Von Walter Henkels

"Ach, Klio, da kam sie, die erbleichende Stunde.

Das lautlos würgende Zwielicht gebt in ihr um."

Ernst Glaeser, der Autor des "Jahrgang 1902", lange Jahre Heidelberger, sagt diese Worte in einem Bühnenstück zur Jahrhundertfeiei der deutschen Revolution 1848, das unlängst in Heidelberg uraufgeführt wurde. Dies Vort, möchte man meinen, ist der Umriß für die jetzige Atmosphäre dieser Stadt. Abermals und abermals sehen wir das heilgebliebene S:adtwesen, das Beängstigende und Verwirrende seiner unzerstörten Fassade, das Groteske seines heilen Panoramas. Und abermals sieht man sich auf einen LKW gepfercht, POW der US-Army; drei Jahre liegt es nun zurück, und wir fuhren durch die Stadt, und schon damals war es klar: das lautlos würgende Zwielicht ging in dieser Stadt um, trotz unzerstörter, heiler Fassade. Heidelberg war nicht mehr Heidelberg.

Heidelberg war einmal, vor allem auch im Ausland, der Magnet unter den deutschen Hochschulen. Die etwas oberflächliche und altersschwache "Heidelberger Romantik" trug zwar auch ihr Teil dazu bei – Kleinstadtidyll und Weltoffenheit, gepaart mit den landschaftlichen Vorzügen schufen einen einzigartigen Reiz – aber das akademische Milieu wurde doch wesentlich bestimmt durch die Leistungen der Wissenschaft, der Lehre – und der Forschung. Die unmittelbare Art schließlich, in der sich in Heckelberg das bürgerliche und akademische Leber ergänzten, besaß einen echten geistigen Umriß.

Die studentischen Verbindungen prägten weit über den ersten Weltkrieg hinaus das Bild des akademischen Lebens, ja, der Stadt überhaupt. Sie waren Träger einer Vielfalt von Strömungen. 1919 ergäben die Studentenwahlen eine Mehrheit der politischen Linken; die aber schnell zerbröckelte. Parteipolitik war bald verpönt. Abgesehen von der sozialistischen Studentenschaft sympathisierte man mit dem vaterländischen Romantizismus und Nationalismus. Die Corps, die sich etwas auf, ihre parteipolitische Neutralität zugute taten, und denen dennoch Abhängigkeit von der Deutschnationalen Partei nachgesagt wurde, rühmten sich nichtsdestoweniger gelegentlich öffentlich, daß der eine Liebknecht aus ihren Reihen hervorgegangen sei. Tonangebend und 1; entschieden einflußreiher waren die Burschenschaften, die trotz der Identität der schwarz-rot-goldenen Couleur Sorge trugen, sich von der Weimarer Republik ,abzusetzen". Doch gewannen Minister Diemen, Höpker-Aschoff und Rudolf Breitscheid die aus den Burschenschaften hervorgegangen waren, eine Zeitlang Einfluß auf den Wartburgkongressen.

1929 begann, auch, hier das Debakel. Die Hitler-"Bewegung" zog ihre Kreise. Die Meinungen, platzten heftig aufeinander, die Universität hatte fix ihre Skandale. Die Affäre des pazifistischen. Professors Gumbel wurde aus einem Hochschulkrach zu einem politischen Fall. Es war ein, nazistischer Triumph ersten Ranges, als 1930 die weltberühmte Universitätsstadt Heidelberg mit dem Ehrentitel "nationalsozialistische Hochschule" ausgezeichnet wurde. Dabei waren die Gegenkräfte weder schüchtern nach unbegabt. Die linksgerichteten Kreise waren immer noch stark. Die Rektoren und der Senat verteidigten mit Würde, aber mit einer weiterlichen Schüchternheit die Zitadelle des lebendigen Geistes... Scheel, nachdem die Geschlossenheit der Korporationen gesprengt war, wurde Führer des unumschränkt herrschenden Studentenbundes; Schirach, hinausgeschmissener Corpsstudent, ließ seine HJ gegen die "Reaktionäre" los, und ihm sekundierte der ehemalige Freistudent Joseph Goebbels, der einstens in Heidelberg zu Hüten des jüdischen Literaturprofessors Gundolf gesessen.