Die diesjährige Internationale Mailänder Messe war die erste große Wirtschaftsschau des Auslandes, auf der deutsche Firmen nach der Kapitulation wieder vertreten waren. Als Senator Gasparotto die Messe feierlich eröffnete, wies er auf diesen Tatbestand besonders hin: Zwei neue Ereignisse beanspruchten die besondere Aufmerksamkeit, nämlich die Teilnahme asiatischer Länder an der "Fiera" und die Beteiligung der Völker, mit denen Italien gestern noch in Kriege lag, Deutschland, Österreich, Jugoslawien: "In noch offene Kriegswunden wird so der Samen der Versöhnung gesät in der Hoffnung, den Baum der menschlichen Solidarität bald blühen zu sehen."

Das sind großherzige Worte, und die deutschen Aussteller in Mailand werden im Umgang mit ihren italienischen Geschäftsfreunden gemerkt haben, daß sie mehr als nur eine höfliche Geste waren. Gerade was Deutschland betrifft, haben führende italienische Politiker schon sehr früh und immer wieder darauf hingewiesen, daß ohne entsprechende deutsche Einschaltung das ganze wirtschaftliche Wiederaufbauprogramm Europas ein Torso bleiben muß. Die Welt kann weder auf die Produktionskraft noch auf die Konsumpotenz eines Volkes wie des deutschen im Herzen Europas verzichten.

Was den deutsch-italienischen Wirtschaftsverkehr anbelangt, so gibt es kaum zwei Länder, die wirtschaftlich so gut aufeinander abgestimmt sind. Dem rohstoffarmen, aber fleißigen, begabten und von der Natur in mancher Hinsicht bevorzugten Italien steht das an Kohle und Stahl vermögende, intelligente und arbeitsame Deutschland gegenüber. Vor dem Kriege kaufte Italien rund 30 v. H. seiner gesamten Auslandsbezüge in Deutschland und lieferte nach dort ein Fünftel seiner Exporte! Sowohl als Kunde als auch als Lieferant lag Deutschland in der italienischen Außenhandelsbilanz 1938 weitaus an der Spitze. Im letzten Jahre war es dagegen bei der italienischen Einfuhr mit nur wenig über 1 v. H. auf den 19. Platz abgerutscht, bei der Ausfuhr mit knapp 1 v. H. auf den 20.

Die Hauptschwierigkeit einer Intensivierung des deutsch-italienischen. Güteraustausches liegt heute besonders darin, daß Deutschland generell nur gegen Dollar verkaufen darf, die auch in Italien scharf "rationiert" und knapp sind, dann aber auch in der Tatsache, daß die Besatzungsbehörden bisher zur Einfuhr nach Deutschland nur solche Waren zuließen, die als sogenannte "first priority"-Güter (kalorienreiche Lebensmittel und Rohstoffe) von Italien nur in geringem Umfange geliefert werden können Kompensationen, wie sie sich als Notbehelf der Nachkriegszeit zum Beispiel im Außenhandel Schweiz-Italien durchaus bewährt haben, sind im Verkehr mit Deutschland noch nicht zugelassen.

In diese Mauern, die Italien und Deutschland heute wirtschaftlich noch voneinander trennen, hat der kürzlich in Rom abgeschlossene Lieferungsvertrag über 10 Mill. Dollar für Südfrüchte und Gemüse die erste Bresche geschlagen. Er wurde von italienischer Seite um so lebhafter begrüßt, als gerade für die Obst- und Gemüseproduktion der Halbinsel, die einen sehr hohen Anteil des nationalen Einkommens ausmacht, der deutsche Markt eine Lebensnotwendigkeit ist. Über 60 v. H. dieser Ausfuhr gingen in normalen Zeiten in die deutschen Markthallen und Geschäfte! In Deutschland gibt es ein Sprichwort: Die erste Schwalbe bringt noch keinen Sommer. Das gilt auch für dieses 10-Millionen-Geschäft. Es ist erst ein Anfang, und um einen vielleicht auch auf deutscher Seite vorhandenen allzu großen Optimismus wegen einer schnellen und kräftigen Beebung des deutsch-italienischen Handels zu bremsen, ist es notwendig, auf einige Entwicklungen anzuweisen, die das Bild der italienischen Wirtschaft heute gegenüber der Vorkriegszeit entscheidend gewandelt haben.

Die italienische Industrie ist zwar im Kriege, gemessen an den Verlusten der deutschen, mit einem "blauen Auge" davongekommen, steht: heute aber dennoch in einer schlimmen Krise. Ihre entscheidenden Daten sind: starke Auslandskonkurrenz, überhöhte Kosten, ein bürokratischer Verwaltungsapparat, weit über 1 Million Arbeitsose, noch unzureichender Wirkungsgrad der naschinellen und vor allem menschlichen Arbeitseistung. Die zu hohen Produktionskosten sind eine Folge der stark gestiegenen Soziallasten und der iberhöhten Löhne, die ihrerseits wieder Frucht der Inflation sind. Während der Kriegsjahre sind Geldumlauf und Produktion in ein immer schäreres Mißverhältnis hineingeraten. Der Staat brauchte Geld und kurbelte die Notenpresse an. 1938 betrug der Geldumlauf 22 Mrd. Lire, 1945 bereits 390 Mrd. Da der staatliche Geldbedarf auch nach der Kapitulation unverändert hoch blieb, schnellten die Zahlen in den folgenden Jahren noch weiter in die Höhe; 1946 wurden 513 Mrd. ausgewiesen und 1947 fast 800 Mrd. Innerhalb von noch nicht einmal zehn Jahren war der Geldumlauf um das 36fache gestiegen.

Natürlich machten die Preise das Rennen mit. Sie sind heute fast alle über 50mal höher als vor dem Kriege. Auch die Löhne schlossen sich dem Reigen an, zuerst noch langsam, dann, nach dem Zusammenbruch, unter dem Druck der Gewerkschaften immer schneller, bis sie Ende vorigen Jahres den im Kriege erlittenen Kaufkraftverlust im großen und ganzen nicht nur wieder aufgeholt hatten, sondern realiter zum Teil kaufkräftiger waren als in der Vorkriegszeit. Außerdem erhöhten sich die sozialen Lasten der Betriebe erheblich.