Von Paul Fechter

Das Fieber und die katarrhalischen Symptome, die sich aus der merkwürdigen existentialistischen Nachkriegsinfektion bei uns ergeben haben, scheinen jetzt ihren Höhepunkt erreicht oder- vielleicht schon überschritten zu haben. Jürgen Fehlings und Gründgens’ Inszenierung der "Fliegen" Jean-Paul Sartres im Berliner Hebbeltheater und in Düsseldorf haben auf den Patienten wie eine kräftige Spritze gewirkt: die Menschen waren von neuem der/seltsamen Suggestion dieses französischen Absuds aus deutschen Gewächsen, man möchte sagen, wie die Fliegen wiegen, Sie strömten in die Aufführungen, die auf Wochen hinaus im voraus ausverkauft waren, und deren Eintrittskarten, wenn anders das Gerücht die Wahrheit melden sollte, wie Speck und Kaffee im Schwarzhandel bis zu Preisen von 500 RM für den. Parkettplatz gehandelt wurden; sie stürzten sich in abenteuerliche Streitgespräche mit dem Autor und kämpften mit ihm, als gelte es Auseinandersetzungen zwischen SED und CDU oder Diskussionen um die Erhöhung der Lebensmittelrationen. Das spricht dafür, daß die Krise da ist und daß allmählich möglich werden wird, von der Oberfläche her, an der sich jetzt die Unterhaltungen wesentlich abspielen, bis dahin vorzustoßen, wo die Probleme und nicht nur die Diskussionsstoffe liegen. Dann wird vielleicht auch das’seltsam hektische Interesse von heute einem wirklich geistigen Anteil weichen und der existentialistische Komplex unserer Tage einen Analytiker finden, unter dessen Händen er sich in seiner Einseitigkeit und etwas vorphilosophischen Bescheidung bei Vorzimmerproblemen enthüllen wird.

Zeiten nach Kriegen pflegen bei uns-Deutschen immer nach irgendeiner philosophischen Durchleuchtung der gestörten Ordnungen zu greifen: Nach 1807 wurde Fichte, nach 1815 Hegel der Führer im Wirrwarr; 1870 kamen Schopenhauer und Eduard von Hartmann an die Reihe; nach 1918 wurden Einstein und seine Relativitätstheorie aktuell. Kennzeichnend ist immer die Tatsache, daß das plötzliche Interesse ein bis zwei Dezennien hinter der eigentlichen Aktualität einherzieht: die Zeit hält bereits bei ganz anderen geistigen Fragen, wenn eine größere Allgemeinheit sich auf einmal der vorhergehenden zu bemächtigen anfängt. So war es bei Hegel, bei – Schopenhauer, bei Einstein; so war es vor allem bei der späten Blüte, die der Existentialismus nach 1945 erlebte, nachdem er schon einmal kurz nach dem Ausbruch des Dritten Reiches drauf und dran war, Modesache zu werden. Damals galt der plötzliche Anteil Heidegger und dem deutschen Existentialismus; jetzt, wie das nach verlorenen Kriegen bei uns zu geschehen pflegt, hat das Interesse des Publikums sich auf die französische Fassung der philosophischen Entwicklung gestürzt, aus dem – guten Instinkt, daß sie erheblich leichter auffaßbar und weniger anstrengend zu handhaben ist als die deutsche Urform, während sie auf der anderen Seite den zeitgemäßen Faktor, auf dem ein gut Teil der gesamten Wirkung beruht, ebenso herausstellt wie die meisten Existentialisten seit Kierkegaard.

Der aktuelle Erfolg der Existenzphilosophie beruht nämlich offenbar auf diesem Kierkegaardanteil, das heißt auf ihrer Ableitung von dem grundlegenden menschlichen Daseinsgefühl, dem Erlebnis der Angst, wie es sich aus dem Zusammenstoß allen Seins mit seiner ewigen Antithese, dem Nichts, ergibt. Die Angst ist in Europa heute das verbreitetste, allgemeinste Lebensgefühl: sie ist die grundlegende Erfahrung von alt und jung, groß und klein, wenn sie bei den meisten auch vielleicht durch Zusammenstöße mit gröberen Realitäten als dem schweigenden Dunkel des Nichts entstanden ist. Der Däne Kierkegaard, der mit der Zahl seiner Pseudonyme selbst Tucholsky mit seinen vier PS weit hinter sich ließ und schon in diesem Sichverbergen noch vor oder hinter sich selber die romantisch-neurasthenischen Grundlagen seines Denkens nur zu deutlich enthüllte, hat vor hundert Jahren das europäische Weltbild zuerst mit diesem Ingrediens, geimpft: Schicksal und Geschichte haben der Angst seitdem eine Allgemeingültigkeit gegeben, wie sie keine andere Lebensstimmung jemals besessen hat. Vor allem unsere deutsche Welt lebt nicht erst seit dem Kriege und seit der Katastrophe von 1945 wesentlich aus diesem Gefühl der Angst zwischen Gestapo und Bombennächten war es ebenfalls bereits schwer, zu anderen Lebensgrundlagen vorzudringen, und es war kein Wunder, daß eine Lehre, die von so allbekannten, jedem vertrauten Voraussetzungen ausging, gegenüber jeder anderen Weltbetrachtung einen kaum auszugleichenden Vorsprung: haben mußte. Kam sie dann noch, wie der Existentialismus Sartres, in dem (die Deutschen immer anheimelnden) Gewande einer Sprache von jenseits der Grenze, so war der Erfolg um so mehr entschieden, als diese Lehre nicht an den Grenzen des Philosophischen haltmachte, sondern bis in die – Welt des Religiösen vorstieß, in der sich heute mehr denn je vor allem die innerdeutschen Unterhaltungen bewegen.

