Über den Handelshemmnissen hüben und drüben, die dem deutschen Export im Wege stehen, darf ein anderes brennendes Problem nicht vergessen werden, das für den Wiederaufbau der deutschen Ausfuhr einschneidend und sehr langfristig wirksam sein wird: die strukturellen Veränderungen, die sich auf den früheren Absatzmärkten seit 1939 ergeben haben. Diese Veränderungen tragen ein doppeltes Gesicht. In vielen Ländern hat sich, teils im Gefolge der durch den Krieg ausgelösten oder beschleunigten Industrialisierung, eine eigene bodenständige Produktion entwickelt. In den heute von uns veröffentlichten Beiträgen von Fachleuten findet sich wiederholt die Bemerkung, daß der Vertreter deutscher Firmen in Übersee die Unterbrechung der Lieferung aus Deutschland dazu benutzt hat, den Sprung vom Vertreter zum Fabrikanten zu wagen. Und selbstverständlich ist die neue bodenständige Produktion nicht auf diesen Personenkreis beschränkt. Außerdem haben sich neue Export Produzenten vor allem aber nicht nur in USA auf getan, deren Lieferungen an die Stelle der deutschen Erzeugnisse getreten sind. Dabei ist es naturgemäß keineswegs bei den Erzeugnissen vom Stande des Jahres 1939 geblieben. Der technische Fortschritt, das andersartige technische Denken vor allem in Nordamerika und, bei Verbrauchsgütern, die modischen Wandlungen wirken zusammen in der veränderten strukturellen Lage, der sich der deutsche Exporteur heute gegenübersieht. Man braucht nur deran zu erinnern, daß die Ausfuhr der USA an Medikamenten sich im letzten Jahrzehnt um ein Mehrfaches erhöht hat, man braucht nur das instruktive Beispiel der Reismüllerei-Maschinen zu studieren, das unser Mitarbeiter als typisch für die Exportlage der deutschen Maschinenindustrie herausschält, man braucht nur an die Vielzahl und Vielseitigkeit der im Kriege in zahlreichen Ländern entstandenen Rüstungsspezialwerke zu erinnern, die jetzt, häufig mit dem offiziell gesteckten Ziel der Kapazitätserhaltung, nach neuen Produktionsaufgaben für den Friedensbedarf suchen. All dies verlangt vom deutschen Produzenten und Exporteur nicht ein entsagendes Hände-in-den-Schoß-legen, wohl aber ein aufmerksames Auge und ein Gedenken daran, daß früher der Leistungsvorsprung eine der stärksten Stützen des deutschen Exports war. Heute ist die Mahnung zur Leistung, zur Qualität und zum Fortschritt für den neuen deutschen Export ebenso wichtig wie die Forderung etwa nach einer deutschen Ausfuhrregie oder nach angemessenen Handelsvereinbarungen an Stelle der lähmenden Dollarklausel.

Von Hans Leitner (Düsseldorf)

Ein vor dem Krieg sehr bekanntes und viel benutztes Bezugsquellenverzeichnis des deutschen Maschinenbaues nannte etwa 4000 Maschinenarten, deren Fertigung in Deutschland vertreten war und die für den Export in Betracht kamen. Dabei ist außer acht gelassen, daß jede einzelne Maschinenart wiederum in verschiedensten Ausführungen und Abmessungen gebaut wird. Berücksichtigt man diese weitergehende Unterteilung, so dürfte das frühere Exportprogramm der deutschen Maschinenindustrie etwa 40 000 bis 50 000 Maschinenarten umfaßt haben. Diese Zahl läßt erkennen, wie verschwindend klein der Produktionsausschnitt ist, den eine Maschinenmesse, mag sie auch noch so großzügig angelegt sein, darzubieten vermag.

In allen großen Maschinenbauländern hat sich das Maschinenexportgeschäft in erster Linie aus Fabrikationen heraus entwickelt, die an weit gespannten Aufgaben und Ansprüchen des Binnenmarktes besonders erprobt waren. Doch gab es gerade in Deutschland unter den exportorientierten Maschinenfabriken auch eine große Anzahl von Firmen, deren Erzeugnisse ausschließlich oder überwiegend auf speziellen Auslandsbedarf abgestellt waren, für die also der Binnenmarkt entweder überhaupt keine oder doch nur sehr geringe und für eine rationelle Fertigung unzureichende Absatzmöglichkeiten bot In vielen Fällen handelte es sich hierbei um Anlagen und Maschinen für die Aufbereitung agrarischer Rohstoffe und Lebensmittel, wie z. B. für Kaffee, Tee, Baumwolle, Palmfrüchte, Sisal, Rohgummi, oder um landwirtschaftliche Spezialmaschinen. Auch auf dem Gebiet der Verpackungsmaschinen sind viele Sonderkonstruktionen für das Ausland entwickelt worden. In der Zeit vor dem ersten Weltkrieg gab es in den für den Absatz solcher Maschinen in Frage kommenden Ländern meistens noch keine eigene Maschinenproduktion oder jedenfalls keine Konkurrenz in diesen Sparten. Die anderen großen Maschinenexportländer hielten sich bei solchen Spezialmaschinen im Wettbewerb zurück, da mit dieser Art von Exportproduktion in Anbetracht der weiten Streuung des Bedarfs immerhin ein erhebliches Risiko verbunden war und die auf solchen Gebieten alteingeführten deutschen Firmen in fertigungstechnischer und wettbewerbsmäßiger Hinsicht einen natürlichen Vorsprung besaßen.

Wie sehr sich indessen die Absatzlage für solche Spezialerzeugnisse bereits in Auswirkung des ersten Weltkrieges gewandelt hatte und in welchem Maße – nach mühsamem Wiederaufbau dieses Geschäftszweiges in den nachfolgenden zwanzig Friedensjahren – frühere der Vorzugsstellungen im Maschinenexport durch die zweite kriegsbedingte Unterbrechung des deutschen Außenhandels zum Einsturz gebracht wurden, dafür bietet das Beispiel der Reismüllerei-Maschinen mancherlei typische Züge. Vor dem ersten Weltkrieg bezogen fast alle größeren Reiskonsumländer die zur Ausrüstung moderner Reismühlen erforderlichen Maschinen oder jedenfalls die größeren Aggregate ganz überwiegend aus Deutschland. Die deutsche Lieferfirma X, aus deren Perspektive der nachstehende Bericht gegeben wird, unterhielt zahlreiche eigene Niederlassungen im Ausland, so z. B. in New York, Bombay, Kalkutta, Rangun, Bangkok, Saigon. In den USA, Japan, Brasilien und Italien waren damals gewisse Ansätze zu einer eigenen Herstellung von Reismüllerei-Maschinen vorhanden. Gemessen an der Gesamtversorgung konnte freilich von einem ernsthaften Wettbewerb mit den deutschen Lieferfirmen keine Rede sein. Als jedoch im ersten Weltkrieg die Verbindungen nach Deutschland für viele Jahre unterbrochene waren, ergab es sich zwangsläufig, daß aus diesen Ansätzen heraus eine größere Eigenfertigung geschaffen wurde, die im Endergebnis den Verlust dieser Märkte bedeutete.

Immerhin blieb die neu herangewachsene Maschinenproduktion in den vorbezeichneten Ländern auf die Versorgung des dort gegebenen Binnenmarktbedarfs beschränkt und erlangte zunächst keine Exportbedeutung. Im Jahr 1926 waren die deutschen Lieferfirmen wieder mit rund 70 v. H. an der Deckung des Weltbedarfs in Reismüllerei-Maschinen beteiligt. Sie konnten vor allem deshalb auf den Auslandsmärkten wieder; Fuß fassen, weil sie darauf eingestellt waren, sich den Spezialwünschen der ausländischen. Kunden besonders eng anzupassen – eine Eigenschaft, die den deutschen Maschinenbau ganz allgemein auszeichnete und ihn in die Lage versetzte, verlorene Exportpositionen in verhältnismäßig kurzer Zeit wieder zurückzugewinnen. Die später einsetzenden Schwankungen im Absatz von Reismüllerei-Maschinen liefen der allgemeinen Welthandelsentwicklung parallel. So war auch die Abwärtsbewegung seit den Jahr 1931 weniger eine Folge spezieller Veränderungen der Marktkonstellation für diese Art von Maschinenbau-Erzeugnissen, sondern ergab sich, wie für alle anderen Exportgüter auch, aus den Wirkungen der großen, den ganzen Erdball erfassenden Kredit- und Absatzkrise.

Um so schneller und gründlicher hat dann der vergangene Krieg vor allem die überseeischen Positionen der Firma X zerstört. Die Firma war zunächst damit beschäftigt, die schweren Bombenschäden zu überwinden, von denen ihr Betrieb betroffen wurde. Ihre Bemühungen, den Kontakt zu den früheren Auslandsmärkten wiederzufinden, haben nur insoweit zu einem Ergebnis geführt, als sich jetzt bereits erkennen läßt, daß die alten Plätze in Übersee besetzt sind. Die frühere Vertretung der Firma in Argentinien hat sich selbständig gemacht – wohlverstanden mit dem gleichen Fertigungsprogramm, nur nicht für deutsche, sondern für argentinische Rechnung. Chile, das früher auch Reismüllerei-Maschinen aus Deutschland kaufte, wird heute von Argentinien aus mitversorgt. In Peru baute man schon früher, alle die Reismüllerei-Maschinen nach, die überwiegend aus Holz gefertigt werden. Jetzt hat man dort auch die übrige Fertigung aufgenommen, d. h. daß nun sämtliche früher von der Firma X gelieferten Maschinen drüben kopiert werden. Den Markt in Kolumbien und Mittelamerika versorgen USA-Firmen. Es erscheint sehr fraglich, ob es gelingt, dort wieder Beziehungen anzuknüpfen.