Von einem Schock in der City als Folge der Smuts Niederlage bei den südafrikanischen Wahlen zu sprechen, dürfte nicht übertrieben sein. Dabei vergißt man in London keineswegs, daß der Wahlkampf am Kap hauptsächlich innenpolitisch bestimmt war, nämlich um die Stellung der Eingeborenen in Staat und Wirtschaft ging. Die Unions-Partei von Smuts warf den Nationalisten vor, daß sie einen "Sklaven-Staat" für alle Farbigen schaffen und damit das Rad der Entwicklung erheblich zurückdrehen wollten. Die Nationalisten antworteten mit dem Gegenvorwurf, daß die Erweiterung der demokratischen Rechte für Nichteuropäer halsabschneiderisch für das weiße Südafrika wirke.

Doch der Regierungswechsel in Südafrika kann nach Londoner Ansicht nicht ohne Rückwirkung auf die wirtschaftliche Haltung des Dominions gegenüber dem britischen Mutterlande, dem Sterling-Block und den USA bleiben. Um diese Befürchtung richtig werten zu können, muß man sich an die Ereignisse der letzten zehn Jahre erinnern. Industriell, finanziell und bei der Einfuhrgestaltung hat sich in Südafrika vieles gewandelt. Der Zwang zur Eigenproduktion während des Krieges hat auch in Südafrika Verschiebungen mit sich gebracht, die auf die Nachkriegsverhältnisse ausstrahlen. Die 1940 gegründete Industrial Development Corporation hat die südafrikanische Industrie vielseitiger, leistungsfähiger und gegenüber ausländischer Konkurrenz Widerstandsfähiger gemacht. Neben dieser staatlich unterstützten Entwicklungsgesellchaft sind auch neue private Unternehmungen entstanden, etwa für die Herstellung von landwirtschaftlichen Geräten oder für eine auch heute noch exportfähige Konservenindustrie, all dies basiert auf erweiterter Inländischer Rohstoff- und Stahlbasis. Dazu haben sich neue Lieferanten zu den früheren Europäischen gesellt.

Aushilfsweise kamen im Kriege Verbrauchsgüter aus Brasilien und Argentinien, allerdings so teuer und qualitativ geringwertig, daß dieses Geschäft nach dem Kriege wieder sehr schrumpfte. Die Vereinigten Staaten dagegen, die im Kriege nur eine begrenzte Expansion auf dem Südafrikanischen Markte vornehmen konnten, haben sich seitdem sehr durchsetzen können. Heute stehen die USA an erster Stelle auf der südafrikanischen Einfuhrliste unter Verdrängung Großbritanniens von seiner traditionell führenden Stellung, und es hat den Anschein, als ob sie sich auch auf diesem Platz behaupten werden, obwohl zwei Schwierigkeiten dem im Wege stehen, die Zahlungsverhältnisse und die stark europäische Geschmacksorientierung in Südafrika.

Noch ernster beurteilt man in London die finanzielle und monetäre Abkehr Südafrikas vom Mutterlande. Formell gehört Südafrika zwar noch zum Sterling-Block. Aber seine einmalige Stellung als größter Goldproduzent und seine im Herbst. 1947 vorgenommene Beschränkung der Goldbereitstellung für England hat es praktisch zu einem Hartwährungsland gemacht, oder doch eine Zwischenstellung geschaffen. Bekanntlich wurde im letzten Herbst England ein dreijähriger "Goldvorschuß" im Werte von 80 Mill. £ mit der niedrigen Verzinsung von 1/2 v. H. gewährt, der helfen soll, das Loch in der englischen Zahlungsbilanz zu stopfen. Doch dieser Vorschuß ersetzt nur die früher laufend erfolgten, nunmehr eingestellten Goldlieferungen Südafrikas, so daß der "Economist" seinerzeit zu diesem Abkommen süßsauer bemerkte: "Bettler können nicht wählerisch sein; sie müssen froh sein, wenn sie, wie jetzt England, von der Hand in den Mund leben können."

Parallel zu dem Golddarlehen Südafrikas – das längst von einem Schuldner zu einem Gläubiger Englands geworden ist – liefen Beschränkungen in den Kapitalbewegungen: Maßnahmen gegen britische Kapitalflucht zum Kap und gegen die Verlagerung kontinental-europäischer und amerikanischer Guthaben aus London nach Südafrika. Nimmt man hinzu, daß sich der britische Anteil am südafrikanischen Goldbergbau von 50 v. H. vor dem Kriege auf nunmehr schätzungsweise 40–45 (v. H. gesenkt hat, daß sich hinter der entsprechenden Verstärkung des südafrikanischen Anteils einige USA-Beteiligungen verbergen dürften, und daß auch am Diamantenbergbau und an; einigen verarbeitenden Industrien ein langsam! zunehmendes amerikanisches Interesse besteht, so erkennt man den Hintergrund der City-Befürchtungen, die sich an den zu erwartenden politischen Abstand der neuen südafrikanischen Regierung von London knüpfen.

Zwar braucht man wohl nicht mit baldigen offiziellen Kursänderungen, wie etwa einem formlichen Ausscheiden Südafrikas aus dem Sterling-Block zu rechnen. Aber der direkte Fluß von südafrikanischem Gold nach USA und die Gegenbewegung von amerikanischem Kapital nach Südafrika wird naturgemäß von der englischen Wirtschaft ernster bewertet, nachdem die Regierungssessel nunmehr von Männern kontinentaleuropäischer Abstammung besetzt werden, die eine Republik Südafrika unter Lösung von der britischen Krone als Fernziel bezeichnen.

Gw.