Sieht man aber einmal, abgelöst von der allgemeinen Zeitsuggestion, näher zu, so ergibt sich fast von selbst eine Frage, die dem ganzen populären Existentialismus von heute ein anderes Gesicht und ein anderes Gewicht gibt; die Frage nämlich: ist denn diese heute so volkstümlich gewordene Angst die einzige "Stimmung", von der aus der Mensch zum Erlebnis seiner Existenz in der Welt kommt? Martin Heidegger selbst hat einmal festgestellt, daß wir ontologisch grundsätzlich, die primäre Entdeckung der Welt der bloßen Stimmung überlassen müßten; er hat die Angst heroisch auch zur Grundlage und Voraussetzung für die gehobenen Stimmungen des Lebens zu machen gesucht; er hat damit aber gleichzeitig gezeigt, daß in der Angst allein der Mensch nur eine Seite der Welt berührt, und daß den gehobenen Stimmungen, den Gefühlen der Lust, des Glücks, des Ja zum Leben zum mindesten ein sehr wesentlicher – Teil der menschlichen Existenz ebenfalls untersteht. Der Gießener Philosoph Otto Friedrich Bollnow hat 1943 im Krieg bei Vittorio Klostermann in Frankfurt M. ein kluges feines Buch "Das Wesen der Stimmungen", veröffentlicht, in dem er mit aller Vorsicht und allem schuldigen Respekt vor Heideggers Leistung die Möglichkeit nicht nur, sondern eigentlich schon die Notwendigkeit erörtert, der Existenz und dem Existenzgefühl einmal nicht nur von der Angst, sondern ebenso von der Gegenseite her beizukommen. In den Anmerkungen zu diesem Buch zitiert er ein Wort von Binswangen "Der vollsinnige Mensch gehört beiden Welten an". Hinter Bollnows eigenen Ausführungen steht im Hintergrund aller Daseinsanalytik die gleiche Einsicht. Er versagt sich ihre betonte und betonende Diskussion, gibt ihre Notwendigkeit eigentlich nur in einer anderen Anmerkung seiner philosophischen Anthropologie zu: die Tatsache aber bleibt bestehen, daß hier ein Mann, die zuletzt negative und ins Negative führende Einseitigkeit des existentialistischen Ausgehens allein von den gedrückten Stimmungen das heißt also von der Angst erkannt und festgestellt hat. Er ist nicht der einzige; der im Krieg gefallene, scharfsinnig kluge Arzt Hans Lipps (den Bollnow ebenfalls des öfteren zitiert), stand vor der gleichen Einsicht. Sie liegt im Grinde in der Luft, drängt sich vor allem angesichts des seltsam moralisch eingeengten Nihilismus auf, den Sartre als Existentialismus vertritt. Er hat in seinem trocken abstrakten Atheismus weiig mehr mit dem ursprünglichen deutschen ... Existentialismus und Heideggers männlicher Haltung gegen Angst und Verzweiflung gemein, die an Julius Bahnsens souveränen Kampf gegen den Pessimismus seiner eigenen Realdialektik und für den Humor erinnert: gerade darum aber scheint es notwendig, einmal aufzuzeigen, wieviel weiter das ganze, das wirklich existentialistische Problem reicht, und wieviel umfassender die Perspektiven bereits sind, welche die deutsche Ausgestaltung dieses Problems eröffnet hat.

Man braucht den Tiefgang der augenblicklichen Konjunktur für die Sartresche Abwandlung der Thesen Jaspers’ und Heideggers nicht zu überschätzen, Obwohl: die Vordergrundbehandlung religiöser Probleme auch in den "Fliegen" ihr gende bei den Jüngeren eine verstärkte Resonanz geschaffen hat. Es wäre aber an der Zeit, einmal an den Unterschied zwischen Literatur und Philosophie zu erinnern, und dazu ist ein Buch wie das von Otto Friedrich Bollnow ausgezeichnet geeignet, weil sein Verfasser selbst nicht nur ein Philosoph, sondern ein sehr kultivierter Kenner gerade auch der französischen Literatur ist. Das Kapitel über Heidegger und Marcel Proust mit seinen Erörterungen des Zeitbegriffs und des Zeitgefühls auf der Suche nach der verlorenen Zeit ist für die vielen, die heute von der Literatur aus dem mißvergnügten Existentialismus Sartres verfallen sind, eine vorzügliche Brücke zu dem, was von der heutigen Situation aus als das Wesentliche des Bollnowschen Buches erscheint – nämlich zu der Erkenntnis, daß zur vollsinnigen Existenz des Menschen ein Dasein aus dem Ganzen der Welt und nicht nur aus dem begrenzten Angstsektor gehört, der heute mit geradezu totalitären Ansprüchen seine Fliegenschwärme über die deutsche Welt zu breiten sucht.