Als Anfang Dezember vorigen Jahres fünf deutsche Industrielle, Vertreter der Konsumgütererzeugung, unter ihnen der Seidenfabrikant Kurt Engländer aus Krefeld, nach einem Aufenthalt von fünf Wochen aus den USA zurückkehrten, brachten sie wertvolle Kenntnisse über de Lage in Übersee mit, und es ist kennzeichnend, daß solch ein früher geradezu selbstverständlicher Geschäftstrip über den Atlantik zu einer (übrigens recht ansprechenden und flüssig geschriebenen) Broschüre Veranlassung gab (Kurt Engländer: USA 1947, Gisbert-Hennessen-Verlag, Düsseldorf-Oberkassel). Seiden- und Kunstseidenerzeugnisse gingen vor dem Kriege zu etwa 75 v. H. an europäische Abnehmer; heute ist als wesentlicher Kunde auf dem Kontinent eigentlich nur noch Belgien verblieben. In der Schweiz ist die österreichische Textilindustrie als Lieferant stark vertreten, so daß dies Land im österreichischen Außenhandel die erste Stelle einnimmt. Frankreich und Italien suchen selber möglichst viel zu exportieren. In England hat die Kunstseidenindustrie die Aufgabe, 50 v. H. des ihr zugeteilten Materials für den Export zu verwenden. Die USA’ die vor dem Kriege 4 v. H. ihrer textilen Produktion exportierten, führten im vergangenen Jahr 13,5 v. H. davon aus. Für ihren Import können sie unter den Angeboten der ganzen Welt wählen, und jedes Land unternimmt größte Anstrengungen, um mit ihnen Geschäfte abzuschließen.

Aber gleichwohl: Geht man die an verschiedenen Stellen erreichbaren Export-Impcrt-Anfragen durch, so spielen da deutsche Textilerzeugnisse eine erstaunlich große Rolle. Dabei läßt sich die Frage, was in erster Linie verlangt wird, ebensowenig wie die Frage nach den Aussichten des Textilexports "allgemein" beantworten. Während auf der einen Seite devisenknappe Länder Einfuhrgenehmigungen nur für unbedingt lebenswichtige Erzeugnisse erteilen, bei Textilien also Stapelartikel und haltbare Gebrauchsware, die für den Bedarf breiter Kreise in Betracht kommt, können zum Beispiel in den USA fast nur Spezialartikel und Spitzenerzeugnisse auf Absatz rechnen, zumal im wesentlichen auch nur bei diesen die uns eingeräumten Vorzugszölle und die seit November vorigen Jahres für verschiedene Artikel ermäßigten Zollsätze ausgenutzt werden: Spezia1erzeugnisse, soweit sie nicht unter den Begriff des Luxusbedarfs fallen, werden natürlich auch in anderen Ländern gefragt sein. Unter den Spezialerzeugnissen seien zum Beispiel Lindener und Krefelder Samt, Krawatteif-, Futter- und Schirmstoffe genannt, daneben aber auch Spezialitäten für gewerbliche Zwecke, wie Buchbinderzeugstoffe, Wachstuch, bestimmte Filze, Schnüre, Treibriemen, Stoffbüchsenpackungen, Gewebe aus Asbest usw.

Wo jedoch im einzelnen die Lücken sind, in die das deutsche Angebot hineinstoßen könnte, wird nie von hier aus und weder durch die JEIA, noch durch schriftlichen Verkehr, sondern nur durch einen ständigen engen Konnex, hergestellt durch eigene Auslandsvertreter, durch eingehendes Studium der Märkte, der Kundenkreise, der Bedürfnisse, der Konsumenten und durch eine regelmäßige Weiterführung dieser Studien auf der Grundlage entsprechender Verkaufstätigkeit, vor allem nur durch individuellen Export festzustellen sein. Die JEIA-Anweisung Nr. 16 sollte wohl einen Ansatzpunkt in dieser Richtung dadurch schaffen, daß eine Provisionszahlung an Auslandsvertreter deutscher Firmen zugelassen wurde. Aber, so erklärt man dazu in Industriekreisen, in ihrer jetzigen Gestalt erschwert oder verhindert die Verordnung den systematischen Aufbau eines geeigneten Netzes von Auslandsvertretern, und zwar auch in diesem Falle wieder einmal durch bürokratische Fesseln und Hemmungen, die natürlich dort doppelt abschreckend wirken müssen, wo ohnehin im Augenblick keine überragenden Geschäftsmöglichkeiten winken und außerdem die Aussichten für die Zukunft ungewiß sind.

In den USA regiert (um auf die Broschüre von Engländer zurückzukommen) ein Begriff das wirtschaftliche Denken: Die Arbeitsstunde und ihr Effekt – und ein Wort steht hinter der emsigen Tätigkeit aller: incentive, Antrieb, Anreiz. Es spornt zur Hergabe des ganzen Wollens und Könnens an. Alles, was hemmend wirken könnte oder unproduktiv ist, wird abgelehnt; Bürokratie und Reglementierungen werden verdammt. Sie steigern weder die Kaufkraft noch den Effekt der Arbeitsstunde. Man verdient nichts damit. Wenn geplant wird, dann nur in der Wirtschaft und in den Betrieben selbst, um Kosten und Arbeitsgänge zu sparen. – Warum sieht man diesen Schlüssel aber nur drüben als passend für die Tür an, die zum Erfolge führt? -oe-