philosophen zu einem Ereignis, das sein Lebenswerk gefährdet. – Es war der einzige Kommentar des 78jährigen Feldmarschalls Jan Christian Smuts zu dem Ausgang der südafrikanischen Wahlen, die seiner Partei die Mehrheit im Parlament kosteten, obwohl sie die meisten Wähler hinter sich hatte. Mit 524 230 Stimmen mußte sich die United Party auf weniger Stühle im "House of Assembly" beschränken, als die Nationalisten mit 401 824 Stimmen. Das britische Wahlverfahren, das die Union in Einmannwahlkreise aufteilt, in denen die relative Mehrheit eines Kandidaten genügt, ermöglichte diesen Sieg der bisherigen Opposition, deren neue Abgeordnete sich fast nur aus Kandidaten der dünnbesiedelten Landbezirke zusammensetzen. Smuts selbst verlor zum ersten Male seit 24 Jahren seinen Sitz in Standerton an einen Nationalisten.

Der Regierungswechsel, der den innenpolitischen Streit um die Eingeborenenfrage zu Ungunsten der Farbigen entschied, dürfte ebenso schwere außenpolitische Folgen haben. Kolonialafrika könnte in einem neuen Krieg die Hauptverteidigungs- und Angriffsbasis der demokratischen Mächte werden, zumal es für die Atomkriegführung weit weniger verwundbar als Europa ist. So nannte die Bevölkerung selber die Abstimmung: Die ersten "Atomwahlen" der Welt. Denn über die Haltung Smuts’ in einem eventuellen Konflikt bestanden keinerlei Zweifel; es ist jedoch fraglich, ob die Nationalisten, die bereits in beiden Weltkriegen für die Neutralität des Landes stimmten, sich in das anglo-amerikanische Verteidigungssystem einfügen lassen wollen. Ihr mit der Kabinettsbildung beauftragter Führer, Dr. Malan, ist zwar ein konsequenter Kommunistengegner, der aber auch in anderen Situationen eine radikale Haltung einzunehmen versteht. So erklärte dieser ehemalige Prediger der Niederländisch-Reformierten Kirche, als sich die UNO mit dem Neger- und Inderproblem befaßte: "Die Vereinten Nationen sind zu einer Gefahr geworden".

All diese Dinge aber sind es nicht, die den Anhängern des Empire-Gedankens einen so tiefen Schock einjagten, daß bereits wenige Stunden nach Bekanntwerden der Niederlage Smuts‘ die Kurse der südafrikanischen Aktien in London um mehrere Millionen Pfund stürzten. Wird sich die südafrikanische Union unter Führung der Nationalisten zur Republik erklären oder nicht, das ist die Frage. Zwar rechnen auch diplomatische Kreise der britischen Hauptstadt mit einer Lockerung der Beziehungen; sie verweisen jedoch gleichzeitig auf eine Erklärung Dr. Malans, daß er die Entscheidung über Südafrikas Austritt aus dem Commonwealth nicht den Abgeordneten überassen, sondern bestenfalls. einem Volksentscheid vorbehalten werde. Die schwache! Position der Nationalisten im Parlament macht diese Haltung verständlich. Eine praktische Mehrheit von nur vier Stimmen, wie sie die neue Regierungskoaliion aus Nationalisten und Afrikanern aufweisen, wird. zwingt selbst die radikalsten Republikaner, kurzzutreten. Ja, man glaubt in Kapstadt sogar, daß die zu erwartenden Schwierigkeiten das Kabinett veranlassen könnten, schon in wenigen Monaten neue Wahlen, auszuschreiben. Ob diese dann, wie viele hoffen, die Wiederkehr des greisen Burengenerals bringen werden, ist allerdings sehr ungewiß. Politische Tragödien, lassen sich nur selten revidieren. Es scheint vielmehr, als ob das schwerwiegende Fazit der südafrikanischen Wahlen endgültig bestehen bleiben sollte: England verlor einen großen Freund – die Welt aber einen weisen Staatsmann. C, J.