Im August 1941 befand ich mich mit Edouard de Haller auf Rotkreuzmission in Berlin, es handelte sich um die Kriegsgefangenen und um die Ravitaillierung Griechenlands. Bei dieser Gelegenheit bestellte Weizsäcker mich für 12.30 Uhr ins Auswärtige Amt und schlug mir dann vor, über Mittag, einen Spaziergang im Tiergarten zu machen. Während einer Stunde auf den schmalen, in dieser Tageszeit einsamen Wegen sprach er zu mir: "Die Amerikaner müßten unbedingt erfahren, wie es bei uns im Innern steht, was für große Kräfte des inneren Widerstandes es in Deutschland gibt gegen diese Gangsterbande, welche die Macht in Händen hat und uns und die Welt einem Unheil entgegentreibt, das sich in seinem Ausmaß nur schwer vorstellen läßt. Furchtbare Verbrechen werden jetzt während des Krieges durch die Monomanie eines einzigen Narren begangen, täglich geschehen Dinge, von denen auch wir, die wir innerhalb dieses infernalen Kreises stehen, nichts Genaues wissen, täglich gehen Unschuldige zugrunde, und Unschuldige werden einst die furchtbare Schuld begleichen müssen. Es muß etwas geschehen, wir sind die Letzten hier im Innern, die täglich unsichtbar, getarnt noch unzählige Dinge verhindern können, aber bald bricht es auch uns, können wir nicht mehr aushalten."

Er schien mir zum ersten Male der Verzweiflung nahe zu sein, aber wie immer sprach er gefaßt, kühl und verhalten. "Können Sie", so fragte er, "nicht mit den Amerikanern reden in der Schweiz, besser als wir von hier aus? Wenn ein Lichtblick, eine Hoffnung auf Vermittlung vorhanden wäre, würde man hier mit der Verbrecherclique fertig, aber man muß uns helfen, wie man es schon vor Kriegsausbruch hätte tun sollen. Solche Regimes, wie dieses aus unserer Inflation entstandene, kann man nur mit Hilfe von außen beseitigen. Politischer Mord fällt schließlich immer auf die Mörder zurück, all das, was gewisse Kreise bei uns jetzt suchen, widerstrebt mir im Innersten. Hitler müßte zu einer Abdikation durch vernünftige Bedingungen der Feinde gezwungen werden, vorerst abgeschoben über irgendeine rein dekorative Funktion, irgendwie beseitigt werden; eine vernünftige Regierung, an welcher die Sozialdemokratie einen starken Anteil hätte, müßte aufgestellt werden." Auf meine skeptische Zwischenfrage hin: "Ist das nicht unmöglich?": "Nein, das ist nicht unmöglich, wenn man die Slogans aufgeben würde, ja nicht immer leere, keiner Wirklichkeit entsprechende Slogans wie Junker, Militaristen und derartiges anwenden will. Die Deutschen sind ein außenpolitisch in eigentümlicher Weise unerfahrenes und wohl auch besonders unbegabtes Volk; in der Not verschreiben sie sich leicht dem Teufel, zornig und ungeduldig, wie sie sind, die Verzweiflung hat sie in dieses unselige Abenteuer hineingetrieben, nur wenn man ihnen eine Hoffnung gibt, können sie wieder herauskommen.

Ich erwähnte dann im Verlauf, des Gesprächs, daß jetzt nach dem Hitlerschen Angriff auf Rußland die ganze Welt deutlich sehe, was er, Weizsäcker, uns immer gesagt habe, nämlich, daß Deutschland diesen Krieg verlieren müsse und daß, weil jeder bei einem in Aussicht stehenden Sieg dabei sein wolle, die Zahl der Gegner im Laufe der nächsten zehn Monate lawinenartig anwachsen werde. – "An Vermittlung", sagte ich, "durch eine der beiden Westmächte hätte man nur denken können, wenn Hitler 1940 nach der Schlacht in Frankreich das französische Territorium, seiner mehrfach ausgesprochenen Garantie entsprechend, Elsaß und Lothringen evakuiert und Frieden angeboten, die Grenzen von 1914 verlangt und das Einstellen der Rassenverfolgungen garantiert hätte. Jetzt ist es viel zu spät!"

Weizsäcker blieb stehen und sagte leise: "Und wenn Mitteleuropa zerschlagen wird, dann ist es für die andern auch zu spät, warum soll man Deutschland mit den schlechten Regierungen identifizieren, die es im Laufe seiner Flegeljahre, ich möchte sagen, erlitten hat. Es ist doch etwas ganz anderes vorhanden, etwas Großes, ja Bewundernswertes in diesem Volk, daran soll man sich halten, und das soll man zu retten versuchen. Dafür, um das womöglich hinüberzuretten, stehe ich selbst da, dafür halte ich aus."

Auch mit Weizsäcker sprach ich einmal über diese Frage. Er sagte mir: "Gibt es Krieg, so wird auf diesem Gebiet Furchtbares geschehen. Warum machen die westlichen Mächte nicht eine konsequente Politik, um die liberalen Kräfte, die in Deutschland noch so stark vertreten sind, zu fördern und zu Versammeln; auch sollten sie den nun einmal vorhandenen nationalen und vielfach konservativen Tendenzen des deutschen Liberalismus Rechnung tragen. Aber nachdem man dem Deutschland der Hindenburg, Stresemann, Brüning alles verweigerte, sogar die Zollunion mit Österreich, und jetzt vor der Gewaltanwendung ständig nachgibt, hat derjenige Teil Deutschlands, welcher noch an einer europäischen Ethik festhält, wenig Aussicht, gegen die Gewalthaber aufzukommen.

Diese Nationalsozialisten sind eine bunt gemischte Gesellschaft, im Grunde ist noch viel alter Individualismus und Liberalismus dabei. Heute sind die meisten erschreckt, möchten die Abenteuer vermeiden. Wenn man mit den Angelsachsen in ein Verhältnis kommen könnte, welches leidenschaftslos, sachlich und für Deutschlands Zukunft etwas hoffnungsvoller wäre, würden die Doktrinäre unter den Nazis, die Extremen rapid viel Wind aus den Segeln verlieren. Nur um alles in der Welt den Krieg vermeiden. Hitlers Antisemitismus ist ein pathologischer, monomaner Zug dieses Mannes. Von der Partei aus gesehen aber war der Antisemitismus im Beginn ein demagogisches Propagandamittel, das appellierte an die schlechtesten Instinke, es nützte gewisse Voraussetzungen aus, die am Ende der zwanziger Jahre bestimmt vorhanden waren. Heute sind alle negativen Gefühle der Deutschen, gegen die Juden abreagiert, es gibt ja gerade zwischen diesen beiden Völkern auf jedem höheren geistigen Gebiet so viele Bindungen. Nun denken Sie an Krieg und Ausnahmezustand, da muß das Regime, um diesen Tendenzen der Entspannung jede Entwicklung abzuschneiden, das Unwiederbringliche schaffen, das Volk mitverantwortlich machen durch nicht wiedergutzumachende Taten."

Dieses Gespräch fand, im November 1938 statt